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Die Regionalzeitung mit eigenem Mantel – ein Auslaufmodell

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Und wieder einmal gibt eine regionale Tageszeitung ihren eigenständigen Mantel auf. Bei der Westdeutschen Zeitung in Düsseldorf sollen auch deshalb geschätzt rund 50 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Dass ein Mantel zugeliefert wird, ist keine journalistische Bankrotterklärung. Nur müsste im Gegenzug mehr lokale und regionale Kompetenz aufgebaut werden.

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Zunächst: dass regionale und lokale Tageszeitungen ihre Mantelteile nicht mehr in Eigenregie schreiben und produzieren, ist keine neue Entwicklung. Zum einen lassen sich diese Mäntel in der Regel nicht ohne Hilfe von Nachrichtenagenturen füllen. Wer heute eine durchschnittliche Regionalzeitung durchschaut, wird sehr viele Agenturkürzel finden. Das ist kein Makel. Der dpa- oder AFP- oder Reuters-Korrespondent kann die Lage auf der Krim besser beurteilen als ein Nachrichtenredakteur in Hannover.

Die Allgäuer Zeitung bezieht schon sehr lange den Mantel der Augsburger Allgemeinen. Bereits 2001 ließ sich der Schwarzwälder Bote einen Großteil der Inhalte für seinen Mantel von den Stuttgarter Nachrichten liefern. Die Stuttgarter beliefern gleich eine ganze Reihe von Regionalzeitungen, darunter die Zeitungsgruppe Hof/Coburg/Suhl. Just erklärte die Mediengruppe Oberfranken, man kooperiere mit der Main-Post. Die Kölnische Rundschau lässt sich ihren Mantel neuerdings vom Bonner General-Anzeiger stricken.

Die Zahl der „publizistischen Einheiten“ nimmt seit Jahren ab. Die Idee von der Lokalzeitung, die sich auch eine eigene Mantelredaktion leistet, in der eine Handvoll Redakteure internationale Meldungen zusammenstellt und der Chefredakteur einmal in der Woche einen Leitartikel zur Lage der Nation, zur Krise der aktuellen Koalition oder zum deutsch-amerikanischen Verhältnis schreibt – ist in absehbarer Zeit tot. Die Mehrzahl der Verlage kann sich solche Ausgaben heute weder leisten. Noch sollte sie sich die leisten – wenn sie sich das eigentlich nicht leisten kann.

Zur Klarstellung: Ein Mantel mit internationalen und nationalen Themen, meistens auch mit einer Seite „Buntes aus aller Welt“, ist bei älteren Zeitungslesern gelernt und wird auch gewünscht. Ein reines Lokalblatt, in dem höchstens noch die neuesten Geschichten aus der Kreisstadt zu finden sind, reicht nicht aus. Viele Leser wollen, obwohl sie über diese Themen schon gehört oder gelesen haben, noch einmal die Rekapitulation der „Tagesschau“ im Blatt.

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Seit Jahren bemühen sich die ambitionierten Regionalzeitungen, mit der Hilfe von Agenturen, mehr Hintergründe zu diesen „Tagesschau“-Themen zu liefern, im Idealfall mal eine Infografik, eine Reportage. Der gestiegene Anspruch an die Zeitungs-Mäntel ist ein direktes Resultat aus der Allverfügbarkeit von Nachrichten. Und genau diese gestiegenen Ansprüche kann eine Zeitung etwa von der Größenordnung der Westdeutschen Zeitung nicht mehr befriedigen.

Eine Lösung, bei der überregionale Inhalte von einem Partner, im Idealfall einem größeren Verlag, beigesteuert werden, die dann aber von einem eigenen Team zu einem Mantel produziert werden, ist darum kein journalistisch verwerfliches Konzept. Warum sollte für Print nicht die alte digitale Weisheit von Jeff Jarvis gelten: „Tu, was du am Besten kannst, und verlinke zum Rest“?

Der Knackpunkt ist dagegen die Frage, ob die eingesparten Ressourcen zumindest teilweise an anderer Stelle im Blatt eingesetzt werden können. Also: Wird ein Mantelredakteur künftig im Lokalen/Regionalen eingesetzt? Leider lässt sich diese Verteilung von Arbeitskraft so nicht oft beobachten. Beispielsweise werden bei der Westdeutschen Zeitung voraussichtlich auch Lokalausgaben ausgedünnt. Bei der Kölnischen Rundschau legt man Lokalredaktionen mit denen des Kölner Stadt-Anzeiger zusammen. Die WAZ entkernte bei der Westfälischen Rundschau – ein Extrembeispiel freilich – gleich die gesamte Redaktion, und lässt sich auch die Lokalteile von Mitbewerbern füllen.

Es mag eine Binse sein, doch sie bleibt richtig: Die Regionalzeitung hat nur eine Zukunft, wenn sie ihre lokale und regionale Berichterstattung gedruckt und digital auf neue Beine stellt. Zuschnitte von Verbreitungsgebieten können geändert und Produktionsmethoden sowie –abläufe überdacht werden. Nur muss der Leser und Nutzer wissen, dass da wirklich eine Redaktion von Fleisch und Blut sitzt, die sich auskennt. Ein Mantel kann durch Kooperationen besser werden. Im Lokalteil ist jede personelle Einsparung mit sofortigem Qualitätsverlust spürbar.

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