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Richard Gutjahr über LaterPay: Paid Content nach dem Bierdeckel-Prinzip

Hat Micropayment im Journalismus Chancen? Richard Gutjahr meint: Ja! Foto: Mathias Vietmeier
Hat Micropayment im Journalismus Chancen? Richard Gutjahr meint: Ja! Foto: Mathias Vietmeier

Der Blogger und Fernsehjournalist Richard Gutjahr engagiert sich als Berater und in seinem Blog für das Münchner Startup LaterPay. Mit dem neuen System sollen journalistische Inhalte so unkompliziert gekauft werden, wie der Klick auf einen Like-Button erfolgt. Bezahlt wird später. MEEDIA sprach mit Gutjahr über die neue Idee des Paid Content nach dem Bierdeckel-Prinzip.

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In Deinem Blog stellst Du das neue Micropay-System LaterPay vor. Kurz und knapp: Wie funktioniert das, was ist das Besondere dabei?

Richard Gutjahr: Auch im Jahr Vier nach dem iPad ist das Bezahlen journalistischer Inhalte im Netz immer noch eine Zumutung. Jedes Haus hat sein eigenes Pay-System. Statt den Lesern in ihrer Lebenswirklichkeit zu begegnen, ihnen das Querfeldein-Lesen und Bezahlen einzelner Artikel aus unterschiedlichen Verlagen zu ermöglichen, halten die Häuser an ihren Zwangsbündelungen fest, so als ob es das Internet mit seiner Verlinkungs- und Empfehlungskultur nie gegeben hätte. Mit LaterPay wollen wir helfen, diese Hürden abzubauen, indem wir den Bezahlvorgang so einfach machen wollen wie das „Liken“ bei Facebook – und zwar für Leser wie auch für die Anbieter der Inhalte.

Welche Rolle spielst Du bei LaterPay, dass Du das System auf Deiner Website so prominent vorstellst?

In meinem Blog beschäftige ich mich schon seit Jahren mit Bezahlsystemen, übrigens aus ganz eigennützigen Motiven. Auch ich stecke viel Zeit und Energie in meine Artikel und spüre, dass meine Leser oft das Bedürfnis haben, mich für gute Texte bezahlen zu wollen. Leider sind die meisten Bezahlprozeduren immer noch viel zu kompliziert. Nachdem ich viele Micropayment-Systeme ausprobiert habe, von PayPal über Kachingle bis flattr, habe ich hier in München das Team von LaterPay kennengelernt. Aus einer anfänglichen Neugier ist so etwas wie Überzeugung geworden, so dass ich schließlich als freier Berater für die Entwicklung des WordPress-Plugins sowie für weiterführende journalistische Einsatzmöglichkeiten („In-Page-Purchases“) zum Team hinzugestoßen bin.

Die Leute sollen quasi gleich lesen und später zahlen. Und eine Art „Rückgaberecht für Content“ gibt es auch noch. Wie kann verhindert werden, dass die Leute einfach massenweise Content zurückgeben?

Das erledigt ein Algorithmus, der automatisch ermittelt, ob jemand überproportional oft Inhalte abruft, die er dann auffällig oft wieder zurückgibt. Hier stehen wir vor einem Spagat: Einerseits wollen wir jedem Leser die Möglichkeit geben, Artikel zurückzugeben, wenn der nichts taugt, genauso wie man das im Restaurant hin und wieder mit dem Essen macht. Andererseits wollen wir verhindern, dass jemand dieses Vertrauen systematisch missbraucht und der ehrliche Zahler am Ende der Dumme ist.

Es heißt, das Bezahlen sei ganz einfach mit zwei Klicks möglich. Aber irgendwo anmelden muss ich mich doch trotzdem oder? LaterPay muss doch eine Kreditkartennummer oder Bankverbindung haben. Wie wird das geregelt?

Klar muss man sich irgendwann mal registrieren. Allerdings kommen wir dem Leser hier sehr entgegen. Das System funktioniert nach dem klassischen Bierdeckel-Prinzip in der Kneipe: Man liest einen Artikel und erklärt sich bereit, später dafür zu bezahlen. Sobald eine Summe von 5 Euro zusammengelesen wurden, wird man gebeten, sich einmal – und wirklich nur dieses eine Mal! – zu registrieren und eine Kreditkarte oder eine Kontoverbindung zu hinterlegen oder aber über Sofortüberweisung oder PayPal zu bezahlen. Ab diesem Moment läuft alles automatisch. Kein Passwort, keine Anmeldung mehr nötig. Sobald man wieder 5 Euro erreicht hat, wird der Betrag abgebucht. Dazu gibt es einen elektronischen Zähler sowie eine Cent-genaue Auflistung sämtlicher Artikel, die man in einem Monat bezogen hat.

Zahlvorgänge ab 5 Cent pro Artikel sollen möglich sein. Es heißt zwar, Kleinvieh macht auch Mist, aber ist das nicht ein wenig zu mickriges Micropayment?

Frage mal einen Mobilfunkbetreiber, wieviel er jährlich an seinen mickrigen SMS verdient – und das, obwohl es heutzutage doch Dutzende Gratis-Alternativen wie WhatsApp oder Facebook Messages gibt. Peanuts? Wir reden hier über drei Milliarden-Euro jedes Jahr, allein in Deutschland. Ausserdem wissen wir ja noch gar nicht welche Inhalte zu welchen Preisen verkauft werden können. LaterPay bietet die Möglichkeit auch zu niedrigen Preisen zu verkaufen. Letztendlich wird dem Markt dadurch die Möglichkeit gegeben sich zu finden und dem Leser die Chance, zu lernen, guten Journalismus – auch im Netz – sprichwörtlich „Wert“ zu schätzen.

Haben Du und LaterPay das Modell schon mal Medienunternehmen vorgestellt, falls ja, wie haben die darauf reagiert?

Immer wieder. Mit stern.de gab es sogar schon mal einen beinahe-Anlauf, das System bei Gruner + Jahr auszurollen. Technisch hatte das offenbar schon damals problemlos geklappt. Dann kam es in Hamburg jedoch zu Umstrukturierungsmaßnahmen, so dass das Modell wieder in der Schublade verschwand. Das war aber noch vor meiner Zeit.

Hast Du schon selbst testweise Erfahrungen mit LaterPay gemacht?

Nein, nur in der geschlossenen Beta. In der freien Wildbahn feiert LaterPay seine Premiere tatsächlich in meinem kleinen, behüteten Blog. Offiziell rollen wir das System dann für Blogger wie auch für Verlage in etwa drei Monaten aus. Bis dahin wollen wir Erfahrungen sammeln, technisch wie auch inhaltlich, die man im Labor nur schwer testen kann.

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Du schreibst, Dein Blog wird weiter frei zugänglich sein aber die berühmten „weiterführenden Inhalte“ können mit LaterPay gekauft werden. Klingt verdächtig nach dem guten alten Freemium-Modell …

Stimmt, mit dem kleinen aber entscheidenden Unterschied, dass man bei mir nicht das ganze Menü bezahlen muss, wenn man doch nur Lust auf die Vorspeise hat. Blogs sind in der Regel gratis, deshalb werde ich einen Teufel tun, mich hinter einer Paywall zu verschanzen. Ich will auch in Zukunft mit all meinen Seiten die volle Reichweite behalten. Dass man jetzt aber auch die Möglichkeit hat, kleinste Bonus-Bestandteile eines Artikels mit einem Preisschild zu versehen, das ist neu, zumindest für den Bereich Journalismus. Hier orientieren wir uns ein wenig an der Games-Welt, wo In-App-Purchases fast schon eine Selbstverständlichkeit sind und vom User auch durchaus akzeptiert werden.

Du sagst selbst, dass Du mit Deinem Berater-Engagement bei LaterPay die Rolle des neutralen Beobachters bewusst verlässt. Wo siehst Du da als Journalist eventuell Probleme?

Naja, ich bin was LaterPay betrifft natürlich alles andere als neutral. Das ist so – Punkt – und das soll auch jeder wissen. Ich habe viel Herzblut, auch die eine oder andere Idee in das System gesteckt. Einfach deshalb, weil ich von dem Ansatz, den LaterPay verfolgt, überzeugt bin.

Bist Du auch finanziell an LaterPay beteiligt?

Nein. Ich bin an dem Startup nicht beteiligt, für meine Beratung und die Zeit, die ich in dieses Projekt stecke, erhalte ich lediglich eine überschaubare Pauschale. Davon leben könnte ich nicht.

Wer finanziert LaterPay?

Mit der zweiten Finanzierungsrunde im Sommer 2013 ist ein Privatinvestor aus der Schweiz an Bord gekommen. Die Bestandsinvestoren aus der Seed-Finanzierungsrunde im Jahr 2011 sind weiterhin mit von der Partie: Klaas Kersting (Gründer Gameforge und Flaregames), Adrian Bult (ehemaliger CEO Swisscom Mobile), Christoph Brand (ehemaliger CEO Sunrise Schweiz) und die Industriellenfamilie Schoeller.

Wie sieht das Geschäftsmodell von LaterPay selbst aus? Provision?

Im Modell 1, also 15% Umsatzprovision, sind alle Kosten für den Anbieter mit der Provision abgedeckt; nutzt der Anbieter LaterPay nicht entstehen auch keine Kosten. Im Modell 2, 10% Umsatzprovision zzgl. einer monatlichen Betriebskostenpauschale, zahlt der Anbieter bei Nichtnutzung die Pauschale weiter.

Wenn jemand LaterPay ausprobieren will, als Anbieter oder Leser, wie geht man am besten vor, wo klickt man am besten hin?

Wir bauen gerade eine Test-Seite, in der man nach Belieben herum-klicken kann, ohne dabei tatsächliche Kosten auszulösen. Das war mir wichtig, weil ich selbst jemand bin, der alles erst einmal ausprobieren will, bevor ich mich zu irgendetwas verpflichte. Ab der nächsten Woche werde ich dann damit beginnen, LaterPay-Inhalte vereinzelt in meine Blog-Artikel zu integrieren – und zwar dort, wo das auch tatsächlich Sinn macht. Technik nur um der Technik willen war mir schon immer suspekt.

Die Fragen an Richard Gutjahr wurden via E-Mail gestellt. 

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