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Wenn Uli Hoeneß die Abendzeitung München gekauft hätte

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Foto: dpa Uli Hoeneß hätte einer von ihnen sein können: Alexander Lebedev, Jeff Bezos (v.l.)

Was macht der Staat mit den vielen Millionen Euro, die er nachträglich von Uli Hoeneß und Co. kassiert? Schon aus Dank für die Hilfe von Stern und Co. sollte er mit dem Geld den investigativen Journalismus fördern – oder Investitionen in den Qualitätsjournalismus steuerlich begünstigen. Ein Plädoyer aus aktuellem Anlass von Peter Littger

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Die Koinzidenz der Ereignisse in München provoziert ein Gedankenspiel: Uli Hoeneß muss nicht ins Gefängnis, weil er (im richtigen Moment!) als Großaktionär bei der defizitären Abendzeitung eingestiegen ist. Nicht, dass damit unbedingt der unabhängigen Berichterstattung der Zeitung gedient wäre. Aber die Größenordnungen sind vergleichbar: Von Hoeneß wissen wir, dass er in einem einzigen Jahr Spekulationsgewinne von mehr 70 Millionen Euro erzielte – ziemlich genau der Betrag, den die Abendzeitung seit 2001 als Verlust angehäuft hat.

Zunächst ist es bemerkenswert, dass es in den Jahren seit 2000 einerseits zu gigantischen Zuwächsen individueller Vermögen gekommen ist. Der Staat entwickelt sich durch neue Regeln und verstärkte, systematische Recherchen zum Nutznießer der Entwicklung.

Zugleich mahnt uns der Fall der Abendzeitung – nach FTD, FR und den jüngsten, sich offenbar strukturell verfestigenden Verlusten etwa der FAZ –, dass es seit dem Beginn dieses Jahrhunderts bergab geht mit den traditionellen journalistischen Verlagsmedien. Gefährdet sind die Redaktionen, die sich dem Thema Steuerhinterziehung verantwortungsvoll und ausführlich widmen, der Öffentlichkeit Orientierung bieten – und wie im Fall Hoeneß auch zentral zur Aufklärung beitragen.

Es werden noch mehr Verlagsinsolvenzen folgen

Es werden noch mehr Verlagsinsolvenzen folgen, und die Abendzeitung ist nicht die einzige Redaktion in München und schon gar nicht in Deutschland, die Investoren vom Schlage Hoeneß’ sucht – oder gar seines inzwischen verstorbenen, noch potenteren Leihgebers: Robert-Louis Dreyfus soll Hoeneß 20 Millionen D-Mark geliehen haben und hatte zudem viel Erfahrung mit Medienbeteiligungen.

Aus anderen Ländern kennen wir Beispiele: Reiche Einzelpersonen steigen ein ins klassische Zeitungsgeschäft und häufen Verluste in beträchtlicher Höhe an. Diese dürften in Deutschland zwar nicht direkt und in voller Höhe mit Gewinnen aus Spekulationsgeschäften verrechnet werden, aber im Prinzip tragen sie erheblich bei zur Senkung der Steuerlast. Hätte Hoeneß das richtig und rechtzeitig gemacht, könnte er jetzt eine Redaktion besitzen.

Doch warum sollte sich ausgerechnet ein Bayern-Manager und Fleischwurstunternehmer für Verlagsbeteiligungen interessieren? So wie Alexander Lebedew, der 2010 die Londoner Zeitungen „Independent“ und „Evening Standard“ kaufte, oder Bernard Arnault, dem seit 2007 „Les Echos“ gehört.

Platt gesagt: um Einfluss zu gewinnen. Zudem zählt Hoeneß zu den reichen Menschen, die a) gerne Steuern vermeiden, sowie b) als fähiger Manager und zugleich c) als Wohltäter und vielleicht auch als Mäzen angesehen werden möchten. Wer diesen Ansprüchen gleichzeitig gerecht werden will, wird als so genannter Sozialunternehmer tätig – er investiert in ein nicht primär gewinnorientiertes aber zugleich gesellschaftlich relevantes Unternehmen. Nur so lassen sich große Abschreibungen und großes Ansehen miteinander verbinden.

Förderung von investigativem Journalismus ist Sozialunternehmertum

Ähnlich hat sich auch Jeff Bezos positioniert, als er vergangenes Jahr die Washington Post für 250 Millionen Dollar kaufte. Die Financial Times in London zitierte den Blogger Alan Mutter zur Frage, warum einige reiche Menschen Zeitungen kaufen: „Ich nehme an, dass sie große Vermögen haben, die sie verringern möchten.“ Das Kalkül lautet: Entweder ich zahle sehr viel Steuern, oder ich lasse es auf große Abschreibungen ankommen. Also erwerbe ich ideelle Positionen, gewinne damit idealerweise gesellschaftlichen Einfluss und Anerkennung – und zahle weniger Steuern.

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Je mehr nun die Erlöse der Verlage wegbrechen und sie Gefahr laufen, in die Verlustzone zu rutschen, desto mehr werden sie sich auf die Suche nach fähigen Wohltätern – oder nach öffentlichen Förderungen – machen müssen. Die meisten Verlage lehnen diese Optionen noch ab, selbst wenn sie wissen, dass die Finanzierung ihrer Redaktionen strukturell gefährdet ist. Vor allem der investigative Journalismus, der einen großen Dienst für die Gesellschaft leisten kann, ohne dass sich diese Leistung ausreichend und dauerhaft refinanzieren ließe, erfüllt aus meiner Sicht die Voraussetzungen für Sozialunternehmertum – verschiedene Varianten zur Schaffung von Körperschaften im so genannten Dritten Sektor sind im Gespräch.

In einem Essay für MEEDIA im Januar 2013 über die „öffentlich-rechtliche Grundhaltung in Zeitungsverlagen“ habe ich die Situation und die Konsequenzen bereits analysiert. Kurz gesagt, schlingern Verlage auf das unlösbare Problem zu, die Gehalts- und Kostenstrukturen gewinnorientierter Unternehmen mit dem Geschäftsauftrag öffentlicher Institutionen und ehrenamtlicher Vereine und Stiftungen zu verbinden. Da sie einem ähnlichen Auftrag wie mit Steuern (beispielsweise die Zeitung des Bundestags „Das Parlament“, das Magazin DE des Auswärtigen Amtes) oder mit Gebühren (ARD, ZDF, Deutschlandradio) finanzierten Medien folgen – jedoch keinerlei Steuern oder Gebühren beziehen – droht die Insolvenz des zentralen Geschäftszwecks: des engagierten, kritischen und gründlich recherchierten Journalismus’ – ein Journalismus mit Verantwortung, Haltung und Tiefgang.

Im Fall Hoeneß haben wir – wieder einmal – ein Zusammenspiel zwischen privat finanzierter Presse und staatlichen Ermittlungs- und Finanzbehörden erlebt. Vor allem den Publikationen Stern, Spiegel und Süddeutsche Zeitung kam eine tragende Rolle zu. Obwohl ich die Qualität ihrer Recherchen und ihren Beitrag zur Aufklärung der Sachlage nicht bis ins Detail beurteilen kann, so ist es unbestritten, dass ihr initialer Beitrag zur öffentlichen Verbreitung und Einordnung des Falls sehr wichtig war. Ich gehe davon aus, dass es dem Staat zugute kommt, wenn Medien einen Präzedenzfall mit großen Abschreckungseffekten schaffen. Und selbst wenn dem Stern die Angelegenheit von der Politik gesteckt wurde, wie Hans-Ulrich Jörges mutmaßte, der sich bei Günther Jauch als Hoeneß-Freund vorstellte, so haben die Recherchen und die Veröffentlichung einen Handlungsdruck erzeugt, der ohne Zweifel dazu beitrug, dass Hoeneß erstens eine Selbstanzeige verfasst und sie zweitens schludrig und ungültig war. Keine Frage: Dem Staat kam die Hilfstätigkeit von Stern und Co. am Ende zu Gute. Er wird nun rund 28 Millionen Euro von Hoeneß erhalten.

Reputation garantiert keine Refinanzierung mehr

Und was bekommen im Gegenzug die fleißigen Journalisten und ihre Medien? Steigen dadurch Verkaufserlöse? Steigen dadurch Anzeigenerlöse? Unwesentlich. Bloß die öffentliche Reputation mag sich verbessern – doch auf dieses Dilemma hat schon vor Jahren der New Yorker hingewiesen: Nie waren journalistische Marken wie etwa „The Guardian“ bekannter als heute. Nie konnten sie ihre Position so wenig monetarisieren wie heute.

Das ist nicht fair. Vor allem nicht wenn man bedenkt, dass der Staat bereit sind, erhebliche Summen für Datenträger mit Steuerbetrügern zu bezahlen. Diese Form der verdeckten und hochbezahlten Hilfstätigkeit für den Staat ist und bleibt ethisch zweifelhaft und ist über die reine Denunziation hinaus weniger erkenntnisfördernd für die Öffentlichkeit als jede verantwortungsbewusst recherchierte, exklusive journalistische Geschichte. Vielleicht wäre der Staat gut beraten, Redaktionen Anreize für eine Zusammenarbeit zu schaffen und ein Prämienmodell zu entwickeln. Der Fall Hoeneß sollte als Gedankenanstoß dienen! Dass staatliche Prämien als Aushöhlung der Pressefreiheit gedeutet werden könnten, sehe ich. Aber ich argumentiere zugunsten von Redaktionen in Not – und Not macht erfinderisch.

Noch besser wäre ein von einzelnen Fällen unabhängiger Recherchefond, der idealerweise individuelle Journalisten fördert, so dass Steuergeld nicht Verlagsunternehmen in der Krise, sondern motivierten und fähigen Einzelpersonen zugute käme, gewissermaßen als Stipendien. So ließe sich auch das Problem der „staatlichen Beihilfe“ für (oft schlecht gemanagte) Privatunternehmen vermeiden, das analog zum Kohlepfennig ein Eindruck erwecken könnte, dass hier durch die Hintertür eine Art „Zeitungspfennig“ geschaffen wird.

Die jüngsten Ereignisse in München laden jedenfalls dazu ein, nach Möglichkeiten zu suchen, gesellschaftlichen Nutzen aus einer Situation zu ziehen, in der Steuerhinterziehung einerseits und ein dahin darbender privater Qualitätsjournalismus andererseits der Gesellschaft schaden – der bedrohte Journalismus aber zugleich wesentlich zur Aufklärung des ersten Problems beiträgt.

Wir dürfen davon ausgehen, dass auf Basis der Handlungsmotive, die ich am Beispiel von Hoeneß umrissen habe, auch in Deutschland private Presseoligarchen auftreten werden, die nicht mehr dem Profil des klassischen Verlegers entsprechen, und die ihre Investitionen steuerwirksam also indirekt auf Kosten der Öffentlichkeit einzusetzen wissen. Eine von vermögenden Einzelpersonen abhängige, indirekt staatlich geförderte Unterstützung gefährdeter Redaktionen – sowie auch die Gründung neuer Redaktionen – ist immer eine Option. Eine der Unabhängigkeit verpflichteten direkte Förderung investigativer Journalisten würde ich aus ethischen Erwägungen vorziehen.

Foto_PeterLittgerPeter Littger ist Journalist (u.a. Kolumnist von Spiegel Online) und Berater für Qualitätsinhalte. Er ist Partner von Premiummedia Content Consulting: littger-at-premiummedia.cc (Foto: Timm Koelln)

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