Anzeige

Der Fall Gathmann: Prinzipientreue oder Prinzipienreiterei?

Ehemaliger Zeit Online-Mitarbeiter Moritz Gathmann: „Hinterher ist man immer klüger“
Ehemaliger Zeit Online-Mitarbeiter Moritz Gathmann: "Hinterher ist man immer klüger"

Der Fall des freien Journalisten Moritz Gathmann und sein beendetes Engagement für Zeit Online hat sich mittlerweile zu einer Mini-Medien-Affäre ausgewachsen. Beteiligte: “Russland-Versteher” Gathmann, die Hüter der deutschen Qualitätspresse, Medienblogger Niggemeier, Twitter und eine Image-Broschüre Russlands. Aus der Sache kann man einiges über die Schwierigkeiten von Medien- und Medienschaffenden mit digitaler Kommunikation lernen.

Anzeige
Anzeige

Zunächst das, was geschehen ist in groben Zügen: Der freie Autor Moritz Gathmann hat für Zeit Online einige Texte über die Krise in der Ukraine geschrieben und teilweise auch deren Live-Ticker “Ukraine News Blog” bestückt. Auftritt David Schraven, Leiter des Investigativteams bei der WAZ und Vorstand im Verein Netzwerk Recherche.

Schraven twittert am vergangenen Samstag Jochen Wegner, den Chefredakteur von Zeit online an:

Grund für Schravens Unbehagen ist, dass Gathmann auch als Gastredakteur für die Publikation Russland heute tätig ist. Eine monatlich erscheinende Beilage, die von der russischen Regierung finanziert wird, in diversen Ländern erscheint und das Image von Russland im Ausland aufpolieren soll. Russland heute liegt u.a. der Süddeutschen Zeitung, der Washington Post oder der französischen Le Figaro bei – nicht den schlechtesten Adressen. Wegner befindet sich zum Zeitpunkt des Schraven-Tweets gerade in Texas auf dem Digital-Kongress South by Southwest (SXSW). Trotzdem reagiert er zeitnah auf Twitter. Nur wenige Stunden nach Schravens Tweet meldet Wegner in der Causa Gathmann via Twitter Vollzug:

Schraven bedankt sich öffentlich. Nun beginnt die eigentliche Debatte. Einige, darunter Medienblogger Stefan Niggemeier und Benno Stieber vom Verein Freischreiber, der für die Belange von freien Journalisten eintritt, sind der Meinung, Zeit Online habe mit der schnellen Demission Gathmanns überreagiert. Und Schravens Verhalten, so Stieber, grenze “schon an Rufmord”, gibt er bei Newsroom.de zu Protokoll.

Anzeige

Es kommt heraus, dass Gathmann für einen 5.000-Zeichen-Text bei Zeit Online nur 150 Euro bekommen hat. Zeit Online und Chefredakteur Wegner verweisen auf die ethischen Standards des Mediums, die eine Vermischung von PR und Redaktion ausschließen würden. Autor Gathmann hat von der reinen Lehre der Trennung zwischen PR und Redaktion, die bei der Zeit herrscht, offenbar nichts gewusst. Auf seiner Homepage hat er seine Mitarbeit bei Russland heute offen angegeben. Gegenüber Newsroom.de sagte er, dass es wohl klüger gewesen wäre, “spätestens im Januar aus dem Projekt auszusteigen – angesichts der immer stärker werdenden medialen Polarisierung aufgrund der Ukraine-Krise”. Mittlerweile hat er seine Mitarbeit bei Russland heute von sich aus aufgegeben.

Zeit Online wird ihn trotzdem nicht wieder beauftragen. Wer als Mitarbeiter von  Zeit oder Zeit Online für Corporate Publishing oder PR-Objekte schreibt, ist für das betreffende Thema oder angrenzende Themenfelder im redaktionellen Teil für zwei Jahre gesperrt.

Zeit und Zeit Online haben sich hier strenge aber nachvollziehbare Regeln gegeben, die offenbar auch tatsächlich gelebt werden, wie der Fall Gathmann zeigt. Das ist gewiss nicht überall so und eigentlich zu begrüßen. Andererseits ist es natürlich auch ein bisschen verlogen, dass die Zeit zwar auf die Einhaltung ihrer reinen Lehre pocht, andererseits erfahrene Autoren mit 150 Euro pro Artikel abspeist. Für ein Online-Medium ist das zwar normal, wenn man den Autoren aber gleichzeitig praktisch verbietet, mit PR-Aufträgen dazuzuverdienen, wird es in der Praxis womöglich bisweilen eng. Zumal die PR-Ausschlussklause der Zeit offenbar nicht offensiv von der Redaktion kommuniziert wurde.

Dass die Image-Publikation des russischen Staates von der Süddeutschen Zeitung, einem der angesehensten Qualitätsmedien des Landes, unter die Leute gebracht wird, scheint indes niemanden zu jucken. Bei der SZ läuft Russland heute als Anzeigen-Beilage. Insofern kann man sich dort die Hände in Unschuld waschen. Schon 2011 sagte SZ-Auslandschef Stefan Kornelius gegenüber dem Spiegel: „Es gibt keine Zusammenarbeit, das ist eine Anzeigenbeilage.  De facto sei die Anzeigenabteilung für das Geschäft mit Russland heute zuständig.“

So einfach ist das. Der Verlag kassiert Geld vom russischen Staat für die Verbreitung von Russlands Image-PR und bezahlt u.a. von diesem Geld die total unabhängigen Top-Journalisten der SZ. Alles sauber. Der freie Autor, der nebenher für Russland heute arbeitet, weil die Qualitätsmedien ungern viel Geld für ihre Qualitäts-Inhalte ausgeben, darf das nicht. Das ist bäh. Nun könnte man vielleicht unterstellen, dass die mögliche Einflussnahme eines PR-Auftraggebers bei einem direkten Kontakt zum Journalisten womöglich größer ist, als bei der indirekten Finanzierung über die Anzeigenabteilung und Lohnbuchhaltung. Nun ist es aber so, dass fast alle Medien nach wie vor zu großen Teilen von Werbung und PR finanziert werden. Und damit auch die Journalisten. Dass es aber überhaupt gar keine Einflussnahmen oder entsprechende Versuche bei anzeigenfinanzierten Medien auf den redaktionellen Teil gibt, wird kaum jemand ernsthaft behaupten. Da sprechen die Rügen des Presserats in Sachen Schleichwerbung immer wieder eine deutliche Sprache.

Das Mittel der Wahl ist vermutlich die gute alte Transparenz. Hätte man bei den Artikeln des Moritz Gathmann bei zeit Online dazugeschrieben, dass er auch für Russland heute tätig ist, wäre eigentlich alles okay gewesen. Hat man aber nicht. Gathmann hätte daran denken können. Die Redaktion von Zeit Online hätte sich darüber informieren können, wo ihre 150-Euro-Kraft sonst noch so tätig ist. Beides wurde versäumt. Doch der Zeit mit ihren hohen Ansprüchen wäre Transparenz alleine ja sowieso nicht genug gewesen.

Dann gibt es da noch Twitter und den Drang, heute möglichst alles sofort öffentlich zu diskutieren. Dadurch entsteht Handlungsdruck. Vielleicht hätte Zeit Online-Chef Wegner gerne etwas länger nachgedacht. Die Frage ist müßig, denn durch David Schravens Tweet war die Sache in der Welt. Gut möglich dass Medienblogs oder Medienseiten das schnell aufgegriffen hätten. Eile tut immer Not in diesen Tagen. Wegner versicherte aus Texas via Twitter, dass er sich in zwei Stunden zurückmelden würde. In den Kommentaren zu Niggemeiers Blog-Beitrag zum Thema schreibt Wegner den Hinweis, dass er auf Reisen ist und für einige Zeit offline, aber wieder vorbeischauen würde. Der Zeit Online-Chef hat sich bemüht, alles richtig zu machen, die Prinzipien seines Qualitätsmediums hochzuhalten, zeitnah zu kommunizieren, dem gerecht zu werden, was in der digitalen Welt offenbar erwartet wird.

Am Ende haben dann die Prinzipien gewonnen und ein freier Mitarbeiter war ziemlich schnell seinen Job los. Niemand hat wirklich etwas falsch gemacht, trotzdem stehen alle ein bisschen als Verlierer da. Es ist offenbar ein schmaler Grat, wann aus Prinzipientreue Prinzipienreiterei wird. Und aus zeitnaher Kommunikation hektischer Aktionismus.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*