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„So kommen wir nicht weiter“: Georg Wallraf vom BDZV über die Tarifrunde

BDZV-Verhandlungsführer Georg Wallraf
BDZV-Verhandlungsführer Georg Wallraf

Vor der Wiederaufnahme der Tarifverhandlungen am Samstag stehen die Zeichen immer noch nicht auf eine schnelle Einigung. Die Botschaft des BDZV-Verhandlungsführers Georg Wallraf an die Gewerkschaften: "Wenn man seine Mitglieder nur noch motivieren kann, wenn man sie falsch informiert, dann sollte man sich überlegen, ob das die richtige Strategie ist."

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MEEDIA: Am Samstag geht es in die wievielte Verhandlungsrunde?
Georg Wallraf: In die achte.

Gab es schon mal so viele Runden?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber ich glaube nicht.

Woran, glauben Sie, liegt das?
Das hat mindestens zwei Gründe. Erstens: Wir reden nicht nur über Gehaltserhöhungen. Wir reden auch über strukturelle Änderungen in allen vier Tarifverträgen, die für uns bedeutsam sind, also auch über den Manteltarifvertrag. Der zweite Grund ist aus meiner Sicht die eingeschränkte Gestaltungsfähigkeit der Gewerkschaften im Hinblick auf die Herausforderungen der Branche.

Bitte erklären Sie diesen Punkt.
Es ist einfach so: Es geht den Gewerkschaften in den Verhandlungen vor allem um die Wahrung des Besitzstandes. Die Frage der Gewerkschaften ist vor allem: „Was können wir sichern?“ Das ist menschlich zwar durchaus verständlich, hilft aber bei der Beantwortung der größeren Frage nicht weiter, wie man den Tarifvertrag für die Fläche so gestalten kann, dass er zukunftsfähig wird und für eine längere Zeit trägt.

Gerade musste die Abendzeitung München Insolvenz anmelden. Hilft den Verlegern eine solch schlimme Nachricht in der Verhandlungen?
Jede Zeitung, die in die Insolvenz geht, ist eine bittere Nachricht für das Zeitungsland Deutschland. Ich weigere mich, bei diesem Beispiel von Hilfe zu reden. Aber man darf auch die Realitäten nicht ignorieren. DJV und dju behaupten immer wieder, die Verlage erreichten zweistellige Renditen. Natürlich gibt es auch heute Verlage, denen es sehr gut geht. Aber das ist eine Phantomdiskussion. Jeder sieht doch die Auflagenrückgänge, die Anzeigenrückgänge.

Auch für die Verleger gilt doch sicher, dass sie ihren Besitzstand wahren wollen?
Wir haben schon in der letzten Runde gesagt: Tarifgehälter, die die Mitarbeiter im Süden befriedigen, sind für Redakteure in der Eifel, Schleswig-Holstein oder auf dem Land nicht drin. Der Tarif formuliert Mindestarbeitsbedingungen. Wenn es einem Verlag besser geht, kann er ja auch über Tarif bezahlen. Wenn wir nicht auf diese unterschiedlichen Ausgangssituationen eingingen, dann werden viele Verlage die Tarifflucht als Ausweg wählen. Die Gewerkschaften verlangen, überspitzt formuliert, dass wir den Heizer auf der E-Lok weiterbeschäftigen. Sie verweigern sich permanent allen Vorschlägen unserer Seite. Wir landen immer wieder an dem Punkt: Im Mantel soll es keine Veränderungen geben. So kommen wir nicht weiter.

Noch einmal nachgefragt: Tarifflucht deuten Sie als eine Reaktion auf das Verhalten der Gewerkschaften, und nicht als Ziel der Verlage, ihre immer noch vergleichsweise hohen Renditen zu halten?
Ebenso noch einmal: Es geht in den letzten Jahren, in denen das Internet die Nutzungsgewohnheiten radikal schnell verändert hat und der Werbekuchen mit immer mehr Marktteilnehmern geteilt werden muss, nicht um Renditesteigerung. Es geht um zeitgemäße, das heißt flexible Tarife. In denen Leistung im Sinne einer modernen Personalführung als Kriterium eine Rolle spielen muss.

Konkretisieren Sie das bitte etwas.
Wir fordern eine Reduzierung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld um 2 Prozent, bezogen auf das Jahr. Wir sind auf der anderen Seite bereit, nach Wahl des Verlages die Möglichkeit zu eröffnen, zumindest die Jahres-Sonderleistung teilweise als erfolgsabhängige Komponente zu gestalten. In unserem Entwurf ist sogar die Möglichkeit der Übererfüllung vorgesehen. Die Verleger sagen: Wir sind bereit, gegebenenfalls auch mehr zu bezahlen. Aber diese Automatik der Erhöhungen darf nicht sein. Und bei den Leistungskriterien geht es ja nicht nach der Willkür der Verleger. Die Kriterien kommen entweder in den Tarifvertrag oder sie werden unter Mitwirkung der Betriebsräte aufgestellt.

Der Kernsatz der Verleger lautet: „Wir nehmen niemandem etwas weg.“ Stimmt denn das? Wenn das Einkommen stagniert, geht wegen der Inflation doch unterm Strich etwas verloren.
Was man nicht hat, das kann man keinem wegnehmen. Ich verstehe die Rechnungen nicht, die da aufgemacht werden. Der Markt verändert sich permanent, daran müssen wir uns doch anpassen.

Aber Veränderung wird auf Arbeitnehmerseite oft – gerechtfertigt oder nicht – mit Verschlechterung gleichgesetzt. Die Gewerkschaften sagen, der BDZV tische per Salamitaktik immer neue Forderungen auf.
Unsinn. Wir haben bereits lange vor Beginn der Verhandlungen unsere Kernpunkte genannt, darunter die neuen Strukturen bei den Tarifen, die Abschaffung der Automatik bei der Berufsjahresstaffel, bzw. deren Dehnung. Wir wollen die Urlaubstage auf das Normalmaß von 30 Tagen reduzieren. Wir wollen eine gewisse Reduzierung der Einmalzahlungen. Und nun werden Dinge, die wir in unserem ausformulierten Tarifwerk nur zur Konkretisierung genannt haben, plötzlich zu einem Popanz aufgebaut.

Was meinen Sie?
Ich denke da besonders an die anteilige Kürzung des Weihnachtsgeldes in Krankheitsfällen. Das steht alles schon im bestehenden Tarifvertrag drin. Wir wollen diese anteilige Kürzung bei längerer Krankheit auf drei Monate deckeln. Das ist eigentlich im Sinne der Arbeitnehmer. Also: wenn man seine Mitglieder nur noch motivieren kann, indem man sie falsch informiert, dann sollte man sich überlegen, ob das die richtige Strategie ist.

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Wie weit sind BDZV und Gewerkschaften denn nun voneinander weg?
In der vergangenen Woche gab es bereits Gespräche, wie wir aufeinander zugehen können. Wir stehen in gemeinsamer Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit des Tarifwerks. Es gibt eine Reihe von Ansätzen für Kompromisse.

Welche?
Etwa bei der Einbindung von Online-Redakteuren. Das können wir nur nicht für Redakteure in Tochterunternehmen der Verlage festlegen, denn die sind oft gar nicht unsere Mitglieder. Oder die Spreizung der Berufsjahresstaffel, da gibt es Möglichkeiten zur Einigung.

Und wo tut es weh?
Wir werden schnell zu einem negativen Ende kommen, wenn die Gewerkschaften sich weigern, strukturelle Änderungen am Manteltarifvertrag vorzunehmen. Der Druck bei den Verlegern steigt. Und die Gewerkschaften müssten doch ein großes Interesse daran haben, den Flächentarif zu erhalten. Wir haben angeboten, den Mantel- und Gehaltstarifvertrag für vier Jahre festzulegen. Und die Gewerkschaften sagen selber, dass Haustarife eine Spirale nach unten bedeuten. Wir brauchen auch eine Perspektive für Berufseinsteiger. Wobei…

Ja?
Ich habe mir das mal bei den Zeitschriftenredakteuren angeschaut, auch bei den Fachzeitschriften. Und dann beim Privatfernsehen. Vergleichen Sie mal diese Bedingungen mit denen für Zeitungsredakteure. Unsere Tarifstruktur ist im Vergleich sehr komfortabel. Selbst, wenn unsere Forderungen ohne Abstriche umgesetzt würden.

Das Ziel ist ja, eben nicht bei den Konditionen von Privatsendern zu landen.
Nochmal: Wir haben Altersversorgung, wir haben Urlaubs- und Weihnachtsgeld, mindestens 30 Tage Urlaub.

Können Sie denn sagen, für wie viele Redakteure an Zeitungen das Tarifwerk überhaupt noch gilt?
Das kann ich offen gesagt nicht. Wir sind dabei, das zu ermitteln.

Wäre es möglich, dass wir da alle ein Aha-Erlebnis hätten und festellten: Die Bindung des Tarifs wird immer schwächer und es wird letztlich über etwas verhandelt, das nur noch für eine immer kleiner werdende Gruppe von Arbeitnehmern überhaupt gilt?
Die Entwicklung ist so. Und die kann sich noch beschleunigen, wenn die Verhandlungen erfolglos bleiben. Zurzeit sind meines Erachtens aber immer noch deutlich mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer im Tarif.

Für die Neueinsteiger gilt das immer weniger.
Da sind die Realitäten ganz andere, und nach unserem Eindruck ist für viele junge Leute z.B. die 36,5-Stunden-Woche deutlich weniger wichtig als eine spannende Aufgabe in einem zukunftsträchtigen, gut ausgestatteten Medium.

Wie gehen Sie nun in die Verhandlungen?
Verhalten optimistisch. Wir wollen nicht bis zum St. Nimmerleinstag verhandeln. Das geht auch gar nicht.

Am 8. März geht es in Hamburg in die achte Runde der Verhandlungen zum Tarifvertrag für Zeitungsredakteure. Georg Wallraf, bis 2010 Chefjustiziar und Leiter der Personalabteilung der Verlagsgruppe Handelsblatt, ist Rechtsanwalt und Verhandlungsführer des Zeitungsverlegerverbandes BDZV. Ein Interview mit seinem Pendant beim DJV, Kajo Döhring, lesen Sie hier. Weitere Dokumente über die Tarifverhandlungen finden sich hier (DJV) und hier (BDZV).

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