„Das bräche uns das Rückgrat“: Kajo Döhring vom DJV über die Tarifrunde

Verhandelte erst kürzlich gemeinsam mit der dju ein neues Tarifwerk mit dem BDZV: Kajo Döhring.
Verhandelte erst kürzlich gemeinsam mit der dju ein neues Tarifwerk mit dem BDZV: Kajo Döhring.

Am Samstag, den 8. März, geht es in die achte Runde der Tarifverhandlungen für Zeitungsredakteure. Der Flächentarifvertrag hänge "am seidenen Faden", konstatierte vor wenigen Tagen der Verlegerverband BDZV. Die Gewerkschaften DJV und dju/Verdi riefen derweil zu Warnstreiks auf. Der Verhandlungsführer der Gewerkschaften, Kajo Döhring, sagt im MEEDIA-Interview, warum er skeptisch ist.

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MEEDIA: Wie viele Personen sitzen bei Tarifverhandlungen eigentlich beisammen?
Kajo Döhring: Drei Dutzend kommen da zusammen. Aber einige Fragen werden in kleineren Runden besprochen, das ist einfach aussichtsreicher.

Können Sie sich an Verhandlungen mit ähnlich vielen Runden erinnern?
Da ist weniger die Zahl der Runden wichtig, als der Zeitraum. Beim letzten Mal gab es erste Gespräche im Frühjahr 2010 und der Abschluss kam erst im August 2011.

Und dieses Mal ist es noch schwieriger geworden, zusammenzukommen?
Ja.

Warum?
Die wirtschaftliche Entwicklung ist schwieriger geworden. Wir glauben zwar, dass im Durchschnitt von Verlagen weiter gute bis sehr gute Renditen um acht bis zehn Prozent erzielt werden. Davon kann man gut leben. Wir blenden aber nicht aus, dass die Situation schon mal freundlicher ausgesehen hat. Der Druck steigt, eine größere Zahl von Verlagen hat sich zuletzt aus der Tarifbindung verabschiedet. Dann sehe ich zudem, dass das Interesse der Verlage weniger einheitlich ist als in der Vergangenheit. Der kleinste gemeinsame Nenner ist mittlerweile wirklich klein. Zumal auf Seiten des BDZV zunehmend keine Verleger mehr stehen, sondern angestellte Manager.

Die Pleite der Abendzeitung, die Insolvenz der Rundschau – schwächen diese Hiobsbotschaften die Position der Arbeitnehmer?
Ich glaube nicht, dass man diese Fälle heranziehen sollte. Diese Zeitungen haben ja seit vielen Jahren gar kein Geld mehr verdient. Sie sind nicht das Spiegelbild der Branche. Wir haben bisher so wenig wie die Verlagsvertreter von einer „Zeitungskrise“ gesprochen. Aber natürlich sind die Rahmenbedingungen schwieriger geworden, selbst wenn mit Zeitungen noch gutes Geld zu verdienen ist.

Was muss passieren, damit die Verhandlungen mit einer Einigung enden? Die Verleger sagen, der Abschluss hänge „am seidenen Faden“.
Wie sind bereit, für die Zukunft etwas zu verändern. Die jungen Kollegen, die den Berufseinstieg suchen, brauchen eine Perspektive. Allerdings sehen wir, dass nun vor allem den Kollegen, die im System arbeiten, etwas weggenommen werden soll. Die haben keinen Reallohnzuwachs, die müssen mehr Output liefern, das Hamsterrad dreht sich schneller. Wir sagen also: Hände weg von denen, die da sind. Wir haben ja gar kein Mandat, etwas wegzugeben. Das bräche uns das Rückgrat.

Aber der BDZV sagt doch explizit: „Wir nehmen niemanden etwas weg“…
Wegnehmen bedeutet hier die Enttäuschung angewachsener Erwartungen. Den Kollegen wird einerseits die Teilhabe am Teuerungsprozess vorenthalten. Und dann sollen beispielsweise Kollegen, die jetzt sieben Jahre dabei sind, auf ihre Einstufung in eine höhere Gehaltsstufe im achten Jahr verzichten. Das können wir nicht akzeptieren. Der Bestandsschutz ist also der Knackpunkt.

Steht der Bestandsschutz in der Wichtigkeit über den Konditionen für Neueinsteiger?
Wir hätten uns vorstellen können, die Verhandlungen in Einzelschritten zu führen. Der BDZV hatte das Gesamtpaket favorisiert. Die Größenordnungen sehen etwa so aus: 1.000 Neueinsteiger gegenüber 14.000 Bestandsredakteuren.

14.000 Redakteure – das sind alle, auch die nicht tarifgebundenen Kollegen? Und für wie viele von denen verhandeln Sie?
Ganz belastbare Zahlen gibt es nicht. Nach unserer Schätzung sind es 14.000 inklusive der Redakteure in Ausbildung. Im Tarif sind mehr als die Hälfte.

Die Relevanz des Tarifs für die Lebenswirklichkeit des durchschnittlichen Redakteurs nimmt eher ab.
Genau darum müssen wir das Erodieren des Tarifes anhalten und die Basis wieder verbreitern. Der BDZV argumentiert uns gegenüber: Ihr seid daran schuld, die Welt ist eine andere geworden. Dem halten wir entgegen, dass immer weniger Köpfe passgenau in immer mehr Kanäle liefern müssen. Richtig ist aber auch: Beide Seiten sind am Erhalt des Flächentarifvertrags sehr interessiert.

Weil die Bindungskräfte sowohl der Verlegerverbände wie der Gewerkschaften sinken.
Genau deshalb wollen wir Veränderung leben. Aber: es ist aus unserer Sicht betriebswirtschaftlich nicht erforderlich, bei denen, die schon länger Einschränkungen akzeptiert haben, weitere Einschnitte vorzunehmen. Es geht nicht um eine Regelung von Notfällen.

Die Verleger bieten Leistungskriterien an. Sind Sie per se dagegen?
Nein. Aber es gibt Probleme, wie man die Leistung von Redakteuren misst. Kriterien sind nur tauglich, wenn sie objektivierbar sind. Sie müssen als gerecht empfunden weden. Wenn es beispielsweise Hoffnung auf Personalentwicklungspläne in Redaktionen gäbe, wäre das begrüßenswert. Aber aus dem Bestand darf nichts herausgeschnitten werden.

Der BDZV sagt dazu, die Kriterien könnten gemeinsam festgelegt werden, wahlweise auch mit dem Betriebsrat.
Es gab ja mal die Auflagenstaffel, die heute kein geeignetes Kriterium mehr ist. Es braucht halt sinnvolle Kriterien, ich sehe die nicht.

Einen Streit gibt es auch über Kürzungen des Weihnachtsgeldes bei längerer Krankheit. Das ist zum einen sehr speziell. Zum anderen sagt der BDZV, diese Möglichkeit zur Kürzung stehe bereits im bestehenden Tarifvertrag. Die Gewerkschaften bestreiten das. Das wirkt so, als ob kleinere Streitpunkte hochstilisiert werden und beide Seiten dann auch noch aneinander vorbeidiskutieren.
Zur Kürzung des Weihnachtsgeldes bei längerer Krankheit führt selbst der BDZV-Kommentar aus, dass die Zeiten der gestaffelten Zuschusszahlung bei längerer Krankheit für eine Kürzung tabu sind. Damit ist offenkundig, dass Herr Wallraf hier falsch liegt, weil er den eigenen Kommentar ignoriert.

Hmm.
Bei manchen Streitpunkten – wohlgemerkt nicht bei diesem – geht es um Interpretationen, um Betonungen. Da gehört das Klingeln zum Geschäft. Auf beiden Seiten. Ich empfehle allen mehr Gelassenheit.

Wie ernst ist es nun unterm Strich? Viel Geklingel, und dann einigt man sich doch?
Unser Problem ist, dass wir auch nach sieben Runden nicht wirklich in den Verhandlungsprozess gefunden haben. Ich kann unseren Leuten nicht mehr erklären, warum wir auf dieser Basis weiter mit dem BDZV reden. Wir können keine klare Kontur in den Forderungen des BDZV erkennen. Am Samstag müssen wir nun ein konstruktives Miteinander finden. Wenn das nicht gelingt, stehen wir vor der Frage, ob es mit diesem BDZV geht.

Es gibt ja nur einen.
Die haben ihr Mandat von den Landesverbänden. Wir wollen den Erhalt der Fläche, aber wir könnten mit den Landesverbänden verhandeln. Das wäre eine Option, vielleicht auch ein erforderlicher Umweg. Auch 2011 gab es in einer verfahrenen Situation solche Gespräche.

Ihre gegenwärtige Gemütslage?
Man sagt ja immer „verhalten optimistisch“. Das ist mir zu viel Zuckerguss. Wir sind skeptisch, auch wenn es Anknüpfungspunkte gibt.

Am 8. März geht es in Hamburg in die achte Runde der Verhandlungen zum Tarifvertrag für Zeitungsredakteure. Kajo Döhring ist Bundesgeschäftsführer des Journalistenverbandes DJV und Verhandlungsführer von DJV und dju in Verdi. Ein Interview mit seinem Pendant beim Verlegerverband, Georg Wallraf, lesen Sie hier. Weitere Dokumente über die Tarifverhandlungen finden sich hier (DJV) und hier (BDZV).

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