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„Was wir tun, ist mit mehr Schweiß verbunden, aber im Ergebnis viel besser als früher“

Fordert „Schutzräume für Journalisten, die schreiben statt rechnen wollen“: Peter-Matthias Gaede (li.) im Gespräch mit Christopher Lesko
Fordert "Schutzräume für Journalisten, die schreiben statt rechnen wollen": Peter-Matthias Gaede (li.) im Gespräch mit Christopher Lesko

Peter-Matthias Gaede erzählt in Teil 2 des Gespräches mit Christopher Lesko vom Navigieren zwischen Geiz und Ehrgeiz, dem Ausstieg aus der Jury des Henri-Nannen-Preises, von Abschied und Zukunft. „Bild“-Kritiker Gaede zum „Gesamtkunstwerk Kai Diekmann“: „originell und irgendwie talibanesk komisch“.

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Sie hatten die Gelegenheit, die Blütezeit des Magazin-Journalismus mitzugestalten: In 31 Jahren bei GEO und 20 Jahren als Chefredakteur haben Sie die Marke mit GEO Special, GEO WISSEN, GEO EPOCHE, GEOkompakt und GEOlino zu einer Markenfamilie ausgebaut. Erzählen Sie über die leichte und die schwere Seite der Waage, über Erfolge und Niederlagen auf dieser langen Strecke.

Ich glaube, das Gefühl ist nicht vermessen, auf mehr Erfolge als Niederlagen zurückblicken zu dürfen. Von außen gesehen, ist das aber eine furchtbar langweilige Biographie. Seit 20 Jahren habe ich das Zimmer nicht gewechselt. Doch immerhin haben wir viel aus diesem Zimmer heraus entwickelt. Nicht nur all die Veränderungen in GEO selbst. Wir konnten immer neue Fenster öffnen. Die Gründung unseres Kindermagazins, mit mehreren Ablegern inzwischen, war eine journalistische Sponti-Nummer, hat aber ein ganz neues Segment geboren. Die Revitalisierung des von meinem Vorgänger beerdigten GEO WISSEN haben wir eingeleitet, lange bevor auch andere in Wissen machten. GEO EPOCHE, ebenfalls schon wieder mit eigenen Magazin-Kindern ausgestattet, macht eine einst auch nicht annähernd für möglich gehaltene Karriere.

Nun folgen Erweiterung und Wachstum ja Strategien oder zumindest initialen Impulsen. Mehr und größer zu werden, ist ja nicht nur Selbstzweck.

Nein, natürlich nicht. Wir haben uns gedacht: Bevor wir mit einem Klassiker wie GEO erwartbar die Decke erreichen und dann aufgrund neuer Konkurrenzsituationen und auch eines veränderten Mediennutzer-Verhaltens den allmählichen Weg nach unten nehmen, und bevor wir versuchen, aus GEO alles Mögliche zu machen, was es nicht ist und sein kann, verschaffen wir ihm links und rechts Verstärkung. Also statt eines bemühten Jugendkults in GEO lieber ein Kindermagazin in der Vorstufe. Und statt der Zerreißprobe zwischen Reise- und Wissenschafts-Magazin lieber ein Reise-Magazin und ein Wissenschaftsmagazin an der Seite. Und statt etwas Historie zwischendurch lieber noch ein eigenes Geschichts-Magazin. Nun haben wir zwölf, nein 13 Heftreihen mit dem Vornamen GEO, und es bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Kondition des Mutterheftes, derart viele Sprösslinge an ihrem Busen genährt zu haben, aber die Familienbilanz ist prächtig. Wozu auch alle möglichen anderen Weiterentwicklungen gehören, bei Büchern wie Kalendern, bei Apps wie bei eBooks, bei „arte“ wie demnächst im Bezahlfernsehen. Als ich meinen Job übernahm, war er jedenfalls noch deutlich monochromer, damals gab es ja noch nicht einmal das Internet. Heute hat man in jedem Augenblick viel mehr Bälle in der Luft.

Den Teil meiner Frage, der sich auf ‚dunklere‘ Erfahrungen, auf Niederlagen oder Schwierigkeiten bezog, haben Sie nicht beantwortet.

Gut, dann eben jetzt. Wir hatten einen Rechtsstreit mit einem Kollegen, der mit einer Redigatur nicht einverstanden war, seinen Namen nicht unter einem Text haben wollte, und vor Gericht gewann, als wir den Namen veröffentlicht hatten.

Ich bin nicht an Details interessiert. Sehr wohl aber an der Bedeutung von – und dem Umgang mit – jenen Erfahrungen, die eben nicht nur glänzend und erfolgreich sind. Als Teil des Lebens – Ihres und meines Lebens.

In Ihrem Leben kenne ich mich nicht aus, in meinem Berufsleben war die genannte Erfahrung schon schade. Sie hat uns einen Shitstorm beschert, der in Teilen wirklich so roch wie er klingt, weil er voller Lügen war – und zwar nach meiner Überzeugung deshalb, weil wir die wahren Hintergründe des erwähnten Streites aus Höflichkeitsgründen nicht offenbaren konnten. Und es bis heute nicht möchten. Egal, auch GEO hat da die angesagte Kloppe gegen „die da oben“ bekommen. Und wenn man sich keine Ritterrüstung anziehen will, kann das schon treffen.

Das klingt nach ernsten Beschädigungen.

Alle involvierten Kollegen bei GEO waren furchtbar frustriert. Nun ist das nicht gleich etwas für Amnesty International, ätzend aber insofern, als manchmal zwei, drei Heckenschützen für bleibende Diffamierungen reichen, halt die andere Seite von social media. Als ich versuchte, unter Chefredakteuren eine kleine Initiative für das Urheberrecht zu starten, nicht für das Leistungsschutzrecht, für welches die Verleger kämpfen, kam sofort der Vorwurf, gerade der Chefredakteur von GEO solle doch wegen schließlich erwiesener Quälerei eines bestimmten Autoren die Klappe halten. Ich würde wirklich gern von jeder einzelnen Erfahrung mit besagtem Autoren berichten, aber ich verkneife es mir. Ist halt vieles ein bisschen angespannter geworden, verdrießlicher und missmutiger in unserer Branche.

Die Blütezeiten des Magazin-Journalismus sind ja in den letzten Jahren zunehmend existentiellen Fragen unterworfen. Auch hier muss Anspannung gewachsen sein.

Ja, und andererseits: Gab es vor 15 oder 20 Jahren „11 Freunde“, „Brand eins“, „Cicero“, „Dummy“, „beef“, „Philosophie“, ZEIT Wissen, GEO EPOCHE? Ein besseres „Capital“ als heute? Nein, gab es nicht. Und auf der Journalistenschule wurde uns als Reportage-Experte ein Herr von der „Quick“ vorgestellt. Bitte, das ist doch auch steigerungsfähig gewesen!

Was wir tun, mag mit mehr Schweiß verbunden sein als damals, aber ich behaupte: Das Ergebnis ist viel, viel besser. Auch im Bereich der großen Tageszeitungen. Bei den kleineren haben wir es zwar mit einer weiteren Monopolisierung zu tun, nicht nur mit Ein-Zeitungs-Kreisen, sondern auch mit Ein-Zeitungs-Bundesländern wie dem Saarland. Oder mit Dampfwalzen wie der WAZ-Gruppe. Aber, wenn wir zum Beispiel auf die Autoren schauen: Was da 1981 oder 1991 mit einem Kisch-Preis ausgezeichnet wurde, ist wahrlich nicht atemraubender als das, was heutzutage einen Nannen-Preis erhält. Und die Reportage-Fotografie? Sie war in Deutschland seit den 1920er Jahren nicht besser als gerade heute. Ja, nicht wenige Produzenten von Geschichten, festangestellt oder frei, müssen jetzt durch ein härteres Leben gehen, leider, aber das Ergebnis ist eher besser als früher. Besser auch, was die Ausstattung von Zeitschriften betrifft: Sicher gibt es welche, die in Millimeterschritten ihr Format verkleinert haben. Aber wir haben reichlich Magazine, die sich um Klassen wertiger anfühlen als früher.

Ihre berufliche Biographie sah auch ein Journalisten-Leben in Zeiten des Umbruchs. Werte und Gewohnheiten änderten sich und mit ihnen Medien und Plattformen. Veränderung ist auch Attacke auf Positionen, für man stand. Wie haben Sie sich bewegt in einer Steuerungsrolle zwischen Chance und Risiko, Verlust und Gewinn?

Ja, wir haben es mit einem Wandel der Lesererwartungen zu tun und mit Kulturveränderungen in der Rezeption von Medien. Das betrifft auch uns. In GEO, dem Blatt für die Ultra-Marathon-Strecke, konnten sich Autoren einst über 30 Seiten ergießen, manchmal geschrieben von einer sehr hohen Warte und in der Gnade der Großartigkeit zu den Lesern hin. Irgendwann aber mussten wir eine gewisse Ungeduld zur Kenntnis nehmen: Die Menschen haben mehr Optionen im als früher, sind nervöser geworden, haben das unberechtigte Gefühl des Zeitmangels, verlangen nach Hilfestellung für die Selbst-Optimierung. Sie schwelgen weniger in Reportagen. Die Botschaft, unsere Texte könnten Überlänge haben, war zunächst eine Kränkung für die Autoren. Und ich kenne diese Kränkung von mir selbst.

Aber hilft ja nichts, beleidigt zu sein. Nachdenken war angesagt, Moderieren und Austarieren unterschiedlicher Ziele: Einerseits mussten wir uns unsere Gründlichkeit, unsere Recherchetiefe, unsere besondere Glaubwürdigkeit, unsere Exzellenz bewahren. Andererseits müssen wir auch ein paar Fünf-Minuten-Terrinen auf den Tisch stellen, manches Thema sogar mal auf nur einer Heftseite erzählen. Denn es nimmt sich nun mal nicht jeder Leser ein Sabbatical für die GEO-Lektüre. Aber auch das hat nicht bedeutet, dass wir unsere Dokumentationsabteilung abgeschafft hätten, unsere Verifikations-Combo, obwohl sie teuer ist. Und eine Schlussredaktion haben wir selbstverständlich, die uns hoffentlich auch in Zukunft davor bewahren möge, so viele Fehlerteufelchen in ansonsten himmlischen Geschichten zu platzieren wir etwa die Süddeutsche Zeitung. Und vor allem: Wir bewahren uns die, wie ich finde, großartigste Foto-Redaktion zwischen Hamburg und Haiti. Eine, die selbst noch bei Festivals in Mali oder in der chinesischen Provinz immer wieder herausragende Lichtbildner aufspürt und eine fantastische Marktübersicht und ein Gespür für alle Veränderungen in diesem Genre hat.

Branche, Produktzyklen und Wettbewerb haben sich auch deutlich verändert.

Sicher. Zwölf GEO-Hefte im Jahr haben unsere Vorväter gefertigt, rund 90 Hefte plus Apps usw. sind es jetzt. Das ist mit einer rasanten Produktivitätssteigerung pro Kopf einhergegangen. Und mit massiv mehr Mühe ist das erkauft. Und Liebe zum Detail. Unser altes Dogma, in einem Verlag wie dem unseren könne man unterhalb einer perspektivischen Auflage von 300 000 nichts gründen, ist komplett überholt. Heute gibt es erfolgreiche Hefte auch mit einer Auflage von 50 000. Dahinter steckt ein großer Wandel, auch in den Attitüden der Macher.

Sagen Sie doch noch etwas zur Summe Ihrer kleinen Abschiede.

Habe ich mich von Werten verabschieden müssen? Von Werten, von Qualitätsstandards nicht, von Illusionen wohl doch. In den 1980er Jahren dachte ich, das Modell GEO sei auf ewig unangreifbar. In Marmor gemeißelt. Aber es ist, wie alles auf dieser Welt, ein lebendiger Körper, an dem nicht nur Anti-Aging betrieben werden muss. Wir müssen zum allseits verlangten live long learning ebenfalls fähig sein. Für uns und für andere Erfolgsverwöhnte, vermutlich auch Spiegel oder Stern, gilt: Wir dürfen uns nicht bei den Lesern beschweren, wenn sie sich verändern. Wir müssen nachdenken, wenn die alten Automatismen nicht mehr funktionieren.

Die kleinen Abschiede? Intern gibt es da einige. Zum Beispiel nach Santiago de Chile Business Class zu fliegen, ist out. Machen wir nicht mehr. Kann man traurig drüber sein. Wer würde nicht gern in Eselsmilch baden oder in Champagner. Aber Kostenmanagement müssen mittlerweile eben auch Paradiesvögel betreiben. Die Zeit des Kuschelns ist vorbei. Blaue Stunden, Bewirtungsquittungen mit 150 Euro für „Selbstgespräche“ sterben aus.

Kurz: Ja, wir müssen heutzutage Ehrgeiz und Geiz besser verbinden, solange uns die IVW nicht neue Wahnsinnsauflagen bescheinigt. Aber das ist mir wichtig: Es wäre kompletter Unsinn, aus jedem Journalisten einen Medienmanager machen zu wollen. Chefredakteure müssen das sein. Aber es muss noch Journalisten, Redakteure geben, die für ihr Thema und für eine noch so aufwendige Recherche an beiden Enden brennen, ohne an den dünnlippigen Controller denken zu müssen. Gibt es keine Schutzräume mehr für solche Journalisten, die schreiben statt rechnen wollen, die herausfinden statt kalkulieren wollen, die sich dem Unwägbaren statt der mittelfristigen Finanzplanung aussetzen wollen, werden wir allüberall müdes Mittelmaß erhalten.

Sie waren von 2005 bis 2012 Mitglied der Haupt-Jury des Henri-Nannen-Preises. Wozu genau nimmt man Rollen wie diese wahr?

Na, aus Interesse. Sie erhalten dort einen Überblick über die besten der besten Geschichten, es ist also Spaß. Außerdem fand ich es okay, dass jemand von diesem Reportage-Magazin GEO dabei sein durfte. Am Nannen-, vormals Kisch-Preis gefällt mir, dass dort eben nicht der Lieblingsfriseur des Verlegers ausgezeichnet wird oder jemand dafür, dass er 110 Jahre alt werden durfte, dass absolut nichts Bambi-artiges eine Rolle spielt. Und die Jury steht für interessante Debatten. Die Kritik, ein Hamburger Medien-Clan schöbe sich da in kleinstem Kreise die Pokale zu, fand ich beim Blick auf die Mehrheitsverhältnisse in dieser Jury immer ebenso dumm wie die Behauptung, Chefredakteure könnten in der Regel nicht schreiben, also gutes Schreiben auch gar nicht bewerten.

Mailand–Trainer Arrigo Sacchi hat zu ähnlichen Behauptungen einmal in etwa geantwortet: „Ein guter Jockey muss schließlich nicht als Pferd geboren worden sein.“ 2012 haben Sie Ihre Jury-Mitgliedschaft aus Protest gegen die Verleihung eines Preises an die „Bild“ beendet. Ich möchte das gerne verstehen.

Ich hatte zwei Jahre hintereinander ein kleines Problem. Zunächst gab es die Kontroverse um die Preisverleihung an Pfister, den Mann, der über Seehofers Spielzeug räsoniert und es zur Metapher gemacht hatte, ohne Seehofer beim Miniaturweichenstellen wirklich erlebt zu haben. Es gab meiner Meinung nach sogar schriftliche Belege in der Ausschreibung, die es legitimierten, eine Reportage nicht komplett aus eigener Anschauung schreiben zu müssen. Pfister wurde der Preis aberkannt, ich hätte es besser gefunden, ihn nicht zu bestrafen, die Sache allenfalls zum Anlass zu nehmen, für das Folgejahr noch klarere Kriterien für preiswürdige Reportagen aufzustellen. Denn was da gegen Pfister angeführt wurde, hätte bei strenger Betrachtung dann posthum auch ein paar frühere Preisträger treffen müssen.

Im Jahr darauf dann die Auszeichnung für die „Bild“-Zeitung in Sachen Wulff: Ich fand, man hätte den ausgezeichneten Scoop nicht trennen dürfen von der gesamten „Bild“-Wulff-Geschichte. Ich empfand diesen Scoop als allzu durchsichtige Wende in einer zuvor reichlich zelebrierten Liebedienerschaft. Dafür wäre mir jedenfalls nicht das Wort „Investigation“ eingefallen. Wobei ich zugeben muss: Ich bin so verbohrt, die „Bild“-Zeitung nicht zu mögen. Na egal, jedenfalls hatte ich nach diesen zwei Erlebnissen den Eindruck, in der Jury irgendwie unpassend, weil zu verdrießlich zu werden. Deshalb habe ich ihr meinen Abschied mitgeteilt. Übrigens intern. Dass daraus ein paar Artikel wurden, war nicht meine Absicht.

Was ist denn Ihr grundsätzliches Problem mit der „Bild“–Zeitung?

„Kanzler – rück das Öl raus!“. Oder „Kanzler – was sollen wir jetzt essen?“ Ich glaube, so oder ähnlich lauteten mal zwei Überschriften. Und „Ihr Griecht nichts“ oder so. In gewissen intellektuellen Kreisen begeistert man sich ja an solch grandiosen Einfällen. Großartig, wie da dem „kleinen Mann“ eine Stimme gegeben wird. Wirklich? Welches Gesellschafts-, welches Staats-und welches Demokratieverständnis vom „mündigen Bürger“ verkörpert das? Aber lassen wir’s, wahrscheinlich habe ich eine altmodische Deformation, außerdem Wallraff gelesen und Erinnerungen an Dutschke. Allerdings verfolge ich mit Bewunderung am Rande, wie sich Kai Diekmann zu einem Gesamtkunstwerk mendelt. Das finde ich originell, lässig und irgendwie talibanesk komisch. Und ich habe ihn in kleinen Filmen gesehen, wo er geradezu umwerfend streichelzahm wirkt.

Sie sind mit Christiane Breustedt, der ehemaligen Chefredakteurin von GEO-SAISON und dann GEO-International, verheiratet. Wie wenig oder wie präzise ist denn das Privatleben von Peter-Matthias Gaede vom beruflichen getrennt?

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Wir haben uns im Beruf kennengelernt, was Vorteile hat, weil es zunächst Beobachtungen aus der Halbdistanz erlaubt, und wir haben hier viele internationale Tag der Arbeit, zweite Weihnachtsfeiertage und 31.12. gemeinsam im Büro verbracht.

Bis 0.00 Uhr?

(lachend) Nein. Aber da ist kein Tag, an dem wir uns nicht über Journalismus und den Job austauschen. Es gibt ja zwei Möglichkeiten, sich aufzuladen oder zu beruhigen. Man könnte die Erfahrung machen, es sei gut, die Partnerin wäre Nierenärztin oder Ägyptologin. Man träfe sich abends, erzählte sich aus völlig verschiedenen Welten und könnte die Wehwehchen des einen wie der anderen solchermaßen relativieren.

In zunehmendem Alter wären Nierenärztinnen keine schlechte Wahl.

Trotzdem haben wir mit dem anderen Modell beste Erfahrungen gemacht. Wir wissen beide, wovon wir reden. Können uns gemeinsam begeistern. über ein und dasselbe hinwegtrösten, wenn es nötig ist. Und außerdem auf ein und demselben Feld ergänzen. Meine Frau hat für andere Medien gearbeitet als ich, auch von New York aus, außerdem kommt sie von den Grafik, der Fotografie, der visuellen Seite des Journalismus. Sie hat mir im Wortsinne die Augen geöffnet, als ich noch meinte, ein Wort, mein Wort sage mehr als tausend Bilder. Das hat sie mir gründlich abgewöhnt.

Was ist denn Liebe für Sie?

Oh, jetzt auch das noch! Heißen Sie wirklich Lesko? Oder Freud? Ich sitze doch noch, oder liege ich schon auf einer Couch? Ich finde das zu intim. Da darf ich doch Standards sagen, oder?

Ihre Standards könnten sich von denen anderer ja unterscheiden.

Also gut, ich versuch’s, ungeordnet. Liebe ist Vertrauen. Liebe ist Anziehungskraft und eine möglichst lang anhaltende, ewig aprilfrische Verliebtheit. Liebe ist das Teilen von Werten und Geschichte. Ist die Neugier auf die abweichende Meinung des anderen. Liebe ist auch Bewunderung: Ich bewundere meine Frau für ihre Intelligenz, sie ist meine Bildungsbeauftragte. Liebe ist Lust auf Inspiration, die nicht lahmer wird, und auch der Stolz darauf, einen bestimmten Menschen an seiner Seite zu haben. Das Begehren, Bekanntes wie Unbekanntes mit einem bestimmten Menschen zu teilen. Und ihn immer gut riechen zu können. Das war doch jetzt was für den Anfang, oder?

Respekt. Mein Tag ist versaut, wenn ich meine mit Ihren Standards vergleiche. Lassen Sie uns über Trennung sprechen. Ihre Trennung von der aktuellen Aufgabe.

Gerne.

Die offizielle Formulierung, Sie gingen „auf eigenen Wunsch und auf eigene Initiative“, macht mich wegen der annähernden Doppelung misstrauisch. Sich sauber und klar verabschieden zu können von denen, für die -und vielem, wofür- man gestanden hat, ist grundsätzlich kein leichtes Thema. Erzählen Sie davon.

Sie müssen nicht misstrauisch sein. Die Formulierung, die Sie zitieren, war deshalb doppelt gemoppelt, weil sie eben wirklich aussagen sollte, dass es hier nicht um jenen Abschied in „beiderseitigem Einvernehmen“ geht, hinter dem gar kein Einvernehmen steht. Aber ich sehe, wir haben versagt. Jedenfalls bin ich am 30. April des Jahres 2013 zu meiner Chefin Julia Jäkel gegangen und habe sie gefragt, was sie davon hielte, wenn ich zu meinem 20-jährigen Jubiläum als Chefredakteur, das am 30. Juni diesen Jahres ansteht, in einen anderen Aggregatzustand wechseln würde. Warum habe ich sie das gefragt? Erstens ist eine so lange Strecke schon anstrengend, gebe ich zu. Zweitens existieren in meiner Redaktion gerade noch drei Menschen, die jemals einen anderen Chefredakteur kennenlernen durften, und die muss ich nicht auch noch überleben. Ich war der jüngste Chefredakteur von GEO, als ich hier anfing, ich muss nicht auch der älteste werden. Vor allem aber: Es ist bestimmt nicht schlecht, neuen Esprit in GEO hineinzubekommen. Ich glaube, ein süddeutscher Kabarettist hat einmal gesagt: „Dieses Land hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe solange, bis man es ihm anmerkt.“ Ich habe das abgewandelt, als ich 60 wurde, in: „Dieser Verlag hat mich glücklich gemacht, und ich bleibe solange, bis man es ihm anmerkt.“ Hat geklappt, glaube ich. Muss nicht weiterhin bewiesen werden.

Künftig, so wurde offiziell kommuniziert, seien Sie „publizistischer Berater“ des Vorstandes: Im Management-Sprachgebrauch sind derartige Formulierungen häufig Worthülsen: Was, ganz praktisch, werden Sie in dieser Rolle tun?

Das bespreche ich, ganz praktisch, mit Julia Jäkel. Nicht hier, wenn Sie gestatten. Julia Jäkel setzt auf Jugend, auf die Lust am Aufbruch, auf eine Start-up-Mentalität, auf eine neue Gesprächskultur, auf Wagnis. Sie mag Journalisten. Zugleich weiß sie, welche Vielfalt es unter diesen Typen gibt. Einer dieser Typen, obwohl eben nicht mehr Konfirmant, bin ich. Ein bestimmter Ton in unserem Gesamtkunstwerk, basso continuo. Und den will sie wohl weiterhin hören. Also bitte, Entspannung. Vermutlich sind Sie geknechtet von all den Verlautbarungen, in denen sich jemand unbedingt „neuen Herausforderungen“ stellen will, um nicht zugeben zu müssen, dass ihm die Erfüllung der alten nicht mehr zugetraut wurde. „Neue“ Herausforderung hat dann schön viel Testosteron.

Das Bild des Knechtes begrüße ich nicht in jedem Detail mit spontaner Euphorie. Ich sehe viele Trennungen, die in Presseveröffentlichungen aus einem kleinen Portfolio redundanter Formulierungen heraus kommuniziert werden. Viele, von denen man sich trennt, „stehen dem Unternehmen als Berater zur Verfügung“, aber kaum jemand füllt diese Rolle später wirklich.

Wirklich, ich will mich nicht neuen Herausforderungen stellen, sondern neuen Genüssen. Und dazu gehört, unserem Vorstand innig verbunden zu bleiben.

Kennen Sie Angst?

Ja, wenn ich am Rand hoher Gebäude stehe. Mein Grundgefühl ist ein anderes: Dankbarkeit. Weswegen ich gern etwas zurückgeben möchte. Sei’s künftig noch mehr im deutschen Komitee von Unicef, bei „Reporter ohne Grenzen“ oder pro bono in Stiftungen.

Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ist die Strecke, die Sie in Ihrem Leben hinter sich gelassen haben, größer als jene, die noch vor Ihnen liegt. Wenn wir den Blick aus dem Rückspiegel mit jenem nach vorne tauschen: Wie alt möchten Sie noch werden?

Bliebe ich gesund, hielte ich etwa 85 für erstrebenswert.

Und wenn wir noch weiter nach vorne schauen: Denken Sie manchmal an Ihren Tod?

Noch sehr selten. Aber mich hat sehr berührt, was Jürgen Leinemann einmal nach seiner Krebsdiagnose schrieb. Ich glaube, es war auf einer Fahrt im ICE von Nürnberg nach Berlin: Er blickte hinaus auf die Landschaft, und sie hatte nichts mehr mit ihm zu tun. Der Landschaft und den Menschen da draußen war es herzlich egal, ob da ein krebskranker Mensch im ICE an ihnen vorbeifuhr oder nicht. Leinemann schrieb sinngemäß, er habe das als Kränkung empfunden. Ich denke, im Leben eines jeden Menschen kommt der Moment, in dem er sich eingestehen muss: Das Leben draußen wird weitergehen – Du aber wirst nicht mehr gehen.

Ich nehme an, das wird ein harter Moment.

Herr Gaede, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Teil 1 des Interview finden Sie hier:

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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