Abendzeitung München: Eigentlich zu schade für die Rente

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"Juwel der Pressegeschichte": Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs über die AZ München

Publishing Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs leitete in den 90ern drei Jahre das Wirtschaftsressort der Abendzeitung München, die am Mittwoch einen Antrag auf Insolvenz stellen musste. In seiner MEEDIA-Kolumne schreibt Jakobs über den Niedergang dieses "Juwels der Pressegeschichte". Ein stringentes Konzept habe der AZ schon seit längerem gefehlt. Für die Rente sei sie aber eigentlich zu schade.

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Nun hat es die zweite linksliberale Tageszeitung erwischt. Nach der Frankfurter Rundschau meldet die Münchner Abendzeitung Insolvenz an. Das bayerische Blatt hat vielleicht noch mehr Meriten angehäuft als die im vorigen Jahr gescheiterte Rundschau. Jahrzehntelang war sie eine Art „Schneller Brüter“ für Talente der Deutschen Journalistenschule, die (spätere) Prominenz  der Autoren stoppte jedoch nicht den schleichenden Niedergang der 1948 vom legendären Werner Friedmann gegründeten Publikation.

Nun erinnern wir uns erst einmal alle, was diese AZ bedeutete: ihr einst pointiert genaues Feuilleton, die humorvollen Schlagzeilen, ihre Anti-Strauß-Tonlage, die Reportagen, den Bohemien-Journalismus, die empörten Kommentare, die Kolumnen des Sigi Sommer („Blasius“). Es erinnern sich alle, die dieser Zeitung große Momente zu verdanken haben: von Michael Jürgs bis Frank Plasberg, von Jan-Eric Peters bis Claus Strunz, von Brigitte Huber bis Andreas Petzold. Viele können nicht fassen, dass es wirklich so schlimm steht um diese Zeitung, die schon ihre Seele verloren hatte, als sie die Stammgemächer in der Münchner Innenstadt aufgab und in Bahnhofsnähe vis-a-vis zum Bayerischen Rundfunk ansiedelte.

Ja, es stand schon lange nicht gut um die AZ, die ein Opfer der titanharten Verhältnisse auf dem Münchener Zeitungsmarkt wurde, eingekeilt zwischen der Gruppe des Dirk Ippen (Münchner Merkur, tz), dem verkaufsstarken Regionalableger von Bild und der Süddeutschen Zeitung, die inzwischen im Wesentlichen einer Großgemeinschaft baden-württembergischer und pfälzischer Verleger gehört. Am Süddeutschen Verlag sind Witwe Anneliese Friedmann und ihr Sohn Johannes  mit 18,75 Prozent beteiligt, ohne dass es in jüngster  Vergangenheit erkennbar, trotz schönster Ankündigungen, zu einer fruchtbaren Kooperation zwischen AZ und SZ gereicht hätte. Die gegenseitigen Vorbehalte zwischen angeblichen Boulevardjournalisten und den Kollegen von der überregionalen Presse waren wohl zu groß. Was Ippen gelingt, im frei floatenden Ausgleich zwischen seinen beiden Blättern, mochte den Kollegen nicht glücken.

Ein einfallsreicher Verleger, der das Sagen hat, macht im Jahrmarkt der Eitelkeiten, der die Pressewirtschaft nun mal ist, den Unterschied.

Diese für Friedmann vermutlich frustrierende Erfahrung macht es schwer, sich eine Lösung wie in Frankfurt vorzustellen: Dort ist die Rundschau vom Insolvenzverwalter einfach der Monopolwirtschaft rund um die Frankfurter Allgemeine zugeordnet worden. Was aber soll die AZ sein, was sie nicht schon längst hätte sein können? Eine Art lockere SZ? Ein Gratisblatt als inhaltliche Ergänzung und als Anreicherung einer Anzeigenzugewinngemeinschaft?

Ein stringentes Konzept hat diesem Juwel der Pressegeschichte schon seit längerem gefehlt. Mal wollte die AZ intelligenter Volksjournalismus sein, eine Art intellektueller Süßstoff, dann wieder knallhartes Rotlicht-Blaulicht-Blatt, brutaler als die tz. Die alten Leser starben weg, die jungen erreichte man nicht, und für die hoffnungsvollen Online-Ansätze reichten die Investitionsmittel nicht. Johannes Friedmann hat lange durchgehalten. Er hätte mit einem Verkauf seiner Anteile am Süddeutschen Verlag an die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) groß Kasse machen können (es gab offenbar eine Put-Option) und dabei auch die Causa AZ erledigen können, doch er fühlte sich dem Erbe verpflichtet.

Nun aber, da die AZ im Jahr 2013 rund zehn Millionen Euro Verlust machte und auch die Beteiligung am Süddeutschen Verlag offenbar nur saure Trauben abwirft, sah er sich ökonomisch in der Sackgasse. Und in dieser finstren Lage, am Ende eines steinigen Wegs, fällt es schwer, sich den Retter für die insolvente Zeitung vorzustellen. Die schnellen, angespitzten Nachrichten, für die die Abendzeitung stand, sind längst im Internet und kaum einer zahlt dafür. Kaum zu glauben, dass die AZ vor mehr als einem Vierteljahrhundert die auflagenstärkste Zeitung Münchens war. Auch in Augsburg und in Nürnberg war sie aktiv. Alles perdu, länger schon.

Am Dienstag, am Tag vor der angekündigten Zahlungsunfähigkeit, hatte die AZ ein langes Interview mit Peter Gauweiler, in dem er sich wunderte, schon seit 30 Jahren Interviews mit der Landtagskorrespondentin Angela Böhm zu führen. Da lebte noch einmal das alte München auf, das der Vor-Wende-Zeit, als der Ministerpräsident im Titel verwarnt wurde: „Grüß Gott, Herr Strauß, heute gibt’s Ärger“. Das alte München der „Kir-Royal“-Ära, in der der AZ-Society-Reporter Michael Graeter das Vorbild für Baby Schimmerlos im TV gab. Graeter ist genau wie TV-Kritikerin Ponkie der Institution erhalten geblieben und erholt sich derzeit von den Folgen eines leichten Schlaganfalls, der jedoch nichts mit dem Finanzfiasko seines Arbeitgebers zu tun hat.

65 Jahre ist die Münchener Abendzeitung alt und eigentlich zu schade für die Rente. Der letzte Chefredakteur Arno Makowsky hat noch alles versucht, das alte Schiff flott zu bekommen, doch am Ende war die Mannschaft so dezimiert, dass größere Projekte schwer zu stemmen waren.

So bleibt erst mal nur Trauer. Und Erinnerung an das Beste, was Journalismus sein kann.

Hans-Jürgen Jakobs ist Chefredakteur des Handelsblatt. Von Oktober 1990 bis März 1993 leitete er die damalige Wirtschaftsredaktion der Abendzeitung. Für MEEDIA schreibt Jakobs regelmäßig über seine Sicht auf die Medienbranche.

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