Anzeige

Von Menschen und Medien: So ist der Wulff-Film „Der Rücktritt“

Wulff-Film „Der Rücktritt
Wulff-Film "Der Rücktritt

Christian Wulff war kein Opfer der Presse. Der Fall Wulff lässt sich aber keinesfalls ohne die Presse erzählen. Darum ist der Wulff-Film "Der Rücktritt", der am 25. Februar von Sat.1 ausgestrahlt wird, ein Film über das Verhältnis von Politik und Presse geworden. Genauer gesagt: ein Film über den ständigen Kampf zwischen von der Politik inszenierter, von den Medien vermittelter und echter Transparenz.

Anzeige
Anzeige

Der von UFA Fiction produzierte Film beginnt mit einem Fotoshooting für offizielle Bilder des Bundespräsidenten Christian Wulff (im Film gespielt von Kai Wiesinger), er endet mit der Erklärung seines Rücktritts vor der versammelten Hauptstadtpresse. In den ersten Szenen wird auch Wulffs vermutlich wichtigster Satz als Präsident – „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ – in Bild und Ton gezeigt. Alles, was danach kommt, gehört zum „Fall Wulff“ und schon nicht mehr zur „Präsidentschaft Wulff“ im eigentlichen Sinn. Denn der Regisseur Thomas Schadt, der unter Mitarbeit des Spiegel-Journalisten Jan Fleischhauer auch das Drehbuch geschrieben hat, konzentriert sich auf die letzten 68 Tage Wulffs im Amt.

Fast alles, was die Öffentlichkeit über diese 68 Tage weiß, haben Journalisten recherchiert oder zumindest kolportiert. Inzwischen gibt es zwar Aussagen Wulffs, seines ehemaligen Sprechers Olaf Glaeseker, von Wulffs Ehefrau Bettina (Anja Kling) und anderer Kronzeugen wie etwa Maria Furtwängler, die mit den Wulffs auf dem Oktoberfest feierte, vor Gericht. Wenn man ehrlich ist, interessieren diese Aussagen nur noch am Rande. Wulff war „erlegt“, als er seinen Rücktritt erklärte. Was Regisseur Schadt interessiert, ist die Dynamik, die in den entscheidenden 68 Tagen entstand.

Die Bild-Reporter Martin Heidemanns (Thorsten Merten) und Nikolaus Harbusch (Christian Ahlers) kommen neben Bild-Chefredakteur Kai Diekmann (Hans-Jochen Wagner) als einzige namentlich genannte Journalisten im Film vor. Einmal wird noch der Name Schirrmacher erwähnt. Heidemanns und Harbusch hocken meistens in einer dunklen Redaktionsstube, von draußen hellt das Tageslicht den verqualmten Raum etwas auf. Diese Szenen sehen zu sehr nach Reporterklischee aus. Trotzdem wird deutlich, dass viele Journalisten über diesen Fall berichteten, hunderte von Anfragen an das Präsidialamt schickten. Bei Wulffs letzter Dienstreise sitzt ein Tross mit im Flieger, einer sagt zu Wulff, der gerade etwas über die Beziehungen zu Rom sagen wollte: „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass sich hier jemand für Ihre Italien-Reise interessiert.“

Es waren vor allem Harbuschs und Heidemanns Recherchen, die neben den Erkenntnissen Fleischhauers in das Buch einflossen. Journalisten, die ebenfalls dicht dran waren, dürfte diese Personalisierung vermutlich nicht gefallen. Der Fall kommt im Film ins Rollen, als Heidemanns und Harbusch eine Anfrage an das Bundespräsidialamt zum Hauskauf Wulffs stellen. Die zweite Eskalationsstufe ist die Botschaft, die Wulff auf der Mailbox Diekmanns hinterließ („der Rubikon ist überschritten“). Die nächste Stufe, als eigentlich das Gröbste ausgestanden schien, war ein Bericht in der FAS über eben diesen Anruf. Schließlich das Interview, das Wulff ARD und ZDF gab, und endlich die Enthüllungen über angebliche Einladungen des Filmproduzenten David Groenewold, die Wulff schließlich Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und die damit einhergehende Aufhebung der Immunität einbrachten.

Eine Schlüsselrolle spielt Wulffs Sprecher Glaeseker (Holger Kunkel) . Er ist der Mann, der für seinen langjährigen Chef kämpft, der aber gleichzeitig für eine offensive Strategie im Umgang mit der Presse plädiert. So sagt die Glaeseker-Figur im Film Sätze wie „Diese Krise muss kommunikativ beantwortet werden.“ Oder: „Immer wegzuducken hat noch nie geholfen.“ Oder, nach seinem Rauswurf: „Christian ist unbelehrbar.“ Die Wulff-Figur sagt dagegen Sätze wie: „Wo käme ich hin, wenn ich mit jedem Journalisten persönlich sprechen würde.“ Oder: „Ruf an, versuch‘ das zu stoppen.“ Oder, auf Glaesekers Frage, was Wulff der Presse sagen wolle: „Nichts.“ Als auch Glaeseker den Hut nehmen muss, versagt ihm der Dienstherr ein letztes persönliches Gespräch. Das Ende der Kommunikation.

Anzeige

Er habe „die Macht der Medien und ihre zerstörerische Kraft unterschätzt“, wird die Wulff-Figur im Film später sagen. Nur ganz am Rande wurde zuvor angedeutet, dass der Politiker, als er noch in Hannover als Ministerpräsident regierte, vor allem mithilfe Glaesekers glänzend mit den Medien umzugehen wusste, auch mit der Bild-Zeitung bestens kooperierte. „Es war schön, ihn groß zu machen“, sagt der Film-Glaeseker. „Wen interessiert schon, wie es wirklich war“, sagt an anderer Stelle die Figur Wulff.

„Der Rücktritt“ ist nicht der Versuch, die Frage um Schuld oder Unschuld letztgültig zu beantworten. Vielmehr kommt Schadt zu dem Schluss, dass vor allem das wechselseitige Verhalten der Hauptdarsteller eine Kettenreaktion in Gang setzte, die letztlich zum Rücktritt führen musste. „Wie es wirklich war“, bzw: gewesen sein könnte, in diesen Tagen, als im Wechselspiel zwischen Wulff, seinen Beratern und den Journalisten ein Bundespräsident an sich und einer über die Zeit immer geschlosseneren Medienmacht scheiterte.

Ständig summen oder bimmeln Handys, es wird per Skype konferiert, Originalausschnitte von Talkshows erinnern daran, wie fieberhaft der Fall Wulff von den Medien seziert wurde. Ob Heribert Prantl oder der Schauspieler Sky DuMont – alle durften, alle sollten etwas zu Wulff sagen. Über den Co-Produzenten Nico Hofmann schrieb gerade die Zeit in einem großen Porträt, er gebe 12.000 Euro im Jahr für Zeitungen, Magazine und Bücher aus; Hofmann könne „nichts ungelesen lassen. Wo immer er ist, konsumiert und speichert er jedes einzelne publizierte Wort.“ Diese leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der sogenannten „vierten Macht“ ist auf den Film übergegangen.

Inszeniert ist „Der Rücktritt“ als eine Abfolge von Unterhaltungen, zwischenzeitlich fast kammerspielartig gedreht. Dazwischen geschnitten sind Originalaufnahmen, in denen vor allem die Körpersprache Wulffs noch einmal neu interpretiert werden darf. Die Ähnlichkeit der Schauspieler zu ihren historischen Vorbildern ist darum auch kein nettes Detail, sondern für das Konzept des Films wichtig. Kein Zufall ist es, wenn kurz vor der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten die Wulff-Figur sagt: „Komme ich wenigstens optisch einigermaßen rüber?“ Die Kritik mag nicht subtil sein, sie ist darum nicht weniger zutreffend – unsere Mediokratie hat sich zu lange zu sehr an Äußerlichkeiten abgearbeitet.

„Der Rücktritt“ ist am 25. Februar um 20.15 Uhr auf Sat.1 zu sehen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*