BuzzFeed spricht bald Deutsch. Vielleicht

BuzzFeed-Gründer Jonah Peretti zu möglichem Deutschlandstart: „Wir stehen in den Startlöchern“
BuzzFeed-Gründer Jonah Peretti zu möglichem Deutschlandstart: "Wir stehen in den Startlöchern"

BuzzFeed, die US-Seite für Katzencontent und andere hochgradig virale Inhalte, startet in einer deutschen Version. Vielleicht. Sagt Scott Lamb. Die Entscheidung für einen Start sei noch nicht endgültig gefallen. Angesichts der Tatsache, dass anderswo an ähnlichen Angeboten gearbeitet werde, sei jedoch ein Start eher früher als später wahrscheinlich. Im MEEDIA-Interview spricht Lamb nicht nur über BuzzFeed, sondern auch über seine Zeit bei Spiegel Online.

Anzeige

Sie haben mal für den englischen Spiegel gearbeitet. Wie war’s?
Ich erinnere mich daran, dass eine Aufgabe darin bestand, darüber zu schreiben, was die deutschen Zeitungen berichten. Die Meinungsbeiträge mussten übersetzt werden, usw. Die Sprache war nicht das Hauptproblem, sondern die kulturellen Unterschiede zwischen deutschen und englischsprachigen Zeitungen.

Nach Ihrer Zeit bei Spiegel Online kam dann relativ bald BuzzFeed.
Ich habe für Salon.com gearbeitet und kannte Jonah (Peretti, Mitgründer von BuzzFeed) ein wenig. Er hatte 2007 zu mir gesagt: Hey, komm zu uns, wir verändern die Welt (lacht). Sechs Monate nach der Gründung war ich dabei.

Obwohl BuzzFeed schon lange kein Geheimtipp mehr ist, wird die Seite in Deutschland erst seit kurzem intensiver in der Branchenöffentlichkeit diskutiert. War BuzzFeed eine sozusagen am Reißbrett geplante Erfolgsgeschichte?
Wir haben von Anfang an sehr viel experimentiert. Wir haben uns gefragt, wie wir die Themen finden, über die Leute online diskutieren und wie wir dann darüber berichten können. Dass wir nun da stehen, wo wir stehen, das hat vermutlich niemand von uns erwartet. Vergessen Sie nicht, dass Facebook 2007 noch nicht das Unternehmen war, das es heute ist. Twitter fing gerade erst an. Die Landschaft im Netz war sehr sehr anders als heute. Es war für uns ein Glücksfall, dass Social Media im Netz so mächtig wurde.

Der Aufstieg von BuzzFeed vollzog sich parallel zum Aufstieg von Social Media.
Genau.

Jemand hat über sie geschrieben, Sie seien „so viral wie eine dreckige Nadel“. Alle journalistischen Angebote im Web suchen nach Viralität – was ist das Rezept?
Traditionelle Medienunternehmen sehen Social Media als einen Schritt im Produktionsprozess. Meistens ist es der letzte Schritt. Okay, ich habe jetzt diesen Artikel geschrieben, jetzt tweete ich mal den Link. Inhalte verbreiten sich ganz anders im social web. Das Web interessiert sich nicht unbedingt für die Produktionsbedingungen, unter denen ein gedruckter Artikel entsteht. Die Überschrift ist beispielsweise wichtig, aber nicht am wichtigsten. Klickt man auf einen Artikel mit einer interessanten Überschrift, die Story selber ist aber gar nicht interessant, wird man diesen Artikel sicher nicht teilen. Und wird vielleicht auch seltener auf die Seite gehen. Nein, man muss das ganzheitlich sehen. Es braucht Inhalte, die speziell für das social web geschrieben werden. Es braucht neue Formen des Storytelling. Es braucht Experimente.

„Experimentiert mehr“ – das hört man auch in Deutschland ständig. Die Frage ist aber doch auch, wie eine Redaktion das Experimentieren organisiert und möglich macht.
Das muss von oben, vom Chefredakteur, eingefordert werden.

Zu den Formaten, die BuzzFeed kultiviert hat, gehören beispielsweise animierte GIFs.
Yeah. Das haben wir früh ausprobiert. Etablierte Medien haben auf diese Formate erst heruntergeschaut. Aber das sind wunderbare Darstellungsformen.

BuzzFeed hat zuletzt Reporter eingestellt, die mehr „seriöse“ Inhalte, beispielsweise politische Themen, recherchieren sollen. Zuvor dominierte das Image des Verbreiters von Katzencontent.
Die größten Trafficbringer sind nicht die „seriösen“ Themen. Aber wir hatten beispielsweise vor zwei Wochen einen langen Essay auf der Seite von einem Autoren, der ein Haus in Detroit für 500 Dollar gekauft hat. Der Beitrag hatte eine Million Views.Das war schon sehr erfolgreich, für einen Artikel von 6.000 Wörtern. Das Stück hätte allerdings mehr Fotos vertragen können (lacht). Es stimmt, wir sind gut darin, emotional und lustig zu sein. Aber wir hatten keine Informationen übe die Welt. Auch diese Inhalte wollen die Leute teilen, also breaking news, Scoops, investigative Stücke. Artikel, die die Sicht auf die Welt verändern. Wir investieren also in Journalismus, in Journalismus über Politik, Tech, Sport. Unsere Redaktion besteht aus 175 Mitarbeitern, und wir wachsen. Wir haben insgesamt mehr als 400 Mitarbeiter. Und das in einer zeit, in der andere Publikationen personell schrumpfen.

Eine wesentliche Einnahmequelle für BuzzFeed ist native advertising. Können Sie sich als Journalist mit diesem Werbeformat anfreunden?
Ich denke, BuzzFeed trennt ganz gut zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten. Wir bemühen uns auch, die Werbung so gut zu gestalten (Anm. d. Red.: Das Unternehmen entwirft für Unternehmen native Anzeigen), dass sie sogar über Facebook geteilt wird. Und selbst die New York Times nimmt jetzt native Anzeigen auf. Native advertising ist eine Möglichkeit, künftig Geld im Journalismus zu verdienen. Redaktion und vermarktung müssen natürlich getrennt bleiben. Aber so groß unterscheidet sich native advertising auch nicht von der display ad. Die Leute erkennen den Unterscheid zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung.

Sie sind mittlerweile für die internationale Expansion von BuzzFeed verantwortlich. Wann also startet eine deutsche Seite von BuzzFeed?
Vergangenes Jahr haben wir eine brasilianische, eine französische und eine spanische Seite gelauncht. Ich komme gerade aus Sao Paulo und habe Mitarbeiter eingestellt. Unser Europa-Büro ist in London, von dort aus beobachten wir die europäischen Märkte. Deutschland ist defintiv sehr spannend.

Das haben die Macher der Huffington Post auch gesagt, und dann dauerte es zwei Jahre, bis endlich ein Partner gefunden war und die Seite live ging. Würden Sie Seite ohne einen Partner launchen?
Vermutlich. Wir starten immer mit kleinen Teams, harte News machen wir am Anfang eher nicht. Wir schauen dann, wie es läuft. Der Anzeigenmarkt in Deutschland sieht anders aus, die traditionellen Medien sind sehr stark, auch Radio ist stark. Wir müssen für uns herausfinden, ob Deutschland ein Markt ist, auf dem wir einen Platz und eine Zielgruppe haben.

Stand heute: kommt BuzzFeed nach Deutschland?
An diesem Punkt sind wir noch nicht. Wir würden vermutlich mit einem schlanken Modell starten und zunächst Übersetzungen englischer Artikel veröffentlichen.

Aber starten wird BuzzFeed also mit einem deutschen Angebot?
Vielleicht. Die Entscheidung für oder gegen einen Start wird eher früher als später fallen. Denn es starten ja bereits andere Angebote, zuletzt Upcoming.de oder in der Schweiz der Blick am Abend mit einem ähnlichen Ansatz. Wir wollen eigentlich nicht mit Angeboten konkurrieren, die dasselbe machen wie wir.

Was sagen Ihnen deutsche Verleger?
Sie sind interessiert. Was ich wiederum interessant finde: in Deutschland gibt es keine große unabhängige News-und Inhalte-Plattform. In den USA gab es schon lange Beispiele, wie etwa Slate oder Salon.

Neben der Expansion – was sind die nächsten Aufgaben für BuzzFeed?
Internationale Nachrichten und Videos. Wir wollen uns darauf konzentrieren. Eine Konferenz oder ein Tv-Kanal wird nicht von uns kommen.

Ist BuzzFeed eigentlich profitabel?
Wir veröffentlichen keine Zahlen. Es geht uns gut.

Letzte Frage: Sie waren Gründungsmitglied der US-Band We Are Scientists. Warum sind Sie raus aus dem Musikgeschäft?
Wir sind weiter gut befreundet. Aber damals zog die Band nach L.A. und ich war gerade mit meiner Freundin in eine gemeinsame Wohnung in New York gezogen. Außerdem wollte ich auf keinen Fall in L.A. wohnen. Wir mussten uns trennen, die Band und ich. Heute lebe ich in L.A., das ist schon ironisch.

Scott Lamb war Editorial Director von BuzzFeed und ist heute Vice President International des weltweit beachteten Angebots. Die Seite erreicht monatlich etwa 75 Millionen Unique Visitors. MEEDIA hat das Interview am Rande von Burdas Digitalkongress DLD geführt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige