Kicker verweigert sich Hitzlsperger-Debatte

Auch das ist ein mutiger Schritt: Einige Leser des Kickers werden sich am heutigen Donnerstag bei der Lektüre der neusten Ausgabe gewundert haben. Im Gegensatz zu so gut wie allen anderen Medien findet sich in der aktuellen Nummer kein Bericht zum Coming-Out des ehemaligen Nationalspielers. Dahinter steckt kein Fehler, sondern eine bewusste Entscheidung der Redaktion um Chefredakteur Jean-Julien Beer. Für sie gibt es schlicht "viel Interessanteres und Wichtigeres zu berichten".

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Mit dieser Position fährt das selbst ernannte Fachmagazin, das sicherlich eines der wichtigsten deutschen Leitmedien in Sachen Fußballberichterstattung ist, eine exakt gegensätzliche Linie zu fast alle anderen Medien hierzulande.

In einem kurzen Kommentar auf Seite eins begründet Beer unter der Zeile "Hitzlsperger: Eilmeldung" seine Position. Rhetorisch fragt er erst einmal, ob eine Agentur-Eilmeldung zu dem Thema überhaupt nötig gewesen wäre. "Eilig? Wichtig? Ist etwas passiert? Öffentliche Reaktionen folgten schnell. Respekt wurde gezollt, der Mut gelobt". Es liest sich schon aus diesen Zeilen heraus: Der Blattmacher scheint das anders zu sehen. "Das war zu erwarten", schreibt er weiter. Immerhin hätte der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger das Thema "- in einer fast schon beängstigenden Form – staatsmännisch anmaßend zu einem zentralen Problem des Fußballs erhoben".

Allerdings sei – nach Meinung Beers – in einem weltoffenen Deutschland "weder die Sexualität noch Religion eines Sportlers zu thematisieren oder gar zu tabuisieren". Deshalb werde der Leser auf den nächsten Seiten die Meldung nicht finden. "Es gibt so viel Interessanteres und Wichtigeres zu berichten. Auch im Fußball". Was Beer damit meint, ist eine Seite zuvor, auf dem Cover, zu sehen. Der Kicker macht an diesem Donnerstag mit einer großen Story zu Borussia Dortmund auf. "Wie Klopp mit Dortmund wieder die Kurve kriegen will". Eine solide Titelgeschichte, die allerdings nicht mit großen News aufwarten kann. Weitere Themen: "5 Brennpunkte für Trainer Dutt" oder "das Zerren" bei Hannover 96 um Diouf & Castillo.

Mit seiner Entscheidung, auf eine Print-Berichterstattung zum Thema Hitzlsperger zu verzichten (Online berichtete Kicker.de sehr wohl), hält der Chefredakteur allerdings auch standhaft an einem wichtigen Prinzip der Fußballzeitung fest, nach Möglichkeit nicht über Privates von Profis zu berichten. Das ist in 99 von 100 Fällen richtig und hebt sich angenehm von der Konkurrenz ab. An diesem Donnerstag ist die Entscheidung des Chefredakteurs jedoch diskussionswürdig.

Zum einen dürfte der mediale Impact der Story das beste Argument selbst sein, dass das Coming-Out von Hitzlsperger alles andere als ein gewöhnlicher und vor allem privater Vorgang ist. Zum anderen muss sich der Blattmacher die Frage gefallen lassen, ob nicht gerade ein mediales Schweigen hilft, Homosexualität im Profisport zu tabuisieren.

Via Twitter kommentierte 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster mittlerweile den Standpunkt seines Kollegen: „Jean-Julien Beer zimmert sich im Kicker eine Welt, wie sie ihm gefällt“.
In seinem sehr knappen Editorial geht Beer leider nicht auf die Frage ein, ob es nicht gerade dem Kicker, mit seiner tiefen Verwurzelung im Profi-Fußball und den Verbänden, gut zu Gesicht stehen würde, sich offensiv mit dem Thema und der wichtigen gesellschaftlichen Debatte auseinander zu setzen.

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