Ein Ex-FTDler rechnet mit Gruner + Jahr ab

Am morgigen Samstag ist es exakt ein Jahr her, dass die letzte, mittlerweile preisgekrönte, Ausgabe der Financial Times Deutschland erschien. Für Falk Heunemann, den ehemaligen Kommentarredakteur der Wirtschaftszeitung, ist das der richtige Zeitpunkt, sich mit dem Ende auseinanderzusetzen und vier Einsichten daraus zu formulieren. Vor allem Gruner + Jahr kommt dabei nicht gut weg. „Hätte die Zeitung Journalismus so betrieben wie der Verlag verlegt, die Leser wären uns zu Recht fortgelaufen.“

Anzeige

Die erste Lehre Heunemanns aus dem Aus der Wirtschaftszeitung ist eigentlich eine positive: „Hurra, wir arbeiten noch. Oder vielmehr: wieder“, schreibt er. Er konstatiert: „Der Arbeitsmarkt für Journalisten lebt. Die meisten von uns sind untergekommen, mehrheitlich auch in guten wie gutbezahlten Jobs“. Allerdings nicht mehr alle als Journalisten. So hätte ein Viertel der ehemaligen Redakteure längst eine Aufgabe in der Kommunikationsbranche oder direkt in Konzernen angenommen. „Nicht, weil sie nichts anderes fanden. Sondern weil sie einen Arbeitsplatz angeboten bekamen, bei denen man mal auf der Seite der Entscheider sitzt.“ Zudem lässt sich in der freien Wirtschaft mehr Geld verdienen, als in den meisten Verlagen.
Zweite Erkenntnis: „Die Medienkrise ist eine Verlagskrise“. Damit meint der ehemalige FTD-Redakteur auch und vor allem Gruner + Jahr. Noch immer scheint der Groll tief zu sitzen, dass die Hamburger wochenlang zur Zukunft der Financial Times Deutschland schwiegen, obwohl längst alle anderen Medien über das Aus der Wirtschaftszeitung berichteten. „Wie die Verlagsführung erst unser Magazin Business Punk lobte und dann dessen Macher vergraulte. Wie sie eine Strategie als ‚House of Content‘ formulierte, in der das Wort Journalismus nicht einmal mehr vorkommt. Wie sie nun funktionierende Redaktionen – und Geschäftsmodelle – wie Neon aus verlagstaktischen Gründen ruiniert“, schimpft Heunemann. Allerdings glaubt der Hamburger, dass sich Gruner + Jahr nicht dümmer als andere Verlage anstellen würden, nur "plumper".

Allerdings sei an dieser Stelle auch angemerkt, dass es ein Jahr nach dem Ende der Wirtschaftszeitung kaum noch Zweifel an dem betriebswirtschaftlichen Sinn der Redaktionsschließung gibt. Gruner + Jahr verdiente nie Geld mit der Zeitung und sah wohl auch mittelfristig keine Chance auf ein positives Ergebnis. Im Nachhinein muss man sich wundern, wie wenig die FTD im bundesdeutschen Pressealltag tatsächlich vermisst wird.

Als dritten Punkt bemängelt Heunemann in seinem Text, der auf der Online-Debatten-Seite Opinion-Club veröffentlicht wurde, die fehlende Transparenz in den Personalabteilungen der meisten Verlage. Freie Stellen würden nicht ausgeschrieben, potenzielle Top-Kräfte erfahren so gar nichts von möglichen Vakanzen. Dadurch ließen viele Chefredaktionen gute Journalisten einfach vorbeiziehen.  Seine vierte Erkenntnis lautet: „Die Zukunft des Journalismus liegt nicht im Netz“. Heunemann begründet dies mit dem Umstand, dass man im Web nicht genügend Geld für Texte bekommen würde, um anständig davon leben zu können. Unter diesem Dilemma leiden allerdings nicht nur die ehemaligen Redakteure der Financial Times Deutschland.

Am Samstag, 7. Dezember, treffen sich übrigens rund 250 ehemalige Mitarbeiter der G+J-Wirtschaftspresse, darunter die fast komplette Kernmannschaft der FTD, zu einer Wiedersehensparty. Gefeiert wird im Hamburger Schanzenviertel. Nur zwei Stunden nach der Einladung habe es bereits 120 Zusagen gegeben, sagt Mitorganisatorin Jennifer Lachman. Aus dem Augen, aus dem Sinn – zumindest für die ehemaligen Mitarbeiter gilt dieser Spruch nicht.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige