Springers Welt: die Architektur des Digitalen

Wo früher goldene Kameras, Lenkräder und sonstige Preise überreicht wurden, befindet sich jetzt ein Schaufenster für den Journalismus. Springers Ullstein-Halle ist ab dem 8. Dezember die neue Heimstatt für die Welt-Gruppe. Groß, sogar sehr groß ist dieser Arbeitsplatz für gut 100 Redakteure und Blattmacher. Welt-Chef Jan-Eric Peters setzt mit dem Umzug nun sein Konzept "Online to Print" um – das zwar effektiv ist, aber kontrovers diskutiert wird. Denn Print spielt dabei nur eine nachgeordnete Rolle.

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Feste Arbeitsplätze gibt es nicht mehr im Welt-Newsroom, auf Zetteln stehen vor dem Umzug in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember nur funktionale Zuordnungen und Ressorts. Zentral liegt das sogenannte "Auge", von dort aus wird die Operation Welt gesteuert. Monitore hängen rund um das "Auge" und an den Wänden. Dort sollen allerdings in der Regel keine Nachrichtensender laufen – was zwar immer total dynamisch aussieht, aber doch nur ablenkt und nervt – sondern wichtige Kennzahlen zum News-Status der Welt-Website angezeigt werden. In einer Ecke befindet sich die "Arena", eine Art Multifunktions-Besprechungstisch. In verglaste Mini-Büros an beiden Enden der 1000-Quadratmeter-Halle können sich die Chefs zurückziehen, wenn es dann doch mal zu laut wird.



Im Nachrichtengeschäft spielen die digitalen Kanäle die wichtigste Rolle. Keine Zeitungsgruppe hat sich darum so sehr dem Prinzip verschrieben, in der Organisation ihrer Redaktion Digital darum auch einen absoluten Vorrang zu geben. Bei "Online to Print" sollen letztlich alle Beiträge originär für digitale Kanäle entstehen – und dann werden einige davon eben "auch" auf Papier gedruckt. Das ist äußerst effizient, schmeckt natürlich klasssischen Blattmachern nicht unbedingt. Haben Print und Online doch, auch wenn sie sich als Kanäle ergänzen, unterschiedliche Temperaturen. Eine Parallelwelt, in der eine Mehrzahl der Beiträge für die gedruckte Ausgabe gesondert besprochen, geschrieben und produziert wird, gibt es bei "Online to Print" nicht mehr.



Springer-Chef Mathias Döpfner erwähnt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass das Trägermedium Papier weniger wichtig, der Journalismus dafür aber viel wichtiger werden wird. Die erste These setzen seine Chefredakteure nun in die Tat um und machen die Print-Blattmacherei zu einer nachgeordneten Aufgabe von kleinen Teams – im Fall der Welt produzieren künftig rund zehn Redakteure die Druck-Zeitung. Was die Verbesserung der Qualität des Journalismus angeht – diesen Anspruch formuliert Peters im Interview mit MEEDIA.

Bemerkenswert ist dabei: Der Welt ging es allein finanziell nie gut, sie schrieb über Jahrzehnte hohe Verluste. Im Verbund der Welt-Gruppe besserte sich die Situation. Döpfner formte aus einem permanenten Einstellungskandidaten ein Medienprodukt, das für fortschrittliches Denken stehen soll. Schon aus grundsätzlichen strategischen Erwägungen würde er die Welt, anders als die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt, niemals verkaufen oder einstellen – denn die Welt soll Döpfners Beleg für die These sein, dass der digitale Journalismus eine glänzende Zukunft hat.

Diese finanziell verbesserte Situation der Welt wurde freilich auch über zielstrebiges Sparen erreicht.. Den Umfang, den die Print-Wettbewerber FAZ und SZ heute immer noch hinlegen, kann und will die Welt als gedrucktes Produkt nicht mehr mitgehen. Dagegen ist Springer weiter, wenn es um die Organisation einer Newsplattform geht, die weitgehend medienneutral arbeitet. Das klingt für Medien-Traditionalisten noch immer eher abschreckend. Wenn aber eine Eigenschaft bei Springer in den vergangenen Jahren abgeschafft wurde, ist es die Sentimentalität.

Herr Peters, die Welt wurde vor einigen Jahren totgesagt – jetzt stehen wir hier in der Ullstein-Halle und Sie können Ihren niegelnagelneuen Newsroom herzeigen. Spüren Sie ein klein wenig Genugtuung?
Nein, aber ich freue mich natürlich, dass unsere Arbeit in den vergangenen gut zehn Jahren bis heute so erfolgreich ist. Damals waren wir die Nummer drei unter den Tageszeitungen, ich erinnere mich noch gut an die Abgesänge auf uns. Heute sind wir crossmedial die Nummer eins in unserem Wettbewerbsumfeld, liegen bei der Leser-Zahl klar vor SZ, FAZ und Zeit. Wir arbeiten nach dem Prinzip "Online to Print", und das hat uns gerade digital einen Vorsprung verschafft. Jetzt geht es für uns um mehr, als nur in einen großen Raum zu ziehen.  
Die Branche spricht viel über Newsrooms, dabei sind sie doch nur Mittel zum Zweck. Warum wird so oft nur noch über Organisation gesprochen, und so wenig über Inhalte?
Wir sprechen in der Redaktion jeden Tag sehr viel und hauptsächlich über Inhalte – aber die werden natürlich am besten, wenn die Redaktion optimale Arbeitsabläufe hat. Unser Fokus hat sich entsprechend des Leserinteresses in den vergangenen Jahren von "Print only" über "Online first" zu "Online to Print" entwickelt – das erfordert zwingend eine veränderte Organisation.
Nach welchem Vorbild ist der neue Newsroom entstanden?
Ein konkretes Vorbild gibt es nicht. Ich habe im Laufe der vergangenen Jahre Dutzende von Newsrooms gesehen, mir Anregungen geholt und unseren so konzipiert, dass er genau zu unseren komplexe redaktionellen Anforderungen passt. Die Welt-Gruppe ist eine Redaktion, die sehr viele Titel und Angebote erstellt.
Das Prinzip, nach dem die Welt operiert, nennt sich "Online to Print". Also: Die gedruckten Zeitungen basieren auf den Inhalten, die für die digitalen Kanäle der Welt-Gruppe erstellt werden.
Wir praktizieren das seit eineinhalb Jahren, sind aber noch nicht perfekt. Eine Redaktion, in der 60 Jahre lang die gedruckte Zeitung im Mittelpunkt stand, braucht da Zeit. Jetzt aber wird es schnell gehen. Im neuen Newsroom erkennt man schon an der Architektur des Raumes, dass der Fokus auf dem Digitalen liegt, da kommt keiner mehr dran vorbei. 
In der Mitte des Raumes ist ein kreisrunder großer Desk für rund ein Dutzend Leute…
Das ist das so genannte "Auge", das Herz des Newsrooms. Im "Auge" sitzen der Chefredakteur oder ein Stellvertreter, ein Online-Pilot, ein Art Director für die digitalen  Ausgaben sowie die Tageschefs für Mobile, Social Media, Video, Foto und Infografik, außerdem ein Daten-Analyst. Hier arbeiten wir auch unmittelbar mit Kollegen aus der Produktentwicklung zusammen, um unsere Möglichkeiten beim digitalen, multimedialen Journalismus besser auszuschöpfen und gezielt ausbauen zu können. Alle diese Kollegen gehören zum Redaktions-Team. An den umgrenzenden Tischen, die strahlenförmig vom "Auge" ausgehen, sitzen die Verantwortlichen aus allen Ressorts. Das war bisher nicht so. Ein Video-Team gibt es schon, ein Social Media-Team bauen wir jetzt auf.
Und wenn alles voll ist…
Dann arbeiten hier mehr als 100 Redakteure auf 1000 Quadratmetern. Das sind übrigens alles Funktions-Arbeitsplätze, feste individuelle Plätze gibt es im Newsroom nicht.
Und was ist daran nun besser als im alten, kleineren Newsroom?
Jetzt sind alle Ressorts und alle Titel im Newsroom vertreten. Alle Entscheider sitzen zusammen und können jederzeit über relevante Geschichten sprechen, sie planen und aufbereiten. Im Grunde werden wir eine permanente Themenkonferenz haben. Was auch immer passiert, wir haben alle Leute direkt vor Ort, um sofort mit der Planung zu beginnen, es geht keine Zeit mehr verloren, um die richtigen Leute zusammen zu trommeln. Nur der jeweilige Reporter muss noch dazu geholt werden, denn die werden weiter im Hochhaus arbeiten, weil der Newsroom sonst mehr als doppelt so groß hätte sein müssen. Mein Ziel dabei ist nicht, dass wir mehr Geschichten machen – aktuell sind es etwa 150 am Tag –, sondern dass wir noch bessere Geschichten machen. Wir investieren die Zeit, die wir durch den Newsroom gewinnen, in die Qualität der Berichterstattung. 
Wird immer nur alles schneller?
Schnelligkeit ist keineswegs das einzige Erfolgskriterium, auch wenn sie online und mobil natürlich eine sehr wichtige Rolle spielt. Langfristig entscheidend ist vor allem die Qualität der Inhalte. Auch in der digitalen Welt müssen wir den Geschichten viel Liebe angedeihen lassen – mehr als es heute üblich ist. Deshalb ist es so wichtig, dass wir durch die neue Organisation in jedem Ressort mehr Zeit für die inhaltliche Arbeit gewinnen. Auch für lange Geschichten, die man meist nur in Zeitungen vermutet. 150 Zeilen, 200 Zeilen – davon muss es jeden Tag mindestens 10 bis 20 Geschichten geben.
Und wo werden dann die gedruckten Medien gemacht?
Unser Newsroom hat drei Geschwindigkeiten. Beim Digitalen rund ums "Auge" kann es sogar Berichterstattung in Echtzeit sein, wie beispielsweise aktuell unser Live-Ticker zu Orkan "Xaver". Die zweite Geschwindigkeit gilt für unsere Tageszeitungen, die räumlich gesehen weiter weg vom "Auge" entstehen. Dahinter sitzen die Redakteure, die für die wöchentliche Welt am Sonntag und Welt am Sonntag kompakt verantwortlich sind.
Das heißt?
Nach dem Prinzip von Welt Kompakt bedienen sich die Welt-Blattmacher aus den Inhalten, die wir über den Tag erstellen, und bauen aus den besten Geschichten eine Zeitung. Ein festes Team erfahrener Redakteure, das über Ressortgrenzen hinweg denkt. Ich verspreche mir davon eine Zeitung, die aus einem Guss ist. Bei Welt Kompakt funktioniert das sehr gut – die Inhalte sind weitgehend identisch mit denen der traditionellen Welt, aber das Blatt spricht trotzdem eine eigene Sprache. Auch die digitalen Titel profitieren, weil es keine Situationen mehr geben wird, in denen Redakteure um 16 Uhr sagen: "Und jetzt muss ich schnell noch etwas für die Zeitung machen."
Wie werden Sie künftig mit der Berliner Morgenpost und dem Hamburger Abendblatt zusammenarbeiten, die vorher Teil des Newsrooms waren, aber nun an die Funke Mediengruppe verkauft sind?
Die Redaktionen werden sich bis auf weiteres und vor allem wie bisher gegenseitig mit Inhalten beliefern. Über unser gemeinsames Redaktionssystem arbeiten wir auch weiterhin in einem virtuellen Newsroom zusammen.
Nun gab es durchaus Grummeln unter manchen Redakteuren, ob dieser Riesen-Newsroom wirklich eine gute Idee ist.
Unsere Strategie, die dahinter steht, das journalistische Prinzip – das wird von allen verstanden. Aber die Arbeit in einem so großen Raum mit so vielen Leuten ist für einige natürlich auch ungewohnt. Wird es zu eng, zu laut, zu heiß? Ich habe allen Redakteuren, allen Ressorts den neuen Newsroom gezeigt und unsere neuen Abläufe genau erklärt, da hat sich schon so manches geklärt. Es gibt auch viele Kollegen, die sich auf den Umzug freuen. Und die anderen will ich in den kommenden Wochen überzeugen. 
Sie selber behalten ihr Büro in einem der oberen Stockwerke?
Nein. Ich habe das Newsroom-Feeling schon immer geliebt, diese kreative Atmosphäre, gerade wenn es auch mal hektisch wird. Mein altes Büro im Hochhaus hab ich schon geräumt.

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