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Mutig oder dreist: das 399 Dollar-Blog-Abo

Der vermeintliche große Wurf der Wall Street Journal-Reporterin Jessica Lessin ist da. Er heißt The Information – und er kostet. 399 Dollar pro Jahr, um genau zu sein. Oder stolze 39 Dollar pro Monat. Auf den ersten Blick kommt The Information wie der Tech-Teil des Business Insiders daher, nur dass Lessin so ganz anders sein will. Es geht um Einordnung – "ohne den täglichen Lärm". Das Vorhaben erscheint nach dem ersten Blick auf die Teaser-Häppchen etwas gewagt, könnte sich aber rechnen.

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Die Star-Journalisten der Techbranche haben einiges vor. David Pogue von der New York Times? Heuert bei Yahoo an. Walt Mossberg und Kara Swisher? Verlassen das Wall Street Journal zum Jahresende, um ihr eigenes Tech-Portal aufzumachen oder AllThingsD unter einem anderen Dach zu betreiben.

Jessica Lessin, die vielleicht bestinformierte Reporterin des Silicon Valley, die die Branche über Jahre unter ihrem Mädchennamen Vascellaro kannte, ist nach einem Jahr des Herumexperimentierens schon weiter. Ihr in losen Abständen befülltes Tech-Blog JessicaLessin.com verwandelt sich in ein Premium-Tech-Portal, wie es die Branche noch nicht gesehen hat.
 
Jessica Lessin: Technologie-Journalismus braucht "einen Neustart"

Schon der Name könnte ambitionierter nicht gewählt sein: Lessin geht mit The Information an den Start. Content ist also Queen – gewissermaßen. Und die Königin hat ihren Preis. Dem als selbstverständlich angenommenen Kostenlos-Geschäftsmodell, das die Platzhirsche TheVerge, Mashable, TechCrunch und auch das von Sarah Lacy gegründete PandoDaily praktizieren, erteilt Lessin eine Absage.

Lessin lässt sich den Rohstoff der Informationen fürstlich bezahlen: 399 Dollar müssen Leser berappen, die das Premium-Angebot der Techbranche beziehen wollen – und dafür gibt es nicht mal tagesaktuelle News, denn die bezeichnet Lessin als "Lärm".

Technologie-Journalismus brauche "einen Neustart", findet die 29-Jährige. Der Grund: "Das Rennen um Page View und Werbegelder führt dazu, dass sich Publikationen auf Quantität, nicht Qualität konzentrieren", so Lessin.

Wie wertvoll sind Technews, die am Ende viral gehen?

Stattdessen bieten die frühere Wall Street Journal Reporterin und ihr Team aus fünf Redakteuren "Inside Reports aus der Welt der Technologie-Industrie" an. Eben die Information, "die ihren Preis wert ist".

Hier fängt das Problem an: Wie wertvoll können Tech-News sein, die – selbst wenn sie dank Lessins exzellenten Kontakten exklusiv sind, – am Ende doch im Social Media-Zeitalter schnell viral gehen?

Wie viel Mehrwert bieten die Artikel wirklich?

Mit wenigen Zeilen reißt Lessin ihre Artikel an – etwa den über den früheren Tech-Giganten Cisco. "Wird 2014 Ciscos Jahr der Abrechnung", fragt sich Lessin in einem Artikel, den sie in der Kategorie „The Information ahead“ anpreist. „Die müde Performance alter Tech-Unternehmen hat 2013 Aktivisten angezogen“, schreibt Lessin im ersten Satz. Man denkt sofort an Apple und Carl Icahn. Ist das 399 Dollar pro Jahr wert?

Ein neuer Carl Icahn könnte sich mit Cisco-Papieren eindecken und Druck auf CEO John Chambers erhöhen. Was wären die Folgen? Wie meist in solchen Fällen, ein steigender Aktienkurs. Genauso gut kann aber auch nichts passieren. Wie "vorausschauend" ist Lessins Information nun?

Konkurrenz zu Premium-Finanzdienstleistern

Ob es die 29-Jährige möchte oder nicht – sie tritt mit ihrem nicht unerheblich bepreisten Angebot in Konkurrenz zu Finanzmarktinformationsdiensten wie RealMoney.com von TheStreet.com oder dem Premium-Teil von Marketwatch. In welcher Hinsicht, wenn nicht monetär an der Börse oder im Pre-IPO-Bereich, können Informationen wirklich so viel Geld wert sein?

Insider-Personalien, die Lessin groß gemacht haben – etwa ein Scoop, wer die News des neuen Microsoft-CEOs eine Minute eher hat – können kaum das Kaufargument sein. Und seitenlange messerscharfe Analysen von Henry Blodget, M.G. Siegler oder Sarah Lacy gibt es weiter zum Nulltarif.  

Gute Chancen auf Profitabilität

Wird The Informationen damit zum prädestinierten Flop, wie auf Twitter sofort prophezeit wird?  Nicht unbedingt. 1.800 Abonnenten bräuchte Lessin wohl, um profitabel zu arbeiten, rechnet ausgerechnet der Business Insider vor, der selbst auch ein Premium-Angebot mit angeblich "Tausenden Abonnenten" anbietet.

Jessica Lessin ist im Silicon Valley nicht weniger als ein Star, höchstens vergleichbar mit eben ihren früheren WSJ-Kollegen Walt Mossberg und Kara Swisher oder David Pogue. Es wird nicht wenige Facebooker, Googler oder Yahoos auf höchster Management-Ebene geben, die sich beim Warten in der Senator Lounge oder der nächsten Launch-Party dabei gefallen, Lessins Storys wiederzukäuen: Haste schon gehört, was die Lessin da über Euch geschrieben hat? Keine Frage: Ihre Erfolgsaussichten, profitabel zu arbeiten, sind groß – im Gegensatz zu vielen anderen Tech-Portalen …

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