GroKo 2013: Gemecker im Dreivierteltakt

Die Unterschriften unter den Vertrag der großen Koalition von CDU/CSU und SPD sind noch nicht trocken, schon steht das Urteil fest: Enttäuschung. “Der Koalitionsvertrag ist dick, aber nicht stark”, meint beispielsweise die Süddeutsche. Opposition und Verbände meckern im Dreivierteltakt. “Unterlassene Hilfeleistung”, “kleinste gemeinsame Ebene” und wo zum Teufel bleiben eigentlich die Reformen!? Die Mecker-Rituale der voreilig Enttäuschten sind exakt die gleichen wie bei der großen Koalition von 2005.

Anzeige

Die Türkische Gemeinde ist enttäuscht wegen der Halbherzigkeit bei der doppelten Staatsbürgerschaft, die Grünen sind enttäuscht weil angeblich die Energiewende ausgebremst wird, der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung ist enttäuscht wegen der , nun ja, Vorratsdatenspeicherung, die FAZ ist enttäuscht über den “großen Brei”, der sich aus dem Füllhorn ergießt. Der Arbeitgeberverband BDI und der Linke-Politiker Gregor Gysi üben sich in seltener Eintracht und sind enttäuscht über den gefährlichen “Stillstand” in der schwarz-roten Republik. Das Handelsblatt titelt "Operation Stillstand".

Der Politik-Berater und Blogger Michael Spreng spricht schon jetzt von einer "Koalition der Enttäuschungen". Bevor die Regierung überhaupt gebildet ist, steht ihr Versagen in den Augen vieler Medien und der Opposition bereits fest. “Enttäuscht” ist der dicke Stempel, der in der Schublade ganz oben liegt in der Jammer-Republik Deutschland.
Eine “große Enttäuschung” und “Skepsis” schlagen also Kanzlerin Angela Merkel entgegen, die Westfälischen Nachrichten kommentieren: “Viel Wind um nichts”. Ach ne, Moment. Die zuletzt verlinkte Enttäuschung, Skepsis und der “Wind um Nichts" entstammen dem Jahr 2006, als Angela Merkels erstmals eine große Koalition führte. Der Kölner Stadt-Anzeiger schrieb damals vom “regungslosen Ehepaar" Merkel und Müntefering. Die Kanzlerin war bei den "Managern durchgefallen". Der Focus kommentierte: “Augen zu und Murks”. Die Bild-Zeitung schäumte: "Der Koalitionsvertrag der Großen Koalition ist eine Bankrotterklärung.” Die Berliner Zeitung subsumierte: "Alles in allem ist die große Koalition eine große Enttäuschung”.
Austauschbare, hohle Empörungs-Rhetorik. Wie sich die Kommentare gleichen. All diese Schlagzeilen hätte man ohne jede Veränderung auch diesmal, acht Jahre später, wieder aufbereiten können. Auch damals waren sich sich alle schon kurz nach dem Start der großen Koalition einig: Das wird nix. Solche Mecker-Rituale haben etwas ermüdend Reflexhaftes. Damals wie heute wird der Untergang des Abendlandes vermutlich wieder mal ausfallen.

Der Aufschrei der voreilig Enttäuschten gehört zum Handwerkszeug von Verbänden, Opposition und Medien. Angela Merkel ist als Bundeskanzlerin umgeben von Menschen, die alles zu jeder Zeit besser wissen. Falls die Rezepte der Besserwisser dann nicht funktionieren, sind die schnell auf Tauchstation oder behaupten das Gegenteil.

Die einen meckern, eine macht – so lautet wohl die Devise der Kanzlerin. Um mit einem ihrer Vorgänger zu sprechen: Wichtig ist, was hinten rauskommt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige