Amy&Pink: Das Porno-Proll-Blog ist zurück

Rolle rückwärts beim selbst ernannten Popkultur-Blog „Neue Elite“: Nach nur dreieinhalb Monaten wurde “das Herzensprojekt“ eingestellt – Betreiber Marcel Winatschek verkündet nun die Rückkehr zum Ursprungsblog „Amy&Pink“. Die Namensänderung ändert am Konzept wenig: "Amy&Pink" bedient sich seit Jahren erfolgreich der Mechanismen des Social Webs. Die fast ausschließlich trashigen Inhalte mit sexueller Note werden mit heißer Nadel viral aufbereitet – und mit intimen Bekenntnissen 18-Jähriger garniert...

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Pathetischer konnte man einen Abschied kaum inszenieren: "Die Selbstfindungsphase ist vorbei, Amy&Pink hat sich ausgelebt, verkauft, verschenkt, es hurte herum und lag verkokst in der Ecke und machte Dinge, die vor Gott kaum zu rechtfertigen sind. Aber jetzt ist es für Lil’ Amy Zeit, erwachsen zu werden, bevor es womöglich für immer zu spät ist". Das kündigte Blogbetreiber Marcel Winatschek Ende Juli an.

Etwas Neues musste her: "Das neue Projekt soll diese mentale Freiheit und intellektuelle Herausforderung einfangen und in eine starke und stolze Publikation verwandeln." Dieses neue Projekt nannte sich "Neue Elite" und kam mit einigem Sendungsbewusstsein daher. Es wollte sein:   

"Ein Fachmagazin für junge Menschen, die sich durch das Internet selbst verwirklichen, und jeden, der daran teilhaben möchte. Ein Popkulturmagazin für kreative Konsumenten, die tiefe Einblicke statt schnelles Fast-Food bevorzugen. Ein Meinungsmagazin für all diejenigen, die etwas verändern wollen, die keine Lust auf Einheitsbrei haben, die auch etwas zurückgeben möchten."

Ende von Neue Elite wegen "nicht genügender Werbeeinnahmen"

Nach dreieinhalb Monaten ist dieses Projekt nicht nur in praktisch jedem Punkt am eigenen Anspruch gescheitert – vor allem aber wohl am Geldbeutel, wie Marcel Winatschek in einem neuen Blogpost zugibt: "Denn, wer hätte es gedacht, nur mit zwei wahnsinnig gut recherchierten und geschriebenen Artikeln am Tag hat man weder genügend Werbeeinnahmen noch wühlt man damit die deutsche Netzwelt auf."

Das ist zumindest einmal ein ehrliches Wort nach so viel Schwadronieren in eigener Sache. Am Ende des Tages ist die Rückkehr zu den "In-die-Fresse-Texten" ohnehin völlig irrelevant – eine große Leuchte war das Leuchtturmprojekt Neue Elite nie.

Neue Elite – ein Name wie ein Datingservice für Endvierziger

Schon der Name war kompletter Blödsinn: "Neue Elite", erst recht in der blassen Typo, klang eher nach einem Datingservice für Endvierziger als nach dem heißen Scheiß, der Anfangzwanziger interessiert.

Der Anspruch war hoch – das Ergebnis indes wie gehabt: Am Ende des Tages war Neue Elite ein Abenteuerspielplatz für 18-jährige Schülerinnen, die zu viel Californication, Pornos oder beides schauen, und es unglaublich aufregend
finden, einmal außerhalb ihrer Facebook-Wall über Justin Bieber und Miley Cyrus herziehen und beliebig oft "Nutten" und "vögeln" schreiben zu können.

Jung sein und das Geld brauchen: Wenn 18-Jährige für 50 Euro pro Artikel schreiben

Daniela Dietz ist eine der Autorinnen, die für Neue Elite oder jetzt wieder Amy&Pink schreibt – sie ist 18 und "hört am liebsten Delphine beim Geschlechtsverkehr". Wer ihr Profilbild unter dem Artikel betrachtet, muss befürchten, dass sich das Interesse nicht auf die Tierwelt beschränkt.

Immerhin: Marcel Winatschek belohnt die ersten Schreibergüsse mit 50 Euro pro Artikel (das ist immerhin mehr, als die Huffington Post Bloggern zahlt) – wie Neue Elite zuletzt bildreich in einer Jobbeschreibung klarmachte. Zu sehen: Ein leuchtendes MacBook und ein junges Mädchen mit großen Brüsten, einem offenen Mund und einem Telefonhörer in der Hand – eher das Bild einer Telefonsex-Hotline als das einer Nachwuchsjournalistin.   

Ob sich Franziska Kuhn so sieht, ist unklar. Die 18- oder (doch schon?) 19-jährige Nachwuchsautorin, die an diesem Freitag ihren ersten Text veröffentlicht hat, beschreibt sich selbst so: "Am Ende hat es sie nach Freiburg verschlagen, dort studiert und lebt sie (sich aus)."

Autorinnen schreiben: "Sehe ich billig aus, will ich es, bin ich es"

Um nicht lange im Vagen zu bleiben, macht Kuhn in ihrem ersten Beitrag für Amy&Pink unmissverständlich klar, was sie vom Leben erwartet:  

"Sehe ich billig aus, will ich es, bin ich es. Trefft ihr auf so eine Frau, dann macht euch doch ran und fackelt nicht großartig rum. Und wenn ich euch dann auch noch zeigen will, wie schnell mein Herz schlägt, eure Hand aber direkt auf meine Brüste lege, frag doch bitte nicht nach meiner letzten Bionote. Deutet die Signale, benutzt eure Männlichkeit und schleppt mich ab!"

Und weiter:

"Wir sind doch alle jung, geil und frei, nach Jahrhunderten, Jahrtausenden der Unterdrückung. Wir sollten feiern, trinken und Sex haben! Wieso sich zurückhalten?"

"Ja, auch wir Mädchen stehen auf schnellen, einfachen Sex!"

"Ja, auch wir Mädchen stehen auf schnellen, einfachen Sex!", lautet der Blogbeitrag allen Ernstes – er ist der Inbegriff eines jeden Amy&Pink-Artikels. Ob das stimmt – völlig irrelevant. Das Blog ist eine Behauptungswüste.

In der Welt von Amy&Pink geht es weniger um die Mädchen an sich, sondern um die Mädchen in der männlichen Vorstellungswelt, die im Social Media-Zeitalter ein unerschöpfliches Arsenal bekommen. Es ist eine Welt des schnellen, immer verfügbaren Sex, auch wenn der gerade real nicht verfügbar ist – YouPorn geht schließlich immer.

Das Leitmotto von Neue Elite lautete: "Das Zuhause für all diejenigen, die im Internet leben." In der Trash-Version von Amy&Pink bekommt die Zuspitzung eine fast ausschließlich sexuelle Note. Schließlich geht der Nachschub dank Miley Cyrus, Justin Bieber und Co. nie aus.

Die Nachwuchsschreiberinnen können sich täglich aufs Neue an den Skandälchen abarbeiten, die in der Popwelt so passieren: "Das hier ist der Videobeweis dafür, dass Justin Bieber lieber eine Nacht mit einer brasilianischen Prostituierten im Puff verbringt als mit euch in eurem mit Postern und einer SpongeBob-Bettdecke bestückten Kinderzimmer. Ihr Loser", schreibt die 18-jährige Daniela Dietz. Die Pose ist Programm.

Amy&Pinks Leitmotto: "Die sind so geil, die dürfen das"

Amy&Pink bietet wie wohl kein anderes deutsches Blog den Rohstoff für gelangweilte Teenager, die in ihrer Filterbubble aus iPhone, Facebook, Buzzfeed aber auch Miley Cyrus und Youporn groß geworden sind. 

Es ist eine virale Welt, die traditionelle Medien komplett verschlafen haben – und auch das Sprachrohr der etwas anspruchsvolleren jüngeren Generation – Neon – oft nur streift.  Zuletzt hatte sich das G+J-Blatt einmal mutig an das Tabu-Thema Masturbation herangewagt – bei Amy & Pink werden dagegen direkt Vorlagen geliefert. 

Zeitgeist der Social Media-Generation getroffen

So trashig, kalkuliert und sprachlich limitiert (Marcel Winatschek: "Das größte Problem war, dass ich das Schreiben verlernt hatte") das Berliner Blog auch oft daherkommt – es trifft doch in seiner Direktheit eindeutig mehr den Zeitgeist der jüngeren Social Media-Generation, die ihre Zeit inzwischen bei YouPorn und BuzzFeed verbringt als bei Playboy oder Spiegel Online.  

Der Zeitgeist hat sich in den vergangenen Jahren schleichend, aber doch radikal geändert. Für die Anfangzwanzigjährigen lautet er: Pornos sind ok. Schneller Sex ist ok. Sasha Grey und Miley Cyrus sind ihre Protagonistinnen – nicht der Grand Prix Eurovision und Lena.

Amy & Pink ist der konsequenteste Stenograf des neuen pornografischen Internet-Zeitalters: Jeder kann heute alles sehen – und jeder sieht heute alles. Und Marcel Winatschek ist der bloggende Pimp der Generation Miley Cyrus, der den 18-Jährigen immer neues Futter zuführt –  geschrieben von eben jenen 18–Jährigen.

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