BMWs Elektro-Autowelt: Freude am Gleiten

Mit einer ungewöhnlichen Produktvorstellung hat BMW in dieser Woche Motorjournalisten auf das neue City-Mobil i3 eingestimmt. In Amsterdam fand die Vorstellung des Elektroautos statt, von dem sich der Hersteller nicht weniger als eine "Revolution" erhofft. Tatsächlich hängt für den Konzern, der das Zukunftsmobil mit Milliardenaufwand zur Serienreife gebracht hat, eine Menge davon ab, ob die i-Reihe ein Erfolg wird - oder floppt. Die Marketing-Strategie der Münchner: Rikscha statt Rennstrecke.

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Auf dem Weg zum Hotel geht es nur mühsam voran. Trotz Elektro-Unterstützung quält sich der Fahrer im kleinsten Gang auf den Steigungen der Brücken über die Grachten, während die Passagiere im Fond vom Kopfsteinpflaster durchgerüttelt werden. Die Mitfahrer auf der hinteren Sitzbank sind in der Mehrzahl Medienvertreter von der Gattung "Benzin im Blut", und sie entdecken hier im Gegensatz zu den sonst gewohnten Fahrzeugpräsentationen gezwungenermaßen die Langsamkeit. Das Mobil, das sie dem ersehnten Pressedinner näher bringt, ist nicht der BMW i3, um den es hier eigentlich geht, sondern eine Rikscha, deren bedauernswerter Chauffeur unermüdlich in die Pedale tritt.

BMW hat es so gewollt. Der Autohersteller, der zur Präsentation seiner SUVs gern ins ferne Kanada zur Bären-Safari lädt oder die Cabrios der nächsten Saison in warme Gefilde verschifft, damit die Journalisten das dazu passende Fahrerlebnis gleich mitgeliefert bekommen, hat beim i3 gründlich umgedacht. Mit dem batteriebetriebenen 3-er sollen die Journalisten nicht in eine Welt entführt werden, die weit abseits des Autoalltags liegt, sondern in ihrem realen Nutzungsverhalten abgeholt werden. Und da – so hat man bei BMW erkannt – ist es öfter mal geraten, bei der Routenplanung smarte Alternativen zum Auto einzukalkulieren. Die heißen dann zur Rush Hour schon mal "Zu Fuß" oder "S-Bahn". So kommt die Rikscha ins Spiel, die den Transfer von der öffentlichen Tiefgarage zum Hotel besorgt.

Für solche Eventualitäten liefert der Autokonzern das Konzept gleich mit: eine Connectivity-App zeigt alternative Routen, das Ziel zu erreichen, und natürlich auch die nächstgelegene Ladestation für das E-Mobil. Von denen hat Amsterdam reichlich. In der Tiefgarage reiht sich eine Elektrotankstelle an die nächste, die Wände sind frisch gestrichen, die Apparaturen auf dem neuesten Stand der Technik. Für Nutzer von Elektroautos gibt es in der niederländischen Metropole viele Vorteile und Extravaganzen, kostenfreier Parkraum inklusive.

Von solchen Verhältnissen kann die i3-Fraktion bei BMW mit Blick auf Deutschland nur träumen. Hier gibt es nur eine mäßig attraktive Steuerbefreiung für Neufahrzeuge sowie einen mickrigen Abschlag auf die Versteuerung von Firmenwagen. Alle wissen: Das hebt die Mehrkosten, vor allem bei der Anschaffung, in keiner Weise auf. Käufer von E-Mobilen egal welcher Marke in Deutschland sind Idealisten, kühle Rechner kaufen vorläufig Althergebrachtes in neuem Blechkleid.

Auch das ist ein Grund, warum BMW bei der Vorstellung des i3 europaweit bevorzugt Journalisten aus der Kategorie Lifestyle eingeladen hatte, um ein neues Mobilitätsgefühl auszutesten. Anfang des Jahrtausends begannen die ersten Versuche der Münchner, ein Elektrofahrzeug zu entwickeln. Seit 2007 ist der Antrieb im Konzern Programm. Jetzt soll das Konzept allen Widrigkeiten zum Trotz am Markt zünden.

Die Chancen sind nicht schlecht: Der BMW i3 macht beim Fahrtest einen ausgereiften Eindruck, und auch wenn der knapp vier Meter lange und hochbeinig daherkommende Wagen Unebenheiten und Bodenwellen nicht so souverän wegsteckt wie seine herkömmlich angetriebenen Modellgeschwister, ist er doch ein ausgesprochen flotter Dreier, der in gut sieben Sekunden von Null auf Hundert beschleunigt. Das Bemerkenswerte dabei ist: Schon nach kurzer Zeit ist selbst den agilsten Piloten nicht mehr danach.

Normalerweise macht der Fahrer etwas mit dem Auto, beim BMW i3 ist es umgekehrt: Schon nach kurzer Distanz findet ein Paradigmenwechsel statt. Wie gebannt verfolgt man den kleinen hellen Streifen auf dem Cockpit-Display, der anzeigt, wie sparsam man mit der Akku-Ladung umgeht. Je mehr der Strich zur Mitte wandert, umso größer ist die Reichweite, wandert er gar beim Bremsen nach links, wird die Batterie im Fahrzeugboden zusätzlich aufgeladen. Bei einer Gesamtreichweite von nur 150 Kilometern sind solche Extraeinheiten kostbar. Energieeffizienz lautet das Zauberwort beim Fahren des i3. Eine Formel, die erstaunlicherweise bei den Motorjournalisten sofort Wirkung zeigte: Stehen sie sonst zusammen und diskutieren ihre Rundenzeiten bei Rennstreckentests, verglichen sie beim Amsterdam-Event die individuell erzielten Effizienz-Werte und orakelten, mit welchen Tricks diese zu steigern seien. Auffällig viele Journalisten ließen den sonst geheiligten Slalom-Parcours und die Beschleunigungs- und Bremstests aus. Freude am Gleiten ist angesagt, Rasen out.

Für den Veranstalter ein Grund zur Genugtuung. Schließlich hat BMW mutiger und riskanter auf die Elektrostrategie gesetzt als die Konkurrenz, die aufregenden Fahrzeugstudien feige und vorschnell einen Platz im Entwicklungsarchiv verordneten. Bei einem so riskanten Thema wie der Elektromobilität wollte offenbar niemand in großem Stil Pionier sein, weil eine ganze Industrie diesem Markt nicht traute.

Dass es den Münchner deshalb vor allem um die Akzeptanz der Autojournalisten für die neue Antriebsart ging, wurde in Amsterdam ebenfalls deutlich. Anders als früher üblich, war das Unternehmenslogo nirgendwo groß präsent. Die Helfer und Instruktoren trugen keine Windjacken mit dem Marken-Emblem, und auffällig viele Streckenposten sahen so aus, als wären sie nach dem Beuteschema für die künftige Kundschaft gecastet.

Offenbar geht das Marketingkonzept auf. Von angeblich bereits 8.000 Vorbestellungen war in Amsterdam die Rede; BMW selbst nennt keinerlei Zahlen. Ein Insider meinte nur: "Wenn dieses Fahrzeugkonzept am Markt Erfolg hat, dann sind wir der Konkurrenz um sieben Jahre voraus."

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