Medien-Coup: Der listige Herr Ströbele

Da hat er die Sache halt selber in die Hand genommen: Hans-Christian Ströbele, der alte Mann der Grünen, hat mit seinem Trip nach Moskau zu Edward Snowden für ein riesiges Medienecho gesorgt. Im Wahlkampf noch als Johannes Heesters verspottet, ist er für viele Journalisten jetzt ein Macher. Ein Brief, in dem Snowden eine Aussage in Aussicht stellt, wirft aber Fragen auf – weder ist er an die Kanzlerin adressiert, noch schreibt Snowden konkret von einer Aussage in Deutschland. Der Brief geht jetzt per Fax ans Kanzleramt.

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Riesiges Medieninteresse, die Twitter-Timelines voll mit #snowden: Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele hat sich viel Anerkennung verschafft mit seiner Reise nach Moskau zu dem US-Whistleblower. Keiner habe Snowden wirklich befragen wollen, sagte Ströbele in der Bundespressekonferenz. Und erzählte, wie es dann dazu kam, dass er "mit Journalistenkollegen" in die russische Hauptstadt reiste, um Snowden zu befragen. Namentlich nannte er die beiden Kollegen, einer davon "Panorama"-Reporter John Goetz, einer Ex-Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo, nicht.
Kernaussage Ströbeles: Snowden wolle helfen, die NSA-Spitzelaffäre aufzuklären, gegebenenfalls auch mit einer Aussage beim Generalbundesanwalt in Deutschland. "I look forward to speaking with you in your country when the situation is resolved", heißt es in dem von Snowden und Ströbele am Donnerstag in Moskau unterzeichneten Brief. Doch auf Deutschland bezieht sich der Text nicht konkret. Warum und wieso nicht – so die Nachfragen von Journalisten. Ströbele konnte oder mochte dazu nichts sagen.

Der Snowden-"Brief"

Die Aussage der Pressekonferenz sei "gleich Null" gewesen, resümierte auf dem Sender Phoenix am Mittag der Politologe Tilman Mayer von der Uni Bonn. "Das war narrativ interessant zu hören, hatte aber keine Substanz", so das harsche Urteil. Narrativ interessant, so kann man es auch formulieren. Ströbele gefiel es vermutlich auch, seinen Politiker-Kollegen von der CDU/CSU, die in der NSA-Affäre längst das Zügel in die Hand hätten nehmen müssen, eine lange Nase zu machen.
Also alles nur ein PR-Stunt für Ströbele und für Snowden, der zunächst ein Jahr Asyl in Russland gefunden hat? Auch, aber nicht nur. Die Medien können wesentlich dazu beitragen, dass noch mehr Licht ins Dunkel der NSA-Affäre kommt. Die Bundesregierung hat sich bisher nicht durch großen Esprit in der Aufklärung hervorgetan. Das könnte sich nun ändern. Snowdens Brief, der als eine Art Serienschreiben daherkommt ("To whom it may concern") mag vor allem symbolischen Wert haben. Doch in dieser Affäre von Geheimnissen und unsichtbaren Vorgängen bedarf es vielleicht eines mit der Schreibmaschine verfassten Symbols – für den Wunsch nach mehr Transparenz und Aufklärung. Der Brief wurde am Freitag vormittag an das Kanzleramt und die Generalbundesanwaltschaft versendet. Per Fax. "Ich hoffe, es ist angekommen", sagte Ströbele – und lächelte listig.  

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