„Skandal“: Schirrmacher kritisiert das Erste

Harsche Reaktionen auf einen mutmaßlich von ARD-Programmchef Volker Herres gekippten "Brennpunkt" zur NSA-Abhör-Affäre. Mutmaßlich, weil es dazu weiterhin keine Aussage von Herres gibt. Bei "Beckmann" nannte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher es einen "Skandal", dass zu dem Thema keine Sondersendung im Ersten lief. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann kommentiert gegenüber MEEDIA zwar nicht den ausgebliebenen "Brennpunkt", verweist aber auf das Abendprogramm insgesamt.

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"Das war nicht ‚business as usual’", sagte Baumann auf Nachfrage. Zwei Drittel der "Tagesschau" hätten sich mit der NSA-Affäre beschäftigt. "Selbstverständlich" hätten auch die "Tagesthemen" diesen Schwerpunkt gesetzt. Das politische Magazin "Kontraste" habe sein Programm geändert, u.a. über Handy-Sicherheit berichtet. Schließlich noch der Themenwechsel bei "Beckmann". Am Freitagvormittag twitterte auch Das Erste diese Begründung in Kurzform. Eine ausführlichere Begründung folgte am Mittag via Facebook.
Der oft als zu seicht und anbiedernd charakterisierte Beckmann hatte mit den Gästen seines Talk-Formats dann auch tatsächlich eine sehr gute Runde zusammen. Mit dabei war u.a. auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Ganz am Ende der Sendung dankte Beckmann den Gästen, man habe "das mit dem ‚Brennpunkt’" ja gut aufgefangen, so der Moderator sinngemäß. Schirrmacher schob daraufhin halblaut nach, es sei "ein Skandal", dass das Erste keinen "Brennpunkt" zur Bespitzelung von Angela Merkel und den neuerlichen NSA-Enthüllungen gesendet habe.
Gesichert ist, nachdem der Medienjournalist Stefan Niggemeier die Herres-Entscheidung am Donnerstag veröffentlichte: Die ARD-Chefredakteure wollten einen "Brennpunkt", Herres aber nicht. Der Vorwurf steht im Raum, Herres hätte eine solche Sondersendung abgelehnt, um eine Show mit Kai Pflaume mit dem im Kontext ironischen Titel "Die deutschen Meister" nicht quotentechnisch kaputtzumachen. Doch die Sendung lief auch ohne vorgeschaltete NSA-Sondersendung schlecht und erzielte einen Marktanteil von nur 9,8 Prozent. In einem Tweet, der anscheinend inzwischen wieder gelöscht wurde, warf die Pressestelle des Ersten dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier vor, seinen Blogeintrag "frei erfunden" zu haben. 
Am Ende der Entscheidung, keinen "Brennpunkt" auszustrahlen, steht die Frage: Wann dann einen "Brennpunkt"? Wenn es genügend spektakuläre Bilder gibt, von Flugzeugabstürzen, Schneemassen, Überflutungen, Königshochzeiten? Oder, wenn das Thema höchst relevant ist? Selbst, wenn es keine aktuellen Bewegtbilder gibt? Und: Wenn schon die "Tagesschau" einen Schwerpunkt macht, braucht es dann noch eine Sondersendung im Anschluss?
Aus Sicht des Gebührenzahlers, der den Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen gewahrt sehen möchte, muss die Antwort lauten: Natürlich braucht es trotzdem einen "Brennpunkt". Denn wen das Thema interessiert, der schaut die extra 15 Minuten auch noch. Wer die "Tagesschau" um 20 Uhr nicht gesehen hat und eigentlich lieber Kai Pflaume sehen will statt abgehörte Politiker, der muss das aushalten. Oder wegschalten. Und das muss die ARD dann aushalten. 

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