„Dumping“: FAZ-Chef greift Springer an

Hoch her ging's beim Publishing-Gipfel der Medientage München. FAZ-Chef Tobias Trevisan ging Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters hart wegen des "Dumpingmodells" WeltKompakt an: "Sie sind unser Problem." Peters seinerseits brüskierte Huffington-Mann Cherno Jobatey. Er werde lieber "in Würde sterben", als für die HuffPost zu arbeiten. Und Jobatey: Stimmte ein Plädoyer für mehr Leidenschaft im Journalismus an. Gerichtet an die Verleger: "Wir sehen aus wie ein Trauerverein."

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Jobatey klagte über die schlechte Stimmung in der Branche: "Wir machen keine Lust auf den Job, erzählen auf den Panels immer das Gleiche, haben keine Leidenschaft mehr, sind abgegessen und abgehangen." Warum erst eine Frau aus den USA kommen müsse – gemeint war Arianna Huffington – die die deutsche Branche etwas bewege, sei ihm unklar. Welt-Chef Peters lehnte das Huffington-Modell "als Journalist" ab – und berief sich dabei in erster Linie auf die unbezahlte Arbeit von Bloggern.
Etwas ungemütlicher wurde es für Peters, als Tobias Trevisan, noch Geschäftsführer der FAZ, zum Angriff ausholte. Trevisan bezeichnete es als "zynisch", dass ausgerechnet Springer-Mann Peters ein Gratismodell kritisiere. "Unser Problem ist nicht die Huffington Post, das ist ein ganz anderes Modell." Doch Springer betreibe doch mit WeltKompakt ein eigenes Gratismodell, das zu "Dumping"-Preisen, vor allem im Werbemarkt, führe. Trevisan: "Wo ist der Unterschied zwischen WeltKompakt und 20 Minuten in der Schweiz?" Antwort Peters: WeltKompakt koste Geld.
Dies scheint Trevisan ganz anders zu sehen. Er griff Peters noch einmal frontal an: "Sie sind unser Problem." Er greift damit auf einen alten Streit zwischen der FAZ und Springer zurück, der bereits vor Gericht ausgefochten wurde. Trevisan verlangt die Offenlegung von Auflagenzahlen der kleinen Welt am Sonntag Kompakt. Die ausgewiesene Gesamtauflage verschleiere die tatsächliche Medialeistung von Welt und Welt am Sonntag gegenüber FAZ und FAS. Vor Gericht unterlag die FAZ allerdings mit dem Begehren nach mehr Auflagen-Transparenz. Peters wollte sich auf dem Panel nicht dazu äußern: "Darauf lasse ich mich nicht ein." Fest stehe: "Wir sind vorbildlich bei bezahltem Journalismus."
Der österreichische Verleger Eugen Russ (Vorarlberger Nachrichten), der mit einem dunkeltürkisen Sacko einen schönen optischen Kontrapunkt zu den Kollegen bot, sprang HuffPost-Mann Jobatey ein wenig zur Seite. Die Huffington Post sei doch "ein ganz anderes Produkt als Sueddeutsche.de oder Zeit Online. Das ist ein Gratisprodukt. Das funktioniert ganz anders. Man kann doch auch mit 15 Mitarbeitern kein nationales Produkt machen." Das einzige Nachrichtenportal, das sich vielleicht Sorgen machen müsse, sei Bild.de.
Russ betreibt bei den Vorarlberger Nachrichten zwei parallele Portale – ein kostenpflichtiges Angebot, das eher an die gedruckte Zeitung angelehnt ist, und ein Gratisportal. Beide dürften sich Konkurrenz machen, seien aber unterschiedlich angelegt. Russ sagte, es sei nicht möglich, mit einem einzigen Produkt die Transformation anzugehen und gleichzeitig digital erfolgreich zu sein. Auf seine Weise seien nun beide Portale und damit Geschäftsmodelle profitabel.
Das angekündigte Bezahlmodell der FAZ starte nun voraussichtlich Anfang 2014, sagte FAZ-Chef Trevisan, der in Kürze sein Amt an Nachfolger Thomas Lindner abgibt. Es gehe nach wie vor darum, ein publizistisches Konzept zu entwickeln – viele Debatten um die Technik und die Form des Angebots, metered model oder freemium, seien die "falschen Diskussionen". Es gehe darum, den einzelnen Kunden mit seinen Interessen und Bedürfnissen näher als bisher zu betrachten und anzusprechen. Seit Anfang Oktober ist der neue Digitalchef Mathias Müller von Blumencron in Frankfurt.
Zwei weitere interessante Insights: Die Welt-Gruppe will zusätzliche Video- und Social Media-Redakteure einstellen. Und Condé Nast verdient laut Deutschlandchef Moritz von Laffert bereits viel Geld mit Zusatzgeschäften. So bietet etwa das Architekturmagazin AD künftig Beratung bei der Inneneinrichtung an, die britische Wired macht in Consulting, und die russische Vogue macht Geld mit einem Café in Moskau.
Medienanalyst Ken Doctor hielt vor der Runde ein Plädoyer für Bezahlinhalte und speziell das Modell "All Access". Heißt: Medienmarken müssen ihren Lesern Pakete anbieten, die ihnen uneingeschränkte Nutzung über alle Inhalte über alle Kanäle ermöglichen. In Deutschland ist dieser Ansatz unter dem Titel "Marken-Abo" bekannt. Startups wie Spotify (für Musik), Oyster (für Bücher) und Netflix (für Filme) machten vor, wie das geht. Ein "Netflix für News" gebe es aber eben noch nicht.
Dabei sei es durchaus möglich, Lesern Inhalte zum Kauf anzubieten. Schließlich nehme die Lesezeit für Nachrichten zu – vor allem wegen steigender mobiler News-Nutzung. Als Beispiele aus den USA nannte Doctor beispielsweise TribNation (u.a. Events), ein digitales Buchangebot des Boston Globe, Politico Pro, den Bezahldienst des Polit-Dienstes. Der "König" unter den Verkäufern sei Amazon-Gründer Jeff Bezos – es komme darauf an, was nützlich für wen sei, zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Preis. Wichtigste Aufgabe an die Verleger sei aber: "Bauen Sie Vertrauen auf."

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