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Der nette Onkel Tom von der ARD

Er sei “Fleisch vom Fleische des WDR”, teilte Tom Buhrow im Spiegel-Interview mit. Ansonsten fand der WDR-Intendant nach gut 100 Tagen im Amt recht viele Worte für recht wenig Konkretes. Er verteidigte seinen angekündigten Sparkurs, hält die Streichung von 50 von weit über 4.000 Stellen für eine große Sache und zeigte sich genervt von Kritik an der ARD. Obwohl Buhrow auch konstatiert, das Erste könne “ruhig etwas frecher werden”. Die eigentlichen Bewährungsproben für den neuen WDR-Chef stehen indes noch aus.

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Wahrscheinlich ist Tom Buhrow ein netter Mensch, der stets nur das Beste will. Er sei “offen und ehrlich, ohne Hintergedanken” sagt er im Spiegel-Interview (hier die Kurzfassung bei Spiegel Online) über sich. Er sagt auch Dinge wie, dass es für ihn wichtig sei, “meine verrückte, nichtrationale Seite wachzuhalten.” Der ehrliche, freche Tom Buhrow, der aber auch so ein bisschen “verrückt” ist und in seiner Freizeit gerne Bob-Dylan-Songs auf der E-Gitarre spielen würde, wenn er nur mehr Zeit hätte. Dagegen kann man nicht viel einwenden. Außer vielleicht, dass es ein wenig seltsam anmutet, wenn jemand solche Dinge ständig über sich selbst sagt. Das liegt vielleicht daran, dass Tom Buhrow so ein bisschen mit seinem Liftboy-Lächler-Image hadert.

Auf die Frage, was ihm besonders schwer falle, antwortete Tom Buhrow: “Mich zurückzuhalten.” Das hat ungefähr jene Qualität, wie wenn ein Managertyp in einem dieser Fragebögen, die hier und da immer noch in Zeitschriften auftauchen, auf die Frage nach seinem größten Defizit sagt: “Bin manchmal zu ungeduldig.” Und auf die Frage nach dem größten Luxus kommt dann die vorgestanzte Muster-Antwort: “Mehr Zeit.” Jaja, vor allem für die Familie, usw. etc. pp.

Tom Buhrow zeichnet mit einigem Geschick – ob bewusst oder unbewusst – ein allzu freundliches Bild von sich als WDR-Intendant. Als Macher hat er beim WDR das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt und fuchst sich nun mit Herzblut, vor allem aber mit Herz, in die große Intendanten-Welt rein. Ein “Kommunikator” will er sein, der die Leute mitnehmt. Dabei ist er auch so ein bisschen “verrückt”, mithin eine Art schräger “Vogel” aber natürlich total bodenständig und überhaupt “nicht machtgeil”. Er selbst war ja total überrascht von der “Wucht des Amtes”. Mithin: der nette Onkel Tom vom WDR.

Dafür, dass er das Bild des unbedarften, ehrlichen Journalisten so intensiv pflegt, ist es erstaunlich, mit welcher Geschmeidigkeit er die Spielregeln des Intendantentums nach außen zu beherrschen scheint. Konkrete Fragen des Spiegel zu den reichhaltigen Banalitäten im von Buhrow so überschwänglich gelobten WDR-Programm (Tierdokus, Soaps, Wiederholungen) räumt Buhrow mit einer lässigen Wischiwaschi-Bemerkungen zur Seite (“Ich hätte auch gerne mehr Geld für Erstproduktionen.”)

Auf die rhetorische Frage, ob er das Streichen von 50 von weit über 4.000 Stellen, wovon 39 ohnehin durch Vorverrentung wegfallen, für ambitioniert halte, antwortet der Intendant Buhrow ohne mit der Wimper zu zucken mit “Ja”. Und zeigt sich im Anschluss genervt von der “Reflexhaftigkeit” der Kritik an der ARD. Das Programm sei viel besser, als es von Kritikern dargestellt würde und im übrigen sei das Einhauen auf die ARD eine “intellektuelle Mode” geworden. Und das ist für ihn, die selbst ernannte ehrliche Haut, natürlich nichts. Tom Buhrow macht als WDR-Intendant eine gute Kumpel-Figur. Was freilich auch daran liegt, dass er den anstehenden Reformkurs in seinem Riesenladen noch in homöopathischer Dosierung verabreicht. Die 50 zu streichenden Stellen, das wird er selbst wissen, sind natürlich ein Witz. Sollte der WDR tatsächlich für einem “gigantischen strategischen Abgrund” mit einem drohenden Defizit in Milliardenhöhe stehen, wie er es unlängst fröhlich auf einer Pressekonferenz verkündete, wird es auf Dauer nicht bei 50 gekürzten Planstellen und dem verkauften Kunstfundus bleiben. Das weiß er selbst, das sagt er auch.

Richtig interessant wird es, wenn am Programm gekürzt werden muss. Tom Buhrow hat eben erst angefangen mit dem Intendantsein und erst einmal geschickt Beruhigungspillen verteilt. Wie gut diese wirken wird sich erst zeigen, wenn der Patient WDR dann wirklich auf dem OP-Tisch liegt. Wenn der netten Onkel Tom Fleisch vom Fleische seines geliebten Senders schneiden muss.

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