Verdeckte Mönchs-PR in der Wikipedia

Die Steyler Missionare sind eine in siebzig Ländern tätige Ordensgemeinschaft mit 10.000 Missionaren, einer eigenen Bank und Produktionsfirma. In zweifelhafter Mission war der Männerorden beim Online-Lexikon Wikipedia aktiv. Von ihrem Account aus wurde verändert, was über die Rolle des Ordens in der Flick-Affäre zu lesen war. Aussagen über mangelnden Priesternachwuchs und Kunstgegenstände verschwanden. Der skurrile Fall ist ein Lehrstück über mögliche Einflussnahmen bei Wikipedia.

Anzeige

Im September 2011 schrieb eine Mitarbeiterin der Missionare, die sich „Tamara“ nannte, von dem Account „Steylerpresse“ aus in Wikipedia, sie sitze „in der Stabsstelle“ in St. Augustin. In der Stadt bei Bonn hat die Pressestelle der Steyler ihren Sitz. An anderer Stelle schrieb „Steylerpresse“: „Ich bin die Pressesprecherin eines katholischen Männerordens, der Steyler Missionare“. Bei dem Account „Steylerpresse“ handelt es sich also um einen offiziellen Account der Steyler. Im Zeitraum von April 2011 bis Juli 2012 wurden von dem Benutzeraccount „Steylerpresse“ aus insgesamt 113 Änderungen in Wikipedia vorgenommen.  Von diesem Account aus wurden auch Details über die Rolle des Steyler-Unternehmes Soverdia in der Flick-Affäre verändert.

Die Soverdia ist Teil eines komplizierten Geflechts aus Unternehmen rund um die Steyler Missionare: Die Soverdia, Gesellschaft für Gemeinwohl mbH, war von 1927 an der Träger der Niederlassungen der Steyler Missionare in Deutschland. 1967 wurde die Förderung der missionarischen Tätigkeit außerhalb von Europa als sog. Missionsprokur aus der Soverdia GmbH ausgegliedert und in die Steyler Mission GmbH ausgegründet. Aus dieser entwickelte sich 1964 unter dem Schirm der Soverdia GmbH die Steyler Bank. Die Steyler Bank, offiziell „Steyler Missionssparinstitut St. Augustin GmbH“, ist die einzige Missionsbank in Europa, sie hat 16.000 Kunden und verwaltet 160 Treuhandstiftungen. Sie gehört zu 98 Prozent der Steyler Mission GmbH und zu 2 Prozent der Hamburger Privatbank M.M.Warburg & Co.
In dem Wikipedia-Artikel „Steyler Missionare“ hieß es: „Durch die Praxis des damaligen Geschäftsführers der „Soverdia“ (die das Vermögen des Ordens verwaltet), steuerlich abzugsfähige Quittungen in fünffacher Höhe des Spendenbetrages auszustellen, kam der Steuerfahnder Klaus Förster auf die Spur weiterer Spenden des Flick-Konzerns, was letztlich die Flick-Affäre auslöste.“ Verlinkt war die Aussage mit einem Spiegel-Artikel aus der Zeit der Flick-Affäre.
Der Account „Steylerpresse“ machte in dem Abschnitt über die Rolle der Soverdia bei der Flickaffäre aus der „Praxis des Geschäftsführers der Soverdia“ eine „eigenmächtige, alle Kontrollorgane umgehende Praxis von Josef Schröder SVD (gestorben am 20.09.2003), einem der damaligen Geschäftsführer der Soverdia.
Der Wikipedia-Autor „Chianti“ löschte dies mit dem Kommentar „POV (Die Abkürzung „POV“ steht für „Point of View“, das Gegenteil des in den Wikipedia-Grundprinzipien verankerten Neutralen Standpunkts, Anm. d. Red.), Anekdoten und aufblähende Platitüden (sic!) so gut wie möglich entfernt. Wikipedia ist keine Informationsbroschüre für Missionare. Details zur Soverdia oder Flick-Affäre gehören in die jeweiligen Artikel“.
Am nächsten Tag versuchte es „Steylerpresse“ in der Mittagszeit erneut und änderte die Passage wieder. Danach war u. a. keine Rede mehr vom „Vermögen des Ordens“, sondern nur noch die Rede von falschen Quittungen in „mehrfacher“, nicht mehr in „fünffacher Höhe“. Bei den Steyler Missionaren heißt es, die Änderungen seien „von den Administratoren ‚gesichtet‘ und damit abgenommen“ worden, so die PR-Chefin der Steyler, Cornelia Rogge gegenüber MEEDIA.
Der Wikipedia-Artikel über die Steyler Missionare wurde am 6. September 2011 von dem Account „Steylerpresse“ auf etwa die doppelte Länge erweitert. Für das Vorgehen wurde der Account „Steylerpresse“ innerhalb der Wikipedia-Community am nächsten Tag heftig kritisiert. Auf der Benutzerdiskussionsseite des Accounts „Steylerpresse“ schrieb der Nutzer „Chianti“, als es um den Artikel „Steyler Missionare“ ging: „Man merkt an deinen Artikelergänzungen, dass du Pressesprecherin der Steyler bist.“ Und weiter: „Ein Schreibstil, der in einer Imagebroschüre einer Religionsgemeinschaft dazu dienen mag, einen Spannungsbogen zu erzeugen, ist in einem Wiki-Artikel nicht angebracht.“ Dies gelte auch für „missionarische Formulierungen“ wie „‚Zeugnis geben‘, ‚lebendige Ortskirchen‘ und ähnliches Werbesprech“.
Seitdem wurden die Eintragungen von „Steylerpresse“ von anderen Wikipedia-Benutzern wieder zurückgekürzt, aber der von den Steylern eingefügte Absatz mit seinen einzelnen Überschriften steht nach wie vor. Der Artikel „steyl medien“, eine Produktionsfirma der Steyler, wurde ebenfalls von „Steylerpresse“ angelegt und anschließend ausgebaut. Ein Viertel (10 von 40) der Änderungen an dem Artikel stammen aus der Feder von „Steylerpresse“. Um einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu rechtfertigen, hätte das Wirtschaftsunternehmen steyl medien jedoch eine Reihe von Relevanzkritierien erfüllen müssen. Unter anderem „mindestens 1.000 Vollzeitmitarbeiter haben“, einen „Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro vorweisen“ oder „mindestens 20 Betriebsstätten“ besitzen müssen. Bei den Steylern wollte man nicht sagen, ob die kleine Produktionsfirma steyl medien überhaupt eines dieser Kriterien erfüllt.
Gelöscht wurde von „Steylerpresse“ auch ein Abschnitt, in dem es unter anderem hieß, dass das Missionsmuseum Steyl „eine einzigartige Galerie von Kunstgegenständen und naturhistorischen Objekten aus aller Welt“ bietet, seit „1931 […] unverändert“ geblieben ist und „Missionare […] seinerzeit […] Gegenstände aus aller Welt nach Steyl“ brachten. Ferner wurde von dem Account „Steylerpresse“ aus in dem Artikel über das Missionshaus St. Arnold, die Angabe, dass das Haus „Wegen mangelnden Priesternachwuchses in Deutschland“ gelöscht wurde, geändert in eine Aussage, wonach „personelle und finanzielle Gründe“ hierfür ausschlaggebend waren.
Auch wenn von Seiten der Wikipedia-Community das Vorgehen des Accounts „Steylerpresse“ immer wieder hinterfragt und teilweise verändert wurde, zeigt das Beispiel, dass ein offenes Lexikon wie Wikipedia durchaus auch offen für Einflussnahmen ist.
Dieser Artikel ist ein Vorabdruck eines Teils einer Studie der Otto Brenner Stiftung über verdeckte PR in Wikipedia, die in Kürze erscheint. Der Autor wurde im Jahr 2010 mit einer Recherche-Skizze zum Thema ‚Von Editierkriegen und Löschhöllen – Auftrags-PR in der deutschen Wikipedia‘ mit einem Recherchestipendium des jährlich ausgeschriebenen Otto Brenner Preises für kritischen Journalismus ausgezeichnet.

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige