Die Wahl auf Twitter: Therapiekanal Timeline

Deutschland hat gewählt – und in den sozialen Medien scheint das Ergebnis vor allem zu nerven. In überwältigender Entgeisterung reagierten Twitterer gestern auf den Triumphzug von Angela Merkel: Es wurde geflucht, lamentiert, Weltuntergangsszenarien wurden entworfen, so gut sie in 140 Zeichen passten. "Ich will das nicht" wurde zum Mantra der Merkel-Gegner – und Twitter selbst zum Therapiekanal. Die FDP wurde unterdessen mit Häme überzogen. Ein Blick auf die größten Mecker- und Schadenfreude-Tweets.

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Am Ende fehlten ganze vier Mandate zur absoluten Mehrheit: Mit 41,5 Prozent erzielte Bundeskanzlerin Merkel gestern für die CDU das stärkste Ergebnis seit 23 Jahren. Die Republik hat gewählt und sich für Merkel entschieden.

Auf dem 140-Zeichen-Dienst Twitter herrschten derweil ganz andere Verhältnisse. Wer den gestrigen Wahlabend auf Twitter verbrachte, der bekam – abhängig von seiner Timeline-Zusammenstellung – ein überraschend anderes Stimmungsbild. Wo die 41,5 Prozent geblieben sind? Man weiß es nicht. Doch es scheint fast – Neuland-Debatte hin, bereits acht Jahre Regierungsverantwortung her –, als wäre es verboten, mit Merkel zu sympathisieren – schlimmer noch als mit dem FC Bayern. Uncool ist es allemal.

Wahl-Mantra: "Ich will das nicht"

Als um 18 Uhr die ersten Hochrechnungen aufflackern, die der Union einen Flirt mit der absoluten Mehrheit bescherten, entlud sich geballt der Frust. „Ich will das nicht“, greifen Twitterer reflexartig  sofort zu einer ihrer Lieblingsphrasen. „Deutschland wählt offline“, findet ein anderer Twitterer.

Alpha-Twitterer Mario Sixtus (59.000 Follower), der zuvor für alle Welt sichtbar sein Kreuz aus der Wahlkabine bei den Piraten postete und dadurch in Scharmützel mit Cicero verstrickt wurde ("Es ist nicht Aufgabe von uns Journalisten, in die Welt zu schreien, was man gewählt hat"), stimmte ein Untergangsszenario an: „Die Mehrheit in Deutschland möchte keine Kitas, keine Ehe für alle, keinen Atomausstieg, keinen Plan für die Zukunft. Keine Pointe.“ ‪#btw13

"Ich verstehe immer nur »Höchststrafe« statt »höchst spannend"

Therasa Bücker „Social Media-Referentin der SPD“, merkt zu wechselnden Hochrechnungen an: „Ich verstehe immer nur »Höchststrafe« statt »höchst spannend“ und erklärte während der Berliner Runde: „Ich möchte niemals so abgebrüht wie Angela Merkel sein.“ Am Morgen ätzt sie weiter: „Mit jeder Titelseite, die mir entgegen grinst, wird die Morgenübelkeit ein bisschen schlimmer.“

Facebooker Heiko Hebig stellte angesichts der überraschend zahmen und höflichen  Berliner Runde fest: „früher war mehr schrödern.“ Während Kolumnist Peter Glaser angesichts der wechselnden Mehrheiten am Abend kalauert: „Das endliche Amtsergebnis“. Ein anderer Twitterer merkt gefrustet an:  „Ich habe 16 Jahre Kohl überlebt, ich werde auch 12 Jahre Merkel überstehen.“

FDP-Häme auf Twitter

Aber natürlich kann via Twitter nicht nur öffentlichkeitswirksam die eigenen Wunden geleckt, sondern auch herrlich Häme verteilt werden. „Ich freue mich für die FDP“, twittert SPD-Mitglied Nico Lumma zwei Minuten nach der ersten Hochrechnung, die das Debakel der Liberalen bereits vorwegnahm.

Merke: Wenn man selber enttäuscht ist, geht ein bisschen Schadenfreude immer. 
„In Berlin tanzen lachend nackte Menschen durch die Straßen, machen Liebe, zu zweit und zu vielen und singen "Nie wieder ‪#FDP", feixt Mario Sixtus. „Guido Westerwelle ist jetzt  Draußenminister“, zog der für Ironie bekannte Viel-Twitterer Schlenzalot vom Leder. „Muddi hat die FDP gekillt“, meint ein anderer Nutzer.

Die Stunde verkannter Gag-Schreiber: Alles für einen Retweet

Und: „Das Ausscheiden der FDP ist natürlich eine herbe Belastung für den Anwaltsmarkt.“ Oder: „Keine Angst, ‪#FDP. Wir haben euch nicht aufgegeben. Wir haben euch nur gekündigt, um euch als Leiharbeiter günstig wieder einzustellen.“

Mehr als vier Jahre ist es her, als der Spiegel den aufkommenden 140-Zeichen-Dienst als „Schwatzbude“ und "Weltzentrale der Plattitüden" abkanzelte. Es war eine der prophetischeren Internet-Titelgeschichten der Hamburger. Die Bundestagswahl 2013 dokumentiert eindrucksvoll, wozu Twitter auch geworden ist – nicht nur zum schnellsten Nachrichtenmedium, sondern auch zum veritabeln Therapiekanal verkannter Gag-Schreiber: Alles für einen Retweet.

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