Googlemund tut Wahrheit kund

Der Google-Algorithmus wurde schon viel kritisiert. Wenn’s drauf ankommt, liefert der Rechenknecht aber sehr ungeschminkte Ergebnisse. Wenn man selbst Gegenstand einer Suchabfrage ist vielleicht sogar ein bisschen zu ungeschminkt. Die Auto Bild Gruppe wagt etwas ganz Verrücktes: ein Automagazin für Frauen. Die Zeitungs Marketing Gesellschaft versucht vergeblich, lustig zu sein, Gottschalk und Jauch machen bessere Interviews als Shows und die Oberhessische Presse blamierte sich bis auf die Knochen.

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Computer und Autos gelten in den Medien gemeinhin als reinrassige Männerthemen. Bei Axel Springer sind sie angetreten, nun auch noch diese alte Medienweisheit umzustoßen. Mit Car.a.Mia hat die Auto Bild Gruppe bei Springer ein “Online-Lifestyle-Magazin” gestartet “für Frauen, die Autos lieben”. Da gibt es dann beisielsweise ein eher belangloses Interview mit der Marketing-Chefin von Opel (“Wie wichtig ist es für Opel, mit der Marke Frauen anzusprechen?” – Antwort: Na, raten Sie mal), “Sex-Tipps” fürs Auto, Eine Farb-Psychologin räsoniert über Lady Gaga und den “Metallic-Effekt” usw. Ein kleines Image-Filmchen führt die typische Leserin vor, wie sie wahrscheinlich in den Köpfen der Springer-Strategien herumfährt: Eine junge Frau, die drei Kerle im Auto-Nerd-Geschwafel über ihren “High-Performace GTO” locker aussticht. Problem: Solche Frauen gibt es in der wirklichen Welt (fast) nicht.

Man kann von Algorithmen halten, was man will – dass sie unser Leben bestimmen, uns unmündig machen, verunglimpfen, zum Shopping zwingen usw. Man kann den Algorithmen aber nicht vorwerfen, dass sie einem nicht ungeschminkt sagen, was andere über einen denken. Das war bei der Ex-Gattin von Ex-Bundespräsident Wulff so, die schonungslos mit den Rotlicht-Gerüchten über sich konfrontiert wurde, wenn sie ihren Namen bei Google eintippte. Das ist auch dem FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler so, wenn er sich selbst mal googelt. Die allwissende Suchmaschine spuckt dann nämlich Fotos aus, auf denen der Vizekanzler eine Narrenkappe trägt, was eher – naja – nicht so staatsmännisch aussieht.

Das Bild ist noch nicht mal eine Fotomontage. Es entstand bei seinem Auftritt vor dem so genannten Narrengericht in Stockach. Googlemund tut Wahrheit kund. Oder zumindest das, was viele Leute für die Wahrheit halten.

A propos nicht lustig: Die Zeitungs Marketing Gesellschaft hat ein Viral-Video in dieses so genannte Internet gestellt, das zeigen soll, wie wertvoll die ollen Zeitungen für die Werbung sind. Folgt man der verqueren Logik des Filmchens hat US-Präsident Barack Obama diesen Osama bin Laden nur “zur Strecke gebracht”, um “seine Bekanntheit in der Zielgruppe weiter zu steigern”. Auch die NSA-Ausspäh-Affäre, die Edward Snowden ins Rollen brachte, ist für die Damen und Herren Zeitungs-Werber nur Mittel zum Zweck, eine Dosensuppe, eine Klamotte oder sonst eine Reklame an den Mann oder die Frau zu bringen. Das ist ein reichlich zynisches Medienbild, was da gezeichnet wird … was an sich ja noch OK wäre – aber hätte der Spot nicht wenigstens ein bisschen lustig sein können? Nur ein kleines bisschen?

Gruppen-Interviews zu TV-Sendungen sind gemeinhin die Pest. Dass es anders geht, bewiesen die Welt und die beiden alten Herren Gottschalk und Jauch im Vorfeld der quotenstarken Premiere ihrer RTL-Show “Die 2 – Gottschalk und Jauch gegen ALLE”. Da sollte man denken, es reicht vollkommen, die Gottschalk/Jauch-Sprüche einfach mitzuschneiden und in der Redaktion abzutippen. Ganz so leicht es dann aber wohl doch nicht. Während sich das Jauch/Gottschalk-Protokoll in der Bild gestelzt und hölzern las, war das Protokoll in der Welt erfrischend pointiert und komisch. Als Kostprobe Gottschalk-Gedanken über einen möglichen Rücktritt von der Show-Bühne: “Ich habe meiner Frau wirklich zu bedenken gegeben: Wollen wir am Rhein unser ermattet Haupt aufeinander stützen, ich winke den Schiffen zu und die Kinder rufen ‘Haribo’, wenn sie vorbeifahren? Oder wollen wir unerkannt durch Malibu schleichen, und die Leute wissen nicht recht: Ist das ein alternder Pornoproduzent oder ein deutscher Intellektueller im Exil?” Die Show selbst war dann nicht ganz so lustig, aber für TV-Nostalgiker noch recht unterhaltsam.

Einen Viral-Hit wider Willen landete diese Woche die Oberhessische Presse aus Marburg mit dieser Schlagzeile (die Unterzeile: "Außenminister: ‚Wir haben erhebliche Erfahrung’" machte es nicht besser):

Das NDR-Satiremagazin “extra 3” stellte den Zeitungsausschnitt online, der sich via Facebook und Twitter in gewohnt rasender Geschwindigkeit verbreitete. Die einzig probate Reaktion von Seiten der Oberhessischen Presse war angemessene Zerknirschung. In die Kommentarspalte des “extra 3”-Blogs schrieb ein Vertreter der Zeitung: “Leider NICHT gut überlegt. Das Saublöde an der Sache ist gleichzeitig die einzige Entschuldigung: Die zweite Lesart ist wirklich erst viele Stunden zu spät aufgefallen. Wir können es nicht mehr ändern.”

Schönes Wochenende!

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