Häppchen-Schluckauf im Wahlkampf-Ticker

Spiegel Online wagt an diesem Donnerstag in der heißen Phase des Bundestags-Wahlkampfs ein interessantes Experiment. 20 Reporter wurden ausgeschickt, um zehn Stunden lang in Echtzeit über den Wahlkampf zu berichten. Die Eindrücke, Fotos und Text-Happen laufen in einem Live-Blog ein, bei dem sich auch Leser via Twitter beteiligen können. Das Format ermöglicht Einblicke in die Ödnis des Wahlkampfs - offenbart aber auch die Schwächen des gehypten Echtzeit-Journalismus.

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Es hat schon was, wenn man das müde, abgekämpfte, wahlkämpfende Spitzenpersonal der Partien so geballt sieht, wie bei dem Spiegel Online Wahlkampf Live-Blog. Das Foto mit einem einsamen FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler vor einem mickrigen Haufen Menschen vor einem architektonischen Innenstadt-Verbrechen namens City-Galerie in Aschaffenburg dokumentiert ganz treffend, was für eine demotivierende Arbeit so ein Politikerjob in Wahlkampfzeiten sein kann – auch wenn die "Macher" stets das Gegenteil behaupten.

Ganz witzig auch die Rand-Beobachtung, dass sich die CDU-Werbeagentur über Steinbrücks Kandidaten-Krawatte lustig macht, weil die von Hermès ist und 180 Euro kostet – obwohl Steinbrück-Bashing mittlerweile eigentlich auch schon wieder out ist.

Besonders schön sind natürlich die AfD-Männchen in blauen Ganzkörper-Strampelanzügen – teils mit Hut – die auch das Gesicht bedecken. Damit das Ganze auch recht interaktiv ist, werden Leser aufgerufen, unter einem Hashtag (#wahlreporter) ihre Meinung zum Experiment mitzuteilen. Tweets laufen dann auch teilweise in den Stream mit ein.

Solche Streams oder Live-Blogs sind im Prinzip aufgemotzte Live-Ticker und werden immer häufiger von großen Online-Medien genutzt. Aus Nutzersicht ist das eine zwiespältige Sache. Einerseits fühlt man sich punktuell ganz gut unterhalten und irgendwie informiert. All die Häppchen, all die Fotos, all die Kommentare. Wenn man aber mal kurz weggeht und nach wenigen Minuten wiederkommt, findet man sich auf diesen sich selbst aktualisierenden Seiten schon nicht mehr zurecht.

Was habe ich verpasst, wie weit muss ich zurückscrollen? Was ist hier eigentlich wichtig? Der Ticker verlangt ständige Aufmerksamkeit, will live konsumiert werden. Zurück bleibt ein Info-Schluckauf, wegen exzessiven Häppchen-Konsums. Die journalistische Leistung sollte eigentlich nicht darin bestehen, einen hektischen, fragmentierten Wahlkampftag möglichst eins zu eins im Web abzubilden, sondern darin, einen Überblick zu geben. Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Zu kuratieren, wie man das neuerdings nennt. Würden die Impressionen eines solchen Tages in einem geschlossenen, journalistischen Stück verarbeitet werden, dann wäre das womöglich schrecklich altmodisch. Für den Leser aber vielleicht erkenntnisreicher als ein ausuferndes Live-Blog.

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