G+J: Eine Sternstunde muss mal wieder her

In zwei Jahren feiert der Hamburger Traditionsverlag Gruner + Jahr 50. Geburtstag. Vorstandschefin Julia Jäkel hat dem Unternehmen massive Umbauarbeiten verordnet. Künftig soll nicht mehr in Medienmarken, sondern in Inhalten gedacht und gearbeitet werden. Wobei die Konzentration auf "Inhalte" eigentlich nichts Neues ist. Was G+J für eine schöne Party in zwei Jahren braucht, ist mal wieder eine Sternstunde. Schreibt Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs in seiner MEEDIA-Kolumne.

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In zwei Jahren steht ein besonderes Jubiläum an: Gruner + Jahr wird 50. Es ist lange her, dass drei Herren in Hamburg einen Verlag für gehobene Zeitschriften gründeten. John Jahr, Gerd Bucerius und Richard Gruner hatten Großes vor. Die Frage ist, ob der Geburtstag 2015 voller Freude gefeiert wird oder voller Wehmut.

Das hanseatische Unternehmen hat sich einer Generalreformkur unterworfen, die vieles hervorbringen soll: ein Geschäftsmodell für die digitale Welt, neue Produkte, neue Erlöse und mehr Stolz. Imagemäßig war der renommierte Verlag in den letzten Jahren ein wenig heruntergereicht worden. Im Hause Bertelsmann, zu dem Gruner + Jahr auf manchmal vertrackte Weise gehört, machen andere mehr Gewinn, was in Gütersloh traditionell nun mal besser ankommt als die Superstory im Stern. Und über das digitale Nirwana redet Konkurrent Axel Springer und dessen Vorstandschef Mathias Döpfner noch fantasiereicher als über Richard Wagner.

Nach Wochen der Vorbereitung hat Vorstandschefin Julia Jäkel nun intern den Schleier gelüftet und positioniert Gruner + Jahr als „Inhaltehaus“ für Qualität. Marken sind zu Familien zusammengebunden, von Print bis online; Apps und E-Magazines sollen kommen und E-Commerce ist nicht des Teufels. Aber mein Gott, über was haben die drei Herren damals 1965 im Garten Jahrs anderes geredet als über „Inhalte“, über den Journalismus ihrer Blätter? Wer schreibt, macht „Inhalt“, dafür braucht man keinen Consultant. Dankbar muss man schon sein, dass nun von „Content“ oder von „King of Content“ oder von „Queen of Content“ nicht allzu oft die Rede ist.

„Inhaltehaus“ also. Das Positive ist, dass 500 Millionen Euro Investitionen zur Verfügung stehen und Julia Jäkel damit Aufbruchsstimmung verbreiten kann. Es ist ihr Kampf gegen die Larmoyanz eine Branche, die über nichts lieber redet als über ihren Untergang. So viel Vorwärtsbewegung hat es nicht mehr gegeben, seit der große „Bela“ die Führungskanzel am Baumwall verlassen hat, seit Gerd Schulte-Hillen im Herbst 2000 ging. Seitdem presste der jeweilige Vorstandschef die Zitrone, schaute auf die Tropfen, die doch noch kamen, und das alles in der stillen Hoffnung, es werde von der großen Mutter in Gütersloh irgendwann mit der Bewilligung von Investitionen belohnt. Kosten wurden gedrückt. Der Verlag erstarrte.

Dabei hatte Gruner + Jahr in den 1990er-Jahren schon genau solche „Communities of Interest“ im Sinn, die Julia Jäkel jetzt vorgestellt hat. Es gab zum Beispiel einen Business Channel, und mit Stan Sugarman einen designierten Vorstand für Digitales und ähnliches. Dieser Stan Sugarman arbeitet immer noch im Inhaltehaus, und jetzt soll er die neue (alte) Strategie zum Glänzen bringen. Andernfalls würde der Wert des Unternehmens sinken, und die Furcht davor eint für den Moment die Gesellschafter, die sich ansonsten in herzlicher Gleichgültigkeit verbunden sind. Es ist nicht lange her, dass Bertelsmann am liebsten das Viertel der Familie Jahr gekauft hätte. Nun warten sie in Eintracht die Operation Zukunft ab, wohl wissend, dass auf dem Weg dahin noch der ein oder andere Auslandsverlag noch zu verkaufen sein dürfte.

Was aber die Ankündigung, mehrere hundert Millionen Euro investieren zu wollen, wirklich wert ist, muss sich zeigen. Solch generelle Ermöglichungsaussagen gab es früher schon. Und dann lernte das Management: Es kommt auf den Einzelfall an, und der war aber nie gut genug. Aufsichtsratschef Christoph Mohn hat im Übrigen selbst ein genaues Gespür dafür, wann eine Sache zu riskant wird. Er rechnet nach.

Gruner + Jahr sucht die Zukunft. Es soll ein schöner 50. Geburtstag werden. Und alle wissen: Eine Sternstunde muss mal wieder her.

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