Spiegel: 160 wollen Rücktritt von KG-Chefs

Publishing Rund 160 Unterschriften stehen bisher unter einer Erklärung, mit der die Redaktion des gedruckten Spiegel ihren Vertretern in der Mitarbeiter KG das Vertrauen entziehen will. Das entspricht etwa der Hälfte der etwa 310 KG-Mitglieder der Redaktion. Zu einer Abwahl der KG-Geschäftsführer Gunther Latsch und Marianne Wellershoff wird es aber nicht reichen – dazu müssten in einem Verfahren "aus wichtigem Grund" zwei Drittel der ca. 760 KG-Mitglieder, also rund 500 Personen, zustimmen.

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Die Berliner Zeitung berichtet am Freitag über die rund 160 Unterschriften von Redaktions-KGisten, die Latsch und Wellershoff, ihre beiden in die KG-Geschäftsführung gewählten Vertreter, von ihrem Posten weg befördern wollen. Auf dieser Liste hat dem Vernehmen nach Vize-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer unterschrieben, nicht aber sein Kollege Martin Doerry.
Etwas unspezifisch liest sich die Erklärung selber. In ihr heißt es wörtlich: "Wir können die von der Redaktion bestellten Geschäftsführer der Mitarbeiter KG nach der Versammlung am Mittwochnachmittag nicht mehr als unsere Interessenvertreter anerkennen. Wir entziehen Ihnen deswegen unser Vertrauen." Als Grund des Vertrauensverzugs wird eine Info-Veranstaltung der KG angegeben, in der es vor allem um die Ernennung von Bild-Vizechef Nikolaus Blome zum Mitglied der Chefredaktion des Spiegel ging.
Die fünf KG-Chefs – zwei kommen aus der Redaktion, zwei aus dem Verlag und einer aus der Dokumentation – hatten Ende Juni der Personalie, die der damals noch designierte Chefredakteur Wolfgang Büchner durchsetzen wollte, zugestimmt. Büchner hatte Blome zum Vize-Chef machen wollen, die KG setzte sich für einen anderen Titel ein, der dazu keine Weisungsbefugnis Blomes gegenüber Ressortleitern vorsieht. In der Veranstaltung war kontrovers diskutiert worden – auch seitens der Ressortleiter des Spiegel. Die Lage in der Redaktion ist etwas unübersichtlich. So gibt es Redakteure, die Blome nicht als Vize-Chef haben wollten, es gibt aber auch Fundamentalkritiker, die Blome eigentlich gar nicht in ihrem Kreis wissen wollen.
Die Erklärung bleibt in diesem Punkt aber so diffus, dass sich alle Kritiker dort irgendwie wiederfinden können. Denn es wird nicht explizit gesagt, das Vertrauen solle entzogen werden, weil Blome zum Spiegel kommt. Oder weil er das Hauptstadtbüro leiten wird. Oder weil er Mitglied der Chefredaktion wird. Dazu kommt: Die Mitarbeiter KG besitzt 50,5 Prozent der Anteile am Spiegel und kann über die Besetzung von Chefredakteuren und Geschäftsführern entscheiden, in Abstimmung mit dem Gesellschafter Gruner+Jahr (25,5 Prozent). Es gibt aber kein eindeutiges Befugnis, dass die KG auch über Stellvertreterposten mitentscheidet.
Die KG ist eine für die Spiegel-Mitarbeiter traumhafte, im Detail aber sehr komplizierte Konstruktion innerhalb der Spiegel-Gruppe. Über ihre Reform, beispielsweise über die Aufnahme der Mitarbeiter von SpiegelOnline und SpiegelTV, muss gesprochen werden. Was allerdings auch klar ist: Die KG-Geschäftsführer vertreten laut Satzung alle 760 KG-Mitglieder, ungeachtet ihrer Position im Haus. Eine Abwahl aus nicht konkret genannten Gründen wird darum sehr unwahrscheinlich sein. Die Abstimmung ist daher vermutlich als symbolisches Signal, als Misstrauensvotum etwa der Hälfte der Redaktionsmitarbeiter zu werten. Kein ganz unwichtiges Detail fördert ein Blick ins Archiv zutage: KG-Chef Latsch wurde bei der letzten KG-Wahl mit etwa 140 von besagten 310 Stimmberechtigten in der Redaktion gewählt. Mit anderen Worten: Etwa 170 KG-Mitglieder in der Redaktion hatten ihm schon damals ihre Stimme nicht gegeben.
Die offizielle Gesellschafterversammlung findet am 16. September statt.

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