Bernd Lucke im ZDF: der schwierige Kandidat

Bei Maybrit Illner wurde am gestrigen Donnerstag mitten in der heißen Wahlkampfphase mal wieder über den Euro diskutiert. Mit dabei - auch nicht zum ersten Mal - der Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, Galionsfigur der Euro-kritischen Partei Alternative für Deutschland (AfD). Mit feinem Lächeln und schnellen Argumenten ließ Lucke die Vertreter der beiden Mainstream-Parteien Union und SPD alt aussehen. Die Talk-Sendung war für ihn und die AfD eine ideale Werbe-Plattform.

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Bezeichnend, wie Lucke gleich zu Beginn die hochrangige EU-Politikern Viviane Reding bloßstellte. Redings Verteidigungsrede für den Euro, die griechische Wirtschaft und ihre Zahlen zu einem Wirtschaftswachstum in Portugal zerlegte der Makroökonom Bernd Lucke in Rekordtempo. Reding saß bedröppelt daneben wie ein begossener Pudel und konnte nichts erwidern. Den Vertretern der so genannten etablierten Parteien (Matthias Machnig für die SPD, Markus Söder für die Union) erging es kaum besser. Lucke war ihnen rhetorisch und fachlich schlicht über.

Der einzige, der dem AfD-Mann halbwegs Paroli bieten konnte, war der ebenfalls geladene Chefanalyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer. Der machte freilich aus seiner Abneigung gegen Lucke keinen Hehl, redete ihn stets provozierend mit “Herr Professor, Doktor” an und warf ihm teils zu pauschal Verantwortungslosigkeit vor. Die Mischung aus fachlicher Unkenntnis von Seiten der EU und der großen Parteien und Pauschal-Verurteilung ermöglichen es einem klugen Mann wie Lucke, sich und seine Partei in der bequemen Rolle des Underdogs einzurichten.

Die Reaktionen des Studiopublikums bei Maybrit Illner zeigten, dass Lucke mit seinen Argumenten durchaus ankommt. Das Aufkommen der AfD ist eine logische Folge des Konsens-Kurses von Kanzlerin Angela Merkel. Lucke ist ein enttäuschter Ex-CDU-Anhänger, der seine konservativen Vorstellungen in der Union nicht länger vertreten sieht. Schaut man sich die Forderungen der AfD an, so liest sich das durchgängig wie ein “zurück zu guten alten Zeiten”. Auch wenn sie es sich (noch) nicht so recht trauen es offensiv zu fordern – die Rückkehr der “guten, alten D-Mark” wird zumindest als Möglichkeit in den Raum gestellt. Eine “ungeordnete Zuwanderung in die Sozialsysteme soll unterbunden werden”. Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften werden nicht befürwortet. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz soll wieder abgeschafft werden etc.

Dadurch dass die Union unter Merkel immer weiter in die Mitte rückt und sich zunehmend in Richtung links und SPD breitmacht, wurde am rechten Rand Platz frei für eine Partei wie die AfD. Solche rechts-konservativen, eurokritischen Parteien sind in vielen EU-Staaten entstanden. Verglichen mit den Parteien in Finnland oder den Niederlanden wirkt die AfD sogar noch typisch deutsch gemäßigt. Trotzdem haben wir hier eine Partei, die konservativen, enttäuschten Deutschen eine Protestwahl ermöglicht – ganz ohne Nazis oder Piraten-Chaoten.

Die AfD als Verein rechts-populistischer Spinner abzutun, ist zu einfach. Die anderen Parteien müssen lernen, sich besser mit deren Argumenten auseinanderzusetzen. Und die Medien müssen ihre Scheu vor der AfD verlieren. Maybritt Illner hatte sich offenbar entschlossen, keine Haltung gegenüber der AfD zu entwickeln – der Weg der Neutralität ist aber zu einfach für einen schwierigen Kandidaten wie Bernd Lucke. Die Parteien-Vertreter und die Vizepräsidentin der EU-Kommission waren auf die Auseinandersetzung mit dem AfD-Mann schlecht vorbereitet. Medien und Politiker sollten die AfD ernster nehmen und endlich eine Haltung zu diesem Phänomen entwickeln.

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