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Spiegel: Die Botschaften des Blome-Wechsels

Welche Emotionen Personalien auslösen können, zeigt der Wechsel von Bild-Mann Nikolaus Blome zum Spiegel. Einer von den "Brandstiftern" (Spiegel-Titelgeschichte über die Bild 2011) beim Hamburger Nachrichtenmagazin? Ein Kulturbruch, finden viele. Ob sich der Spiegel noch unbeliebter machen wolle, schrieb jemand via Twitter. Der neue Chef Wolfgang Büchner aber weiß: Es wird kein Preis für die netteste Medienmarke vergeben. Vier Botschaften, die sich aus der Blome-Personalie ableiten lassen.

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Achja, die alten Gräben, es gibt sie noch. Jetzt aber schnell das Spiegel-Abo kündigen, schrieben einige Instant-Analysten via Twitter, nachdem der Wechsel von Nikolaus Blome publik wurde. Der böse Mann von Bild geht zum Spiegel, und alle so: Pfui! Die Kommentar-Funktion unter dem Artikel in eigener Sache bei Spiegel Online war dann auch vorsichtshalber abgeschaltet. Bild-Kritiker maulen, weil sie das politische Profil des Nachrichtenmagazins, das angeblich vage links sein soll, beschädigt sehen. Ihnen sei gesagt: Es soll sogar schon taz-Journalisten gegeben haben, die zu Springers Welt rübergemacht haben. Wo alte Koordinatensysteme in der Praxis oft schon längst überkommen sind, funktionieren sie in der Vorstellungswelt mancher vermeintlicher Medienexperten weiterhin prächtig. Der Applaus ihrer Crowd ist ihnen schließlich sicher.

Vier wesentliche Botschaften, die sich aus der Personalie Blome ableiten lassen:  

Erstens: Print und Online gehören zusammen, das Nebeneinander ist vorbei. Wolfgang Büchner ist künftig Chefredakteur des Heftes und von Spiegel Online. Analog dazu wird Nikolaus Blome die Berliner Redaktion von Spiegel Online leiten. Wer über so viel Meinungsmacht verfügt wie der Spiegel, sollte auch beide Redaktionen, wenn sie denn schon getrennt sind, an der Spitze vereinen und möglichst aus einer Hand führen. Operativ, also im Tagesgeschäft, wird das zwar nicht möglich sein. Zunächst geht es aber darum, mehr Nähe zu schaffen. Dieser Schritt war überfällig, weitere müssen folgen.    

Zweitens: Politische Ideologien haben redaktionsintern als passé zu gelten. In einer Titelgeschichte hatte das Nachrichtenmagazin 2011 über die "Brandstifter" bei der Bild geschrieben. Das Boulevardblatt schüre "immer weiter Ressentiments" und wirbele "rechten Bodensatz" auf, zündele "wie ein Brandstifter". Als Beleg diente u.a. die Griechenland-Berichterstattung der Zeitung, für die auch Blome als Chef des Hauptstadtbüros verantwortlich zeichnete. Die Geschichte brachte keine wesentlichen neuen Erkenntnisse – und markierte doch so etwas wie eine Abkehr von der halbwegs friedlichen Koexistenz, die Spiegel und Bild in der Ära Stefan Aust lange gepflegt hatten.

So wenig Hauptautor Ullrich Fichtner Bild-Chef Kai Diekmann nachweisen konnte, dass seine Zeitung "die Rolle einer rechtspopulistischen Partei" in der deutschen Gesellschaft eingenommen habe – das war die durchaus meinungsfreudige These – so sehr war das Stück eine medieninterne Abgrenzung. Die Ansage: Hier verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse. Diese Grenze ist mit dem Wechsel Blomes ein wenig durchlöchert worden. Büchner ist sich sicher, dass Blome dem Spiegel helfen kann. Nach eigenem Bekunden will er das Magazin wieder politisch härter positionieren, weg von Titelgeschichten über Rückenschmerzen und die Macht der Emotionen.  

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Drittens: Die "Spiegel-Kultur" wird ein Stück weit aufgebrochen. Zugänge auch auf leitender Ebene hat es immer mal wieder gegeben, beispielsweise kam Stefan Willeke vor nicht allzu langer Zeit von der Zeit ins Gesellschaftsressort. Ranghohe Neuzugänge sind aber eher selten. Lieber holt der Spiegel vielversprechende junge Talente und baut sie auf. An die Spitze gelangen in der Regel vor allem männliche Redakteure, die sich in der Redaktion bewährt haben. Diese Personalentwicklungskultur wird durch den Wechsel Blomes zwar nicht konterkariert, schließlich bleiben die stellvertretenden Chefredakteure Martin Doerry und Klaus Brinkbäumer in ihren Positionen, werden künftig mit Wolfgang Büchner Blatt machen. Doch es wird sich vor allem für die Redakteure im Hauptstadtbüro seltsam anfühlen, wenn jemand quasi "von außen" ihr Chef wird. Blomes Vorgänger Dirk Kurbjuweit und Konstantin von Hammerstein waren, jeder auf seine ganz unterschiedliche Weise, eher typische Spiegel-Vertreter.

Viertens: Wolfgang Büchner will durchgreifen. Am 1. September wird der ehemalige Co-Chefredakteur von Spiegel Online seinen neuen Posten offiziell antreten. Zuvor hat er in einer Ressortleiterkonferenz schon skizziert, wohin er das Magazin steuern will. Die Blome-Berufung ist nun ein ganz starkes Signal, dass viele alte Regeln unter ihm nicht mehr gelten werden. Büchner mag im persönlichen Gespräch und auf den Podien dieser Medienrepublik konziliant wirken, nach innen hat er nur eine Chance, sein Konzept durchzubekommen, wenn er schnell und hart Entscheidungen trifft, die auch unpopulär sein können.

Die Botschaft lautet nämlich auch: Aus sich heraus wird sich der Spiegel nicht erneuern. Die Zukunft des Magazins hängt zwar nicht an Nikolaus Blome, doch verspricht sich Büchner offenbar mehr Drive, mehr Härte, mehr Wumms. Ein Tageszeitungsmann wie der Bild-Hauptstadtbürochef wird da selber freilich auch stark umdenken müssen. Wie unpopulär die Besetzung Spiegel-intern sein dürfte, zeigt auch, dass die Mitarbeiter KG des Magazins offenbar nicht über den Wechsel informiert war. Die KG, die die Mehrheit der Spiegel-Anteile hält, hat die Macht, Chefredakteure und Verlagschefs abzusetzen, wenn Mitgesellschafter Gruner+Jahr mitzieht. Es war auch die KG, die Büchner zum Chef gemacht und die bisherigen Chefs Georg Mascolo und Mathias Müller Blumencron in die Wüste geschickt hatte.

Wenn die Personalie Nikolaus Blome eins verspricht, dann, dass es beim Spiegel in den kommenden Monaten zur Sache gehen wird. Fortsetzung folgt. 

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