Experimentieren für den Digital-Journalismus

Wann immer es um digitalen Journalismus geht, blicken deutsche Medienmacher und –beobachter in die Vereinigten Staaten - statt selbst mehr zu experimentieren. In den USA kommen Innovationen unter anderem aus verlagsunabhängigen Innovations-Laboren. Verena Hölzl hat für MEEDIA das Knight News Innovation Lab in Chicago besucht. Dort basteln ohne Zielvorgaben und kommerzielle Zwänge Journalisten und Programmierer an neuen Tools für Medienmacher.

Anzeige

Wenn Joe Germuska von der Armada an Apple-Geräten auf seinem Schreibtisch aufblickt und seinen Blick aus dem loftartigen Großraumbüro schweifen lässt, sieht er den helltürkisen Lake Michigan vor dem Campus liegen. Germuska ist Software-Entwickler in einer Art kreativer Blase: dem Knight Lab an der Northwestern University in Chicago. Dort arbeiten Programmierer und Journalisten gemeinsam an neuen Tools für die Medien der Zukunft. Und das ohne Zielvorgaben und kommerzielle Zwänge. Das Labor finanziert sich hauptsächlich durch die Knight Foundation, eine Stiftung, die sich den Medien und ihrem demokratischen Auftrag verschrieben hat.

Knight Lab Student Tyler Fisher, Technologie-Direktor Joe Germuska und Geschäftsführerin Miranda Mulligan

In den Vereinigten Staaten haben sich vor allem im Umfeld von Universitäten Innovations-Labore gebildet, deren Schwerpunkte unterschiedlich sind. Während  das Knight Lab in Chicago sich auf Tools für digitalen Journalismus konzentriert (beispielsweise: Wie integriert man O-Ton-Audiospuren möglichst einfach in einen Artikel? Wie stelle ich zeitliche Verläufe ansprechend dar? Wie visualisiere ich für meine Leser ähnliche Kommentare zu einem Thema?), geht es anderen Laboren etwa um Bürgerjournalismus, Geschäftsmodelle oder die Weiterbildung von Journalisten. Die Labs machen dabei schon lange von sich reden: So hat das Medialab am MIT in Massachusetts Amazons Lesegrät Kindle mitentwickelt. Am inzwischen eingestellten Knight-Ridder Lab in Colorado wurde bereits 1994 laut über die Idee eines Tablet-Computers nachgedacht. Und in Chicago hatte man die Finger bei der Entwicklung eines Roboters im Spiel, der Sportmeldungen schreiben kann.
Im Knight Lab in Chicago verschränken sich die Informatik- und die Journalismus-Fakultäten der Northwestern University. Es herrscht Ideenkommunismus: Impulse kommen nicht nur vom achtköpfigen Kernteam und den am Lab beschäftigten Studenten, sondern auch von Professoren und aus Seminaren, aus dem Publikum oder von ehemaligen Studenten, die nicht selten in großen Medienunternehmen gelandet sind. Das Lab ist offen für alle. "Und auch die geographische Distanz wird dabei immer unwichtiger", sagt Germuska, der nach einer Tätigkeit in der freien Wirtschaft im Journalismus ein "sinnvolles Betätigungsfeld" gefunden hat, wie er findet.
Umgeben von Gedankenfetzen aus Brainstormings und Strukturbäumen, die mit bunter Kreide an die tafelartige Wandtapete gemalt wurden, hat das Team in den letzten anderthalb Jahren 32 funktionierende Prototypen entwickelt. Sieben Entwicklungen haben es bislang bis zur Anwendung geschafft. Zum Beispiel die TimelineJS, eine Art intuitive Slideshow, die sich etwa LeMonde.fr zunutze gemacht hat, um den Verlauf der französischen Präsidentschaftskampagne darzustellen.
Die Tools des Knight Lab nutzen kann jeder. "Durch Open Source können wir unsere Ideen im Austausch mit den Nutzern stetig weiterentwickeln", sagt Ryan Graff, früher Reporter in Colorado, heute Chef der Webseite des Knight Lab. Die Debatte, ob allerdings nicht auch kostenpflichtige Lizenzierungen ein gangbares Modell für das Knight Lab wären, spaltet derzeit die Gemüter innerhalb des Labors.
Von solchen Debatten sind wir in Deutschland weit entfernt. Innovations-Labore gibt es höchstens innerhalb einiger weniger Verlage. Ein Raum, in dem frei von Zwängen experimentiert werden könnte, existiert so gut wie nicht. "Der Leidensdruck scheint bei uns noch nicht groß genug zu sein", vermutet Stephan Weichert, Professor für Journalismus an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. Weichert ist Mitgründer des Vocer Innovation Medialab, das Experimentier-Stipendien an Nachwuchsjournalisten vergibt.
"Und dabei ist vieles, was wir tun, in der Umsetzung relativ simpel", findet Joe Germuska. "Es hat nur einfach noch niemand gemacht." Es geht am Knight Lab nicht um die großen Fragen des digitalen Journalismus. Es geht darum, auszuprobieren, welche kleinen Schritte Journalisten im Feld der neuen Möglichkeiten gehen können, um sich die digitale Welt nach und nach zu erschließen.
Mag auch so manches Tool zu Kopfschütteln bei deutschen Datenschützern führen und eher wie ein nettes Gimmick anmuten (beispielsweise ein Twitter-Analysetool, das voraussagt, für welche Partei der Account-Inhaber stimmen wird), so steht doch fest: Die Möglichkeiten, die es für Journalisten im digitalen Umfeld zu erkunden gibt, waren selten so groß und so spannend wie heute. Zeit, selbst zu experimentieren. "Wherever you go, there you are", wie man am Knight Lab zu sagen pflegt.

Verena Hölzl, 25, hat Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt studiert und u.a. zu "iPad und Zeitungsjournalismus" geforscht. Zurzeit absolviert sie eine Journalistenschule in Straßburg. Hölzl war eine der Gewinnerinnen des MEEDIA-Essaywettbewerbes. Der Beitrag entstand im Rahmen der Studienreise "Audience Understanding", die von der Hamburg Media School (HMS) durchgeführt wurde.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige