Die Wochen der Wahrheit für RTL

Es ist mittlerweile fast zwei Jahre her, dass RTL mal einen Monat erlebt hat, in dem der Marktanteil über dem des entsprechenden Vorjahreswertes lag. Ein Detail, das zeigt, wie es um den Sender derzeit bestellt ist: RTL ist zwar weiter die Nummer 1 unter den Privatsendern, doch er steckt in der dicksten Quotenkrise seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. In den kommenden Wochen muss der Sender mit Neustarts zulegen. Doch reicht die Quantität und Qualität der Premieren dafür aus? MEEDIA analysiert und prognostiziert.

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Bei 13,0% liegt der RTL-Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen im August nach 20 Tagen. Bleibt es dabei, würde der Wert aus dem Fußball-EM-Monat Juni 2008 eingestellt – und damit der schwächste Monatsmarktanteil seit über 20 Jahren. Viel wurde geschrieben über diese Quoten-Entwicklung – und nun wird es wirklich höchste Zeit für den Sender, endlich gegen sie anzusteuern.

Das geschieht in der neuen Saison 2013/14 früher als sonst – nämlich letztlich bereits in dieser Woche. Mit gleich drei neuen Serien renoviert der Sender den Donnerstag – die größte Deutsche-Fiction-Offensive des Senders seit langer Zeit. "Doc meets Dorf", "Christine. Perfekt war gestern!" und "Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5" heißen die Serien, mit denen RTL den Umschwung einleiten will. Ob das gelingt, ist jedoch fraglich, die ersten Kritiken sind verhalten bis miserabel. So schreibt Rainer Tittelbach auf tittelbach.tv über die "Sekretärinnen"-Comedyserie beispielsweise: "Die Gags sind allesamt Rohrkrepierer und die Typen kommen aus der Comedy-Klamottenkiste."

Nun ist der Erfolg bei Kritikern oftmals ein fundamental anderer als der Erfolg im Publikum, doch nach neuen Ideen mit tollen Charakteren sehen die drei Serien alle nicht aus. Dass dann auch noch die erste "Dr. House"-Staffel aus der Mottenkiste ausgepackt wird, um sie um 22.15 Uhr zum xten Mal zu zeigen, zeugt nicht gerade von Ideenreichtum. Um es vorsichtig zu formulieren: Es wäre womöglich keine Überraschung, wenn "Alarm für Cobra 11" seinen Sendeplatz früher wieder übernehmen würde als zum derzeit geplanten Zeitpunkt am 17. Oktober.

Überhaupt gar keine neue Idee hat der Sender derzeit für den Nachmittag: "Die Trovatos", "Verdachtsfälle", "Familien im Brennpunkt", "Die Schulermittler" – der Billig-Dramareihen-Quatsch geht am kommenden Montag mit neuen Episoden weiter – und das, obwohl auch dort stark rückläufige Quoten zu beobachten sind. Apropos: "Wer wird Millionär?" kommt am selben Tag zurück. Das geplante "Zocker-Special" dürfte dabei nicht zum entscheidenden Faktor werden, ob die auch hier schrumpfenden Zuschauerzahlen langfristig noch ausreichen.

Ein tatsächlicher Megahit könnte am 9. September die Premiere von "Die 2 – Gottschalk & Jauch gegen Alle" werden. Zwei Dinosaurier der TV-Unterhaltung in einer Spielshow gegen Prominente und das Publikum – was soll da schief gehen? Allerdings: Mit einem solchen Event, das bei Erfolg sicher nicht öfter als einmal pro Monat laufen dürfte, kann ein Gesamt-Marktanteil natürlich nur leicht beeinflusst werden.

Wichtiger sind da die wöchentlichen Prime-Time-Programme. Und da bleibt es – abseits vom neuen Donnerstag – vorerst recht dünn mit Neustarts. Montags: "Wer wird Millionär?", ab Oktober "Bauer sucht Frau". Dienstags: "CSI", "Bones". Mittwochs: "Die 25…" und ab Oktober "Christopher Posch" und "Raus aus den Schulden", dazu wie immer "stern TV". Donnerstags spätestens ab Oktober wieder "Alarm für Cobra 11" und die erste "Dr. House"-Staffel. Freitags: "Wer wird Millionär?" und andere Shows. Samstags ab Ende September: "Das Supertalent" mit der "Innovation" eines grünen Buzzerknopfs. Die grandiose neue US-Serie "The Following" zeigt man ab 17. September dienstags um 22.15 Uhr. Sie hätte einen besseren Sendeplatz verdient. Neu ist auch noch die vierteilige Doku-Soap "Was verdienst Du?" am Montagabend.

Ein bisschen scheint es, als hätte RTL die Lage weiterhin nicht so recht erkannt. Die Sendergruppen-interne Umstellung von den 14- bis 49-Jährigen auf die 14- bis 59-Jährigen vergrößert den Vorsprung auf den Konkurrenten ProSieben, kein Grund zur Panik also. Und ab Herbst 2014 hat man ja dann die WM- und EM-Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft im Programm – da steigen die Quoten dann fast automatisch wieder.

Doch bis dahin geht noch viel Zeit ins Land. Und mit der Strategie "more of the same", gepaart mit wenig vielversprechenden deutschen Serien und einem Gottschalk-Jauch-Event wird man den Trend in diesem Jahr kaum umkehren können. Wo bleibt die Umsetzung der Ankündigungen vom 10. Juli? "Starke journalistische Positionierung, aber der Stachel bleibt" fasste Senderchef Frank Hoffmann die Präsentation der Programme für die neue Saison zusammen. Weder von der stärkeren journalistischen Positionierung noch von einem Stachel ist im Programm der kommenden Wochen und Monate etwas zu sehen. Homöopathische Dosen wie die 22.45-Uhr-Reportage "Wahlkampf undercover" am 8. September oder der Zweiteiler "An einem Tisch" mit Peer Steinbrück bzw. Angela Merkel ausgenommen.

RTL war einmal der mutige Innovationsmotor im deutschen Privatfernsehen. Jahrelang hat man sich auf den damit erzielten Erfolgen ausgeruht. Nun in der Krise schafft man es auch in den ersten Wochen und Monaten der Saison 2013/14 nicht, den Motor wieder anzuschmeißen. Wo bleiben spektakuläre TV-Serien, über die das ganze Land spricht? Wo echte neue Show-Konzepte? Und wo tatsächlicher Journalismus abseits von Wahl-Formaten? Ein Sender, der so erfolgreich war und es ja immer noch teilweise ist, muss doch nicht so ängstlich agieren. Er muss etwas riskieren. Das passiert in den kommenden Monaten aber nicht.

Natürlich ist der Leidensdruck relativ, man liegt bei den Brutto-Werbeumsätzen weiter im Plus. Allerdings nur mit 0,1% gegenüber 2012 (auf 1,4 Mrd. Euro). Während ProSieben laut Nielsen um 11,4% zulegte (auf 1,2 Mrd. Euro). Und selbst Sat.1 gewinnt deutlicher hinzu als RTL (auf 1,05 Mrd. Euro). Die TV-Saison 2013/14 – sie könnte spannender werden, als RTL es sich wünscht.

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