Bezos-Post: der Bankrott der Verlage

Während beim Spiegel angegrabbelte Thesen zur “Zukunft der Zeitung” gewendet werden, schafft Amazon-Gründer Jeff Bezos die Fakten. Er kauft für 250 Mio. Dollar die Washington Post. Für die Zeitung ist das wahrscheinlich eine gute Nachricht. Der Deal macht aber überdeutlich, dass Medienunternehmer vom alten Schlag keine Konzepte mehr für die Digitalisierung haben. Die Post-Verleger haben das sogar offen zugegeben. Wir erleben den strategischen Bankrott einer Branche.

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Don Graham, Sprecher der Verlegerfamilie der Washington Post sagte wörtlich: “Als das Zeitungsgeschäft immer neue Fragen aufwarf, auf die wir keine Antworten hatten, begannen Katharine und ich uns zu fragen, ob unser kleines Unternehmen immer noch die beste Heimat für die Zeitung ist.” Kurz gesagt: Die Alt-Verleger der Post haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Der Verdacht liegt nahe, dass die Grahams nicht die einzigen Ahnungslosen sind – aber vielleicht die einzigen, die es zugeben.

Schauen wir uns einen Moment lang die Titelseite dieser aktuellen Washington Post an, auf der der Verkauf angekündigt wird. “Grahams to sell the Post” steht da in großen Lettern. Auf einem Foto ist Alt-Verleger Don Graham abgebildet. Mikro in der Hand, Haare streng gescheitelt, Blick ermattet  – so erläutert er seiner Belegschaft gerade, dass sie verkauft wird. Und zwar an den alerten, kahlköpfigen Mann mit offenem Hemdkragen, den wir auf dem kleineren Foto sehen: Jeff Bezos. Multi-Milliardär, Amazon-Gründer, E-Commerce-Gott, Mr. Future. Einer wie Bezos krempelt Branchen um, macht mal eben 42 Mio. für ein versponnenes Uhren-Projekt (“The Clock of the long now”) locker, gründet ein privates Raumfahrtunternehmen (weil die NASA – ähnlich wie die Verlage – wohl nicht mehr so kann), steckt ein paar Millionen in das Blog “Business Insider” oder kauft nun mal eben eine der Kronjuwelen der us-amerikanischen Print-Medienlandschaft.

Auch wir hier haben kürzlich mit dem Verkauf der Regionalzeitungen und TV- und Frauenzeitschriften der Axel Springer AG unseren Medien-Mega-Handel erlebt. Der Unterschied zwischen dem Bezos-Deal und dem hiesigen Springer/Funke-Deal ist folgender: Bei Springer/Funke hat die Axel Springer AG ihre Print-Vergangenheit an Männer von gestern verkauft. Die Washington Post dagegen wurde an einen Mann der Zukunft verkauft. Man braucht die Frage gar nicht zu stellen, an wen man als Zeitungs-Redakteur lieber verkauft werden würde, Bezos oder Funke – die allermeisten dürften dem Amazon-Gründer eher zutrauen, das Medienbusiness zukunftsfit zu machen.

Dabei geht Bezos auch ein viel geringeres Risiko ein als die Funke Mediengruppe. Die 250 Mio. Kaufpreis für die Post zahlt der 18-Mrd-Dollar-Mann Bezos aus der Portokasse. Die Funke-Gruppe muss sich für die knappe Milliarde Kaufpreis für die Springer-Zeitungen und -Zeitschriften erneut bis zur Halskrause verschulden. Bezos kann mit der Post in Ruhe experimentieren, steht unter keinem Renditedruck. Er hat der Post vor allem Zeit gekauft – ein unschätzbar wertvolles Asset in diesen Tagen. Mit seinem Vermögen kann er locker einige Verlustjahre ausgleichen. Bei der Funke-Gruppe ist der Druck schon vor dem Springer-Deal “erbärmlich” gewesen, wie sich WAZ-Investigativ-Chef David Schraven ausdrückte.

Für einen wie Bezos mag der Kauf der Washington Post (auch) eine Liebhaber-Investition sein. Geld verdient er mit Amazon genug. Der als liberal geltende Bezos kann es sich leisten, mal zu gucken, ob und wie das was werden kann mit der Zukunft der Zeitung. Hier unterscheidet er sich wahrscheinlich auch von anderen Medien-Investoren, wie dem russischen Oligarchen Alexander Jewgenjewitsch Lebedew, der sich in Großbritannien den Evening Standard und den Independent ans Revers geheftet hat. Bezos hat nicht einfach nur Geld wie Heu. Er hat bei Amazon bewiesen, dass er die Digitalisierung intellektuell durchdringt, dass er ein Weltunternehmen aufbauen kann. Einer mit Visionen, die er auch umsetzen kann. Das macht Hoffnung für die Washington Post. Wir bei MEEDIA haben die Pressestimmen zur Bezos-Post bei Twitter unter der Zeile "Kapitulation oder Anfang einer neuen Ära?" zusammengefasst. Man muss wohl sagen: beides.

Und bei uns? Gerade hat sich der Spiegel-Reporter Cordt Schnibben dem Thema “Zukunft der Zeitung” angenommen und einige reichlich abgegriffene Thesen in die Welt gesetzt. U.a., Tageszeitungen müssten mehr auf “Entschleunigung” setzen” und (gähn) “hintergründiger” werden. Man darf erwarten, dass einem Bezos für die Washington Post Substanzielleres einfällt. Dumm nur für deutsche Zeitungen, dass in Deutschland von einer Unternehmerpersönlichkeit vom Schlage eines Jeff Bezos weit und breit nichts zu sehen ist. Wir haben die Funke Gruppe.

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