Springer und die radikale Erneuerung

Die WAZ bleibt ein großes Verlagshaus von Regionalzeitungen, das sich der Digitalisierung stellen muss. Aber "bleibt" die Axel Springer AG auch etwas? Oder: Zu was wird die Axel Springer AG nach dem Verkauf einer großen Zahl von bekannten Medienmarken? Zum ersten: Springer bleibt ein Medienunternehmen. Zum zweiten: Publizistisch wird aus den Berlinern mit Bild und Welt ein Zwei-Marken-Haus. Zum dritten: Von den zu erwartenden Zukäufen hängt ab, was Springer künftig sein will.

Anzeige

Vielen Verlagen in den USA hat es nicht gut getan, dass sie an der Börse notiert sind. Da wurden plötzlich von den Shareholdern abenteuerliche Renditen von bis zu 30 Prozent verlangt. Große Zeitungsgruppen wie etwa Knight Ridder zerfielen so in ihre Einzelteile. Mit der Axel Springer AG verhält es sich etwas anders: Die Mehrheit der Aktien liegt bei der – hier mögen Kritiker des Verkaufs eine Namensänderung einfordern – Axel Springer Gesellschaft für Publizistik, in der wiederum Friede Springer, die zudem auch selber Aktionärin ist, das Sagen hat. Laut Konzernangaben befinden sich 40,2 der Aktien im Streubesitz, 3,3 Prozent besitzt Vorstandschef Mathias Döpfner.
Warum dieser Blick auf die Aktionärsstruktur? Weil Springer damit einerseits etwas anderen Gesetzen gehorchen muss als Medienunternehmen in Familienbesitz. Aber: Friede Springer besitzt so viel Einfluss, dass sie, wie sie es neulich in der FAS tat, ein Bekenntnis zu Welt und Bild abgeben konnte. Auch diese Konstruktion trägt zu der besonderen Stellung bei, die Springer im deutschen Medienmarkt einnimmt. Dazu kommt, dass mit dem CEO Döpfner ein Manager an der Spitze steht, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Springer radikal zu erneuern.
Springer: Ein Verlag, ein Missverständnis 
Warum dieses Wort, Radikalerneuerung? Döpfner selbst verwendete es in einem Interview über Richard Wagner, das er dem Stern gab. Nun wollte sich Döpfner keineswegs in eine Reihe mit Wagner stellen ("Er war ein Antisemit. Egoman. Geizig. Rücksichtslos.") Dessen innovatorische Schöpfungskraft imponiert dem Manager trotz allem. War Wagner ein Innovator und Erneuerer, soll auch Springer für folgende Begriffe stehen, die ebenfalls in dem Interview auftauchen: "Horizonterweiterung, Weiterbildung, Vernetzung, Ideenfindung, Kulturwandel, kurz: Innovationsmanagement".  

Viele vor allem redaktionelle Mitarbeiter mögen sich bei Springer in Sicherheit gewogen haben, weil sie das Haus als "Verlag" verstanden, der sich seiner Tradition bewusst ist. Hatte es nicht im vergangenen Jahr eine Revue zum 100. Geburtstag von Axel Springer gegeben? Doch damit hatte das Medienunternehmen Springer nicht etwa seine Zeitungen und Zeitschriften gefeiert, sondern eben jenen Gründer Axel Springer. Von dem einige Kommentatoren nun behaupten, er würde sich im Grabe drehen, wüsste er von dem Verkauf seiner Erfindungen.

Döpfner interpretiert Springer aber nicht als Traditions- und Bewahrungshuber, sondern als einen jener "Radikalerneuerer", der eine Industrie vorantreibt und, wenn nötig, auch umwälzt. Die "Hörzu", das "Abendblatt" – das war das "alte" Springer. Das neue Springer denkt um, nämlich voraus. Die Revue, in der Döpfner auf der Bühne einen Brief an Springer formulierte, den er persönlich nie kennen gelernt hatte, gibt einen Fingerzeig. Döpfner schrieb, gerichtet an den Verleger: "Sie haben es wenigstens krachen lassen. Ihr Leben gelebt und genossen, in vollen Zügen, während andere immer vorsichtig, taktierend und moderat blieben. Die Vorsichtigen haben doch gelebt wie Kunstblumen. Das ist praktisch, aber langweilig. Plastikblumen blühen immer, aber nie richtig. Und sie duften nicht." Und weiter: "Dass Du dabei nicht nur Spaß hattest, sondern auch noch Erfolg, das werden sie Dir nie verzeihen." Schließlich: "Sie waren maßlos, maßlos leidenschaftlich. Und dafür liebe ich Sie."
Döpfner improvisiert Axel Springer 
Wäre es übertrieben, Döpfner als den Mann zu sehen, der Springer nicht kopiert, sondern der ihn interpretiert? Bzw.: der ihn, als Jazz-Liebhaber, der Döpfner ist, improvisiert? Hatte Springer nicht selber einen Großteil seines Verlags verkauft? Hatte er mit der Gründung der Bild-Zeitung nicht eine radikal andere Zeitung im Sinn? So kann man das auch sehen. Als eine Art Gralshüter der Gründungstitel hat Döpfner sich sicherlich nie verstanden.

Und dann aber, nun wieder Stern-Interview, folgender Döpfner-Satz: "Wir sind ein börsennotiertes Wirtschaftsunternehmen, kein Opernhaus." Wo treffen sich nun diese beiden Erzählstränge, der von der radikalen Erneuerung und Innovation, und der von der Börse? Antwort: Sie treffen sich in dem Entwurf eines digitalen Medienkonzerns. Der den Wandel vom klassischen Verlag schon längst begonnen hat und sich nun alter Werte entledigt. Nur Bild und Welt bleiben im Haus – Bild ist der wichtigste Ergebnisbringer, und die Welt wichtig als ein strategischer Ausgleich zum Boulevardblatt.

Die Überlegung, die der Springer-Vorstand angestellt haben dürfte, als die WAZ mit einem Angebot für die nun verkauften Titel auf ihn zukam, könnte in etwa so ausgesehen haben: Der Kaufpreis zum etwa Zehnfachen des aktuellen Ergebnisses der Titel dürfte einmalig sein. Bereits in zwei bis drei Jahren könnte der Wertverfall der Titel vorangeschritten sein. Ein scheibchenweiser Verkauf wäre unklug, weil er die Unsicherheit im Haus verstärkte, welcher Titel als nächstes abgeschossen würde. Die wirtschaftliche Seite des Deals ist darum eine klare Angelegenheit für Springer. Mit den Springer-Funke-Gemeinschaftsunternehmen für Vermarktung und Vertrieb partizipiert man sogar noch an dem weitergehend guten, aber rückläufigen Geschäft. 
Aufruf an Medien-Visionäre 
Doch natürlich gibt es auch eine Downside. Das könnte der kulturelle Wandel des Unternehmen sein, der weniger schnell als der wirtschaftliche Wandel voranschreitet. Der Verkauf beschädigt das Image des Unternehmens als klassischer Verlag, als der es gemeinhin gilt, selbst wenn es das gar nicht sein will. Die Journalisten des Hauses könnten eine Entwertung ihrer Tätigkeit sehen – und die Beschwörungen ihres Chefs, der seit Jahren ein goldenes Zeitalter für den Journalismus prognostiziert, nicht mehr ernst nehmen. Eine bei aller Verschiedenartigkeit doch existente gemeinsame Springer-Identität könnte schwinden.
Hier die alte Welt der Publizisten, dort die Welt der "Visionäre, Macher und Medien-Revolutionäre", die Bild-Chef Kai Diekmann gerade sucht. Mit dem Aufbau eines wirklich digitalen Unternehmens könnte Springer nun für ganz andere Zielgruppen interessant werden. Digital Natives, Programmierer, Entwickler, Gündernaturen. Was die da sollen? Genau diese Frage wird der Springer-Vorstand zu beantworten haben. Was will Springer sein? Bisher galten die drei Säulen: Inhalte, Rubrikengeschäft, Vermarktung. Reichen diese drei Säulen aus?
An der Scout-Gruppe ist Springer weiter interessiert, die würde gut ins Portfolio passen. Wollen Döpfner und seine Kollegen neue Geschäftsfelder erschließen? Oder geht der Weg hin zu einem Digitalkonzern mit dem Schwerpunkt Rubriken – den am renditeträchtigsten Zweig? Reicht das aus, um am Kapitalmarkt anhaltend attraktiv zu sein? Ist das unter "Radikalerneuerung" zu verstehen? Erfindet sich ein ehemaliger Verlag so neu, oder braucht er doch Fernsehen, bzw. Bewegtbild?
Springer will keine Plastikblume sein 
Was ist Springer heute? Eine Enttäuschung für viele Journalisten. Ein Versprechen für die Anleger. Ein Medienunternehmen, das radikaler als andere einen Wandel vorantreibt. Wohin dieser Wandel führt, steht noch nicht fest. Über Springer hieß es in den vergangenen Jahren oft: Die sind am weitesten, was Technologie, Verständnis für digitale Markenführung, mobile Inhalte und Bezahlinhalte-Strategien angeht. Auf solche Aussagen konnten sich viele Branchenmenschen einigen. Und immer haben die meisten von ihnen erwartet, dass Springer vielleicht die Neuerfindung des Verlagswesens gelingt. Diese Hoffnungen waren möglicherweise verfrüht bzw. illusorisch. Erst jetzt wird deutlich, worin sich Springer wirklich von anderen deutschen Verlagen unterscheidet – in dem Willen, sich selber wirklich in Frage zu stellen. Springer will keine Plastikblume sein.  

Hier hatten wir uns damit beschäftigt, welche Folgen der Zukauf der Springer-Titel für die Funke-Mediengruppe und ihr Selbstverständnis hat.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige