Bascha Mika: “Bestechung ist kein Privileg”

Publishing Kürzlich haben Transparency International und das Netzwerk Recherche Medien ein mieses Zeugnis in Sachen Korruption ausstellt. Demnach werden Medien als dritt korruptester Sektor nach Politik und Privatwirtschaft wahrgenommen. Was den Journalismus angeht, wird es höchste Zeit zur Besinnung zu kommen, findet die ehemalige taz-Chefin Bascha Mika. Ihrer Ansicht nach stehen vor allem Chefredaktionen und Verlage in der Pflicht, ihre Redaktionen vor Korruption zu schützen.

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Transparency International und das Netzwerk Recherche haben Ergebnisse veröffentlicht, die zeigen, dass das Ansehen von Journalisten in der Bevölkerung immer weiter sinkt. Journalisten werden mittlerweile für genauso korrupt gehalten, wie Politiker oder die Wirtschaft. Sie haben das in Ihrer Kolumne für die Berliner Zeitung kommentiert. Für wie korrupt halten Sie persönlich den deutschen Journalismus?
In der Bevölkerung gelten wir Journalisten ja als völlig korrupt. Ich bin da nicht ganz so skeptisch. Es gibt immer noch genügend Kolleginnen und Kollegen, die sauber ihren Job machen. Doch jeder einzelne, der es verdammt noch mal nicht tut, macht die Debatte notwendig, die jetzt erneut angestoßen wurde. Wir alle müssen dringend überlegen wie wir eigentlich unsere Verantwortung wahrnehmen und was wir unter Journalismus verstehen.
Welche Verantwortungen haben die Journalisten?
Ganz altmodisch: Öffentlichkeit herstellen, sich dabei der Wahrheit verpflichtet fühlen und Kritik- und Kontrollfunktion übernehmen. Zu allem braucht es Glaubwürdigkeit. Wenn wir bei unserer Arbeit nicht eine halbwegs reine Weste behalten, brauchen wir gar nicht erst anzutreten. Wir sollen im Interesse der Öffentlichkeit handeln und genießen deshalb grundgesetzlich festgelegte Privilegien – sich bestechen zu lassen, gehört nicht dazu.
Welche Wege der Korruption gibt es denn?
Da sind der Fantasie wenig Grenzen gesetzt. Anzeigenkunden, die auf redaktionelle Inhalte Einfluss nehmen wollen. Druck von Seiten der Verlagsabteilungen, damit Journalismus und PR vermischt werden. Journalisten, die sich materiell und immateriell bestechen lassen und dann Gefälligkeitsbeiträge abliefern. Oder die vom laxen Handling bereits so verdorben sind, dass sie gar nicht mehr merken, wo Journalismus endet und PR anfängt. Das Problem: Korruption ist ein sehr schwammiger Begriff. Lasse ich mich als Journalist schon korrumpieren, wenn ich mit meinen Kindern gratis in den Zoo gehe?
Können Sie ein Beispiel nennen, welche Redaktionen anfällig sind?
Der Kollege Sebastian Heiser hat vor zwei Jahren für die taz dazu recherchiert. Er gab sich als Werbe-Agent aus und kontaktierte Redaktionen mit ominösen Angeboten. Dabei hat er gezielt versucht, die Interessen seiner fiktiven Kunden ins Blatt zu bringen. Eine ganze Reihe von Zeitungen hat sich dafür durchaus offen gezeigt.
Nehmen solche Versuche der Einflussnahme zu?
Aber klar. Agenturen werden immer unverschämter, um redaktionell zu ihrem Ziel zu kommen und nutzen dabei die ökonomisch angespannte Lage aus. Und gleichzeitig sitzen die Verantwortlichen in den Verlagsbereichen und Chefredaktionen und lassen sich auch zunehmend unter Druck setzen. Gern mit dem Hinweis, dass man ja nicht mehr so viel Geld verdient wie früher. Dann versucht man eben nachzuhelfen. Was diese Form der Korruption angeht, stinkt der Fisch klar vom Kopf.
Wie anfällig sind denn freie Journalisten?
Ein schwieriges Feld. Einerseits gehört diese Berufsgruppe zu den wirklich ausgebeuteten unserer Branche. Selbst gut verdienende Medien bezahlen ihre Freien unterirdisch. Fragen Sie mal, was beispielsweise ein Freier bei Spiegel Online bekommt. Und man kann nun wirklich nicht behaupten, dass mit Spiegel Online kein Geld zu verdienen ist.
Welche Folgen kann die Situation der Journalisten in diesem Zusammenhang haben?
Über die ökonomische Situation von Freien brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Die führt dazu, dass sehr viele Freie zunehmend eine Hybridfunktion übernehmen. Das heißt, sie verfassen einerseits PR-Texte, weil die häufig besser  bezahlt werden, und  andererseits schreiben sie journalistisch. Wenn sie halbwegs korrekt arbeiten, äußern sie sich journalistisch wenigstens nicht zu den Themen und  Bereichen, in denen sie auch Werbetexte produzieren. Aber selbst das ist natürlich nicht immer der Fall.
Fehlt es an Bewusstsein für die Abgrenzung von PR und Journalismus?
Ganz sicher. Und manchmal ist dieses Bewusstsein auch gar nicht mehr erwünscht.  Es gibt Studiengänge, in denen Journalismus mit PR vermischt wird, die sogar PR-Journalismus anbieten. Was will man denn dann erwarten? Auch viele meiner Studierenden sehen am Anfang ihrer Ausbildung  kein Problem darin, beides in einen Topf zu schmeissen. PR ist ja nichts Böses,aber es ist interessensgeleitete Kommunikation. Deshalb  muss man als Journalist genau wissen, auf welcher Seite man steht.  Eigentlich geht es gar nicht, dass Journalisten PR-Texte machen. Aber angesichts der ökonomischen Situation will ich mich nicht mit erhobenem Zeigefinger hinstellen.
Wird der Journalismus von den Public Relations bedroht?
Schon seit vielen Jahren. Es gibt natürlich eine Reihe von Medien, denen es dreckig geht. Aber es gibt auch immer noch Verlage, die gutes Geld verdienen. Sie halten es nur schlichtweg für eine Frechheit, wenn sich ihre Gewinne nicht mehr im zweistelligen Bereich bewegen. Wenn man mit so einer Haltung an ein journalistisches Qualitätsprodukt herangeht, und weiter den früheren Gewinnen hinterherweint, ist der Druck auf Journalisten natürlich entsprechend groß, das zu liefern, was sich super verkaufen lässt. Oder das zu liefern, was zumindest auf der Werbe-Schiene zusätzlich Geld einbringt.
Wenn man sich eine kleine Prognose erlaubt: Was wird mit dem Journalismus passieren?
Da die Übergänge ja fließend sind und das Gift schleichend wirkt, müssen wir verdammt aufpassen, dass wir nicht alle anfangen eine Form von PR-Journalismus zu betreiben. Das passiert unglaublich schnell. Transparency International und das Netzwerk Recherche beispielsweise haben in ihrer Untersuchung Beispiele aufgeführt, die wirklich absurd sind.
Was soll der Journalismus Ihrer Meinung dagegen nach tun?
Dass uns die Bevölkerung mittlerweile für genauso korrupt hält wie die Politiker oder die Wirtschaft, finde ich ein wirkliches Alarmzeichen. Wir wollen doch alle unseren Job behalten, Journalismus soll es weitergeben – auch im digitalen Zeitalter, jenseits von Blogs, Twitter, Social Media und Bürgerjournalismus. Das ist – bis auf Ausnahmen – einfach kein Journalismus. Und wenn wir das Berufsbild retten wollen,  müssen wir es verdammt noch mal selber schützen. Und zwar dadurch, dass wir nicht nur einen Kodex haben, sondern ihn auch ernst nehmen. Sonst werden wir überflüssig. Wie sollen wir denn beispielsweise seriös über Massenproteste gegen Korruption und Misswirtschaft in Bulgarien und Brasilien berichten, wenn unsere Leser, Hörer oder Zuschauer denken, dass wir selbst total korrumpiert sind.
Wer muss dafür sorgen, dass wir seriös bleiben?
Es braucht strenge Richtlinien in den Verlagen. Die Führungsspitzen müssen dafür sorgen, dass die auch eingehalten werden. Das bedeutet, dass ein Chefredakteur seinen Leuten nicht zu verstehen geben darf, dass es das Redaktionsbudget wunderbar entlastet, wenn sie sich von Politikern gratis im Flieger mitnehmen lassen. Oder sich die Reiseredaktion ihre Ausflüge von den Veranstaltern zahlen lässt. Der Chef muss genau das Gegenteil tun.
Das bedeutet dann auch, dass Redaktionen in ihre Unabhängigkeit investieren müssen.
Selbstverständlich! Es mag immer mal wieder Situationen geben, in denen ein Journalist nicht in bestimmte Regionen gelangen würde, ließe er sich nicht mitnehmen – zum Beispiel von Hilfsorganisationen.
Das wäre dann also in Ordnung?
Nur, wenn man es dann auch entsprechend kennzeichnet. Dann können  die Konsumenten selber entscheiden unter welchen Vorzeichen der Beitrag zu verstehen ist. Transparenz ist also der nächste Punkt. Das macht  Netzwerk Recherche ganz deutlich, und auch der Presserat hat es in seinem Kodex vermerkt.
Wann hat man das letzte Mal versucht, Sie zu korrumpieren?
Ich sollte im Auftrag einer Agentur eine Moderation übernehmen. Dabei ist für mich immer klar, egal wer der Auftraggeber ist –  Ich moderiere als Journalistin. Das heißt, ich mache auf dem Podium keine PR für irgendjemanden, sondern bin kritisch gegenüber allen, die da sitzen. Dafür will man mich doch auch haben. Nun: Als ich den Vertrag von der Agentur bekam, stand da nichts von Moderation, sondern: Beteiligung an einer PR-Kampagne. Ich war einigermaßen fassungslos. Ich bin ja nicht die erste Journalistin, die von dieser Agentur für eine Moderation engagiert wurde. Wenn deren Leute also nicht verstehen, wen sie da vor sich haben, könnte glatt der Verdacht aufkommen, dass Kolleginnen und Kollegen es mit der Bezeichnung, dessen was sie tun, und möglicherweise auch mit ihrem journalistischen Verständnis, nicht so genau nehmen.
Bascha Mika war elf Jahre lang Chefredakteurin der taz. Heute arbeitet die 59-Jährige als Publizistin und Professorin für Kultur-Journalismus an der Universität der Künste in Berlin. Von 2007 – 2009 war Mika zudem Mitglied des Medienrates der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

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