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Kurt Kisters Abgesang auf Springer

Kurt Kister, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat in einem Schreiben an die Leser Abschied vom Springer-Verlag genommen. Zumindest von dem Springer-Verlag, der "unabdingbarer Bestandteil der hitzigen politischen Debatten" war. Denn den gebe es nicht mehr, mit dem Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften. Nun sei Springer nur noch "eine digitale Gemischtwarenbude". Welt-Chef Jan-Eric Peters kommentierte via Facebook: "Da liegen die Nerven ja ganz schön blank."

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Kister gehört zu der großen Fraktion der Kommentatoren, die in dem Verkauf eine Kappung der Wurzeln von Springer sehen. Nun mutiere der Verlag zu einem Unternehmen mit "angeschlossenem Content-Angebot". Hitzige Debatten über politische Themen, die zwischen der Qualitätspresse ausgefochten werden? Tempi passati.
Nun lässt sich dieser Standpunkt mit dem publizistischen Erbe Springers ja durchaus vertreten. Doch die Titel, die Springer nun verkauft, standen und stehen nicht für "hitzige politische Debatten". Selbst Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost nicht mehr. Eigentlich meint Kister ja Bild und Welt. Die Bild-Zeitung nennt der Journalist nun "so etwas wie gedrucktes RTL2 mit Einsprengseln von Emma, Landlust und Zeit von vor zwei Jahren". Und über die Welt schreibt Kister – gar nichts.
Warum Kister das überhaupt an die "sehr geehrten" Leser schreibt? Weil er denen verspricht, "dass die Süddeutsche kein Partnerschaftsportal mit passendem Content-Umfeld wird". Ob es Anlass zur Sorge für die Leser der SZ gibt? Oder ob der Brief an die Leser eigentlich an die Eigentümer der Süddeutschen Zeitung gerichtet ist? Botschaft: Mit uns könntet ihr das nicht machen?
Eher befremdlich an Kisters sonst durchaus nachvollziehbarer Position ist seine Haltung zum Internet, die mit "abschätzig" vermutlich noch zu höflich eingeordnet ist. "Als Chefredakteur bin ich eine Art Contentmanager", erklärt er den Lesern das Wort "Content". Um dann gleich nachzuschieben: "Super". Das Wort "Content" benutzten "moderne, nicht aus der Branche stammenden Verlagsleute", die das meinten, "was Journalisten machen". Und zum Wort "Internet-Portal" fällt Kister dann die TV-Serie "Stargate" ein und "gut verkleidete außerirdische Halbmonster".
Die Kister’sche Ironisierung des Internets ist für manche seiner Abonnenten sicher ganz amüsant. Was der Chefredakteur aber völlig ausblendet, sind Leser und Nutzer, die an großen Reportagen aus Syrien oder Recherchen über den Fall Mollath interessiert sind – und trotzdem auch mal von "Portalen" oder "Content" sprechen. Weil diese Worte für die eben gar nicht belastet sind wie für den Haudegen und Grießgram Kister. Aus der Ironisierung wird so Ignoranz.

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