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Wahl-TV-Programm: Politisierung der Privaten

Stefan Raab hat es mit "Absolute Mehrheit" vorgemacht: Privatfernsehen und Politik - das geht, irgendwie. Zu den Wahlen im September legt Prosieben mit neuen Formaten nach und befeuert die Entertainisierung der Politik, bzw. die Politisierung des Entertainments. Der Sender konfrontiert Politiker mit Fragen von Heidis Topmodels und Cindy aus Marzahn. RTL bringt Polit-Promis mit Sender-Gesichtern wie Tanz-Juror Joachim Llambi und TV-Restauranttester Christian Rach zusammen. Warum eigentlich?

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RTL-Geschäftsführer Frank Hoffmann hat es bei der Programmpräsentation für die kommende Saison bereits verkündet. RTL‘>. Vor der Bundestagswahl soll eine Schippe Seriosität abseits von Anchormann Peter Kloeppel aufgelegt werden. Mehr Journalismus (z.B. "Team Wallraff") und mehr gesellschaftlicher Diskurs. Dazu lässt Hoffmann sogar prominente Sendeplätze am Vorabend freiräumen und platziert das Diskussionsformat zur Bundestagswahl "An einem Tisch mit…" direkt hinter die Hauptnachrichten.

Doch Politik ohne Entertainment gibt’s bei den Privaten nicht. Beides gehört ohnehin zunehmend zusammen. Die Politik muss vor allem junge Wähler erreichen, braucht muntere und schlagfertige Kandidaten, die möglichst auch in einer Unterhaltungsshow eine gute Figur machen können. Zumindest will die Unterhaltungsindustrie das den Wahlkampfstrategen weismachen. Die andere Frage ist eher: Warum glauben eigentlich die Privaten, dass sie plötzlich Polit-Sendungen jenseits von Nachrichten, die ihnen per Rundfunkstaatsvertrag auferlegt sind, ins Programm heben müssen? 

RTL setzt die Spitzenkandidaten Peer Steinbrück und Angela Merkel gemeinsam mit ausgesuchten Bürgern und den TV-Menschen Joachim Llambi und Christian Rach an einen Tisch. Will der Sender zeigen, dass seine Hausmarken mehr können als Restaurants vor dem Bankrott zu retten oder tanzende C-Prominenz zurechtzuweisen? Würde es nicht ausreichen, nur mit überzeugenden Normalo-Wählern zu diskutieren? Funktioniert TV bei den Privaten nur, wenn ein halbwegs bekanntes Sendergesicht mitwirkt? Offenbar. Man geht auf Nummer (Quoten-)Sicher. 
Bei ProSieben sieht es nicht anders aus. Stefan Raab will zum Bundestagswahlkampf wie in seiner Show "Absolute Mehrheit" Politik und Popularität zusammenbringen. Was bei ihm unter Entertainisierung der Politik firmiert, droht allerdings in der Show "Task Force Berlin" zur Demontage des Infotainments zu werden. Dort treffen knallroter Lipgloss und Scheitelfrisur, Jogginghose und Lackschuhe aufeinander. Politik-Aliens wie Heidi-Model Rebecca Mir oder Unterhaltungs-Nudel Cindy aus Marzahn sollen im Gespräch mit Jürgen Trittin oder Peter Altmaier Politik verständlich machen. Schon zu den Wahlen 2009 versuchte der Münchener Sender das mit "Sido geht wählen" – und ging inhaltlich an die (Schmerz-)Grenzen. 
Es ist ein wenig verwirrend: Prosieben arbeitete mit "The Voice" an der Aufwertung des Genres Castingshow. Mit einem Format wie "Task Force Berlin" könnte der Sender nun die Abwertung des Polit-Talks vorantreiben. Die Frage ist: Wollen sich die Promis in solchen Sendungen nur auf Kosten der Politiker lustig machen – und die sich wiederum ein paar billige Stimmen von Neuwählern abholen? Oder meinen es beide Seiten ernst – und bringen eine unverhoffte Perspektive in das so schwergängige Format "Politiker im Gespräch"? Beides ist möglich. 

Am Ende könnte die Moral von der Geschichte lauten, dass Senderpromis vielleicht doch weiter auf Jury-Sesseln Platz nehmen oder sich beim Promi-Boxen weiter die Rüben einschlagen sollten. Was die Politiker betrifft, sollen sie sich gerne von der unterhaltsamen Seite zeigen. Solange ihre Mission nicht "We love to entertain you" lautet. Und die Privatsender? Sie sollen sich ruhig mit dem Image schmücken, dass auch sie etwas für die Demokratie tun. Wenn es der Sache dient.

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