RTL will ein bisschen erwachsener werden

RTL, der ewige Marktführer, das TV-Powerhouse, die Cashcow ...schwächelt. Schon seit einer Weile. Geschäftsführer Frank Hoffmann präsentierte jetzt im feinen Hamburger Atlantic Hotel vor Journalisten das Programm für die kommende TV-Saison, das den Sender aus der Sinn- und Quotenkrise führen soll. Viel Gottschalk, viel Reality, ein bisschen mehr Journalismus und eine Prise Fußball. Man könnte fast meinen, RTL will mit fast 30 Jahren erwachsen werden. Zumindest ein bisschen.

Anzeige

Zu Beginn der Programm-Präsentation zeigte Frank Hoffmann einen jener Trailer-Rückblicke auf die vergangene Saison, in denen die Fernseh-Welt immer Friede, Freude, Eierkuchen ist. Große Momente, große Emotionen, explodierende Autos. In der Reality des TV-Business geht es aber – wer wüsste das besser als Hofmann – prosaischer zu. Sinkende Quoten, schwächelnde Formate, nörgelnde Kritik.

„Ja, wir haben verloren, wir fühlen uns aber trotzdem nicht als Verlierer“, gab sich der RTL-Chef kämpferisch. Und, fast mehr als nur ein Hauch von Selbstkritik: „Manches ist schiefgegangen.“ Mehrfach während der Präsentation bat er darum, man möge doch bitte Geduld haben mit dem Programm. Der ersehnte neue Quoten-Hit, der alles wieder gutmacht – er wird schon irgendwann kommen.

Drei Arbeits-Schwerpunkte verordnet Hoffmann RTL in der neuen Saison: 1. es werden dringend neue Wahrzeichen in der Primetime gesucht, 2. der Sonntag wird programmlich aufgewertet, 3. die werktägliche Daytime wird optimiert.

Dreifacher Gottschalk

Thomas Gottschalk bleibt dem Sender auch nach der eher enttäuschenden Performance bei „Das Supertalent“ RTL erhalten und wird gleich drei Formate präsentieren. Einmal die bereits angekündigte Show „Die Zwei – Gottschalk & Jauch gegen Alle“, dann eine Musikshow namens „Die große Abba-Show“, in der das Lebensgefühl der 70er zelebriert werden soll und die Jubiläumsshow „30 Jahre RTL“, die kommendes Jahr ansteht. Im Falle von „Abba“ sind bei Erfolg Fortsetzungen denkbar – etwa „Die große Bee Gees Show“, „Die große Rod Steward Show“ usw.

„Das Supertalent“ bekommt wieder mal eine „neue“ Jury. Bruce Darnell kehrt an die Seite des unvermeidlichen Dieter Bohlen zurück und dazu gesellt sich Mode-Designer Guido Maria Kretschmer sowie eine Frau, die noch gefunden werden will.

RTL investiert auch in deutsche Serien. In „Doc meets Dorf wird eine Stadt-Ärztin aufs platte Land verfrachtet, „Schmidt – Chaos auf Rezept“ dreht sich um einen Kiez-Doktor und „Der Knastarzt“ soll die Themenwelten Medizin und Verbrechen verheiraten. Neue US-Serien im RTL-Programm sind „The Following mit Kevin Bacon und „Perception“, ein Krimi mit einem schrulligen Nervenarzt, was als „Monk“-Nachfolger gedacht ist.

Alles geht kaputt

Als heimisches Event-Movie sei besonders auf „Helden – Wenn Dein Land Dich braucht“ hingewiesen. Ein Teilchenbeschleuniger lässt in Deutschland ein schwarzes Loch entstehen und alles, wirklich alles geht kaputt. Dazu machen u.a. Heiner Lauterbauch, Hannes Jaennicke, Armin Rohde, Yvonne Catterfeld, Christiane Paul und Christine Neubauer erschrockene Gesichter. Im Trailer war u.a. zu sehen, wie der Berliner Reichstag durchaus effektvoll zerbröselt wurde. Roland Emmerich lässt schön grüßen.

Neue so genannte Real Life Formate (die ironischerweise so genannt werden, obwohl sie mit dem wahren Leben tatsächlich so gut wie gar nichts zu haben) sind u.a. „Die schönste Frau Deutschlands“. Eine Reihe, in der Mode-Mann Kretschmer die schönste „authentische“ (!) Frau Deutschlands sucht. In „Was verdienst du?“ probiert der Sender an eine TV-Version des bei Print-Magazinen so beliebten Gehaltsvergleichs aus und in „Generation Luxus“ müssen verwöhnte Teenies die Rollen tauschen und an den Produktionsorten ihrer Luxus-Produkte malochen (Baumwoll-Plantagen, Nähfabriken etc.). Letzteres ein Format, das RTL-Chef Hoffmann dem Medienvolk besonders ans Herz legte, weil er hier Debatten-Material wittert.

Zur Bundestagswahl gibt es eine Reihe von Specials u.a. mit Peter Kloeppel. Der RTL-Seriositäts-Beauftragte bekommt in der neuen Saison eher mehr zu tun. „stern TV“-Moderator Steffen Hallaschka präsentiert am Vorabend der Wahl die Show „Wie tickt Deutschland“. Das Team vom RTL-“Nachtjournal bekommt Verstärkung durch Frederik Pleitgen, CNN-Reporter und Sohn des früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen. Und „Team Wallraff“, die Enthüllungsreportagen-Reihe mit Altmeister Günter Wallraff geht nach Quotenerfolg in Serie. Generell, so Hoffmann wolle RTL „journalistischer“ werden, vor allem am Montag.

„Inspiriert“ von RTL 2

Die Daytime wird mit viel Scripted Reality zugepflastert. „Scripted Dokusoaps als Tool – das ist okay“, meinte der RTL-Chef dazu. Neu ist u.a. eine Reihe namens „Berlin Models“. Und an was erinnert uns das? Richtig! An den trashigen Quoten-Erfolg „Berlin Tag und Nacht“ vom kleinen Schwestersender RTL 2. Hoffmann gab zu, man habe sich vom Erfolg dort „inspirieren“ lassen, aber natürlich seien die „Berlin Models“ sehr viel mehr „upmarket“. Na dann.

Beim Sport setzt RTL weiter auf die Zugpferde Boxen (Klitschko!) und Formel 1 (Vettel!) und packt als Sahnehäubchen Fußball obendrauf. Ab 2014 überträgt der Sender 20 Qualifikationsspiele der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft für EM- und WM- Turniere.

Am Sonntag wird Wolfgang Kons das neue eierlegende Wollmilchsau-Magazin „Unser Sonntag“ präsentieren – eine zweistündige Mixtur aus Promis, Schlagzeilen und Lustigkeiten. Auch hier bat Hoffmann wieder: „Sie müssen geduldig mit uns sein.“

Das Rezept für den Weg aus der Sinnkrise des Privat-TVs hat RTL also ganz offensichtlich auch nicht gefunden. Also wird viel probiert und geschaut, was geht und was nicht. Und wenn es nicht klappt? „Dann“, so sagte Frank Hoffmann weise, „haben wir immer noch die Fragmentierung der Medienlandschaft als Ausrede“. So lange man noch Witze auf die eigenen Kosten machen kann, kann es einem noch nicht wirklich schlecht gehen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige