N-tv und der Trümmer-Kommentator

Flugzeugunfälle faszinieren die Menschen, und immer wenn etwas passiert, herrscht akute Not an Erklärungen. Die Nachrichtensender gehen live auf Sendung - zur Not eben auch ganz ohne Fakten und Hintergründe. Es gibt ja Bilder, das muss reichen. So auch am vergangenen Samstag beim Unglück der Boeing 777 in San Francisco. Der Luftfahrtexperte Andreas Spaeth hat den Crash für den Nachrichtensender n-tv kommentiert. Hier berichtet er über seine Arbeit als Trümmer-Kommentator.

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Den vergangenen Samstagabend hatte ich mir anders vorgestellt. Ich saß schon im Kino und wollte die Almodóvar-Schwulen-Fliegerklamotte "Fliegende Liebende" ansehen. Doch eine Minute bevor der Film starten sollte, klingelte mein Handy. Der Nachrichtensender n-tv war dran. Eben sei in San Francisco eine Boeing 777 verunglückt. Ob ich das bitte gleich live auf dem Sender kommentieren könnte. Damit endete der Kinoabend, bevor er begonnen hatte, ich fand mich kurz darauf zu Hause vor Fernseher, Laptop und Telefon wieder. Um ein Studio zu organisieren, hatte n-tv nämlich Samstagabend keine Zeit, und wohl auch kein Budget.

Vor dem Fernseher war ich erstmal erleichtert, dass die 777 nicht ganz so zerstört war, wie ich nach ersten Schilderungen dachte. Und entsetzt, was da an unsinnigen Begleitkommentaren aus dem Gerät kam. Natürlich geht n-tv in so einem Moment live auf Sendung, auch wenn niemand Fakten kennt. Immerhin gab es Bilder, das reicht. Rund eine Stunde die immer der gleiche Hubschrauberblick auf das Wrack. Gleich bei meiner ersten Live-Schaltung wollte die Moderatorin von mir unbedingt hören, dass das doch eine Explosion gewesen sein müsse und doch sicher alle Insassen jetzt tot seien.

Anders als die Fernsehdame kann ich aber beim Anblick eines Wracks Schlüsse aus dem ziehen, was ich sehe. Und mir war gleich klar, dass es hier nie und nimmer eine Explosion gegeben hatte und der Unfall sehr überlebbar aussah. Kaum hatte ich das klargestellt, wurde wieder der Korrespondent aus Washington zugeschaltet. Der arme Mann hatte keine Ahnung von gar nichts, kein Wunder, macht er doch sonst politische Themen und sitzt drei Zeitzonen von der Unglücksstelle entfernt. Ich hatte unterdessen längst auf der allgemein als zuverlässig bekannten Unfall-Website avherald.com alle wichtigen Informationen zu dem Flug gefunden.

Der Mann aus Washington aber plapperte munter weiter, dass man ja bisher überhaupt nichts wüsste – immerhin anderthalb Stunden nach dem Aufprall. Ich rief verzweifelt die n-tv-Regie an und bekniete sie, dem Kollegen den Ton abzudrehen und mich endlich die Fakten über den Sender geben zu lassen. Natürlich mit aller Vorsicht und Quellenangabe. Doch zuvor musste unbedingt noch "unser RTL-Luftfahrtreporter" auf Sendung geschaltet werden, der sonst geprellten Urlaubern heldenhaft ihre Ferien rettet. Der ist zwar Privatpilot, konnte aber in diesem Fall wenig Erhellendes beitragen.

Aber so ist Fernsehen. Über einen Bilderteppich wird ein Plapperteppich geschaltet, Hauptsache irgendwer redet irgendwas. Das habe ich dann auch getan, als ich endlich wieder dran war, und glaube trotzdem, als einziger ein paar sinnvolle Fakten beigetragen zu haben. Kaum hatte ich die Faktenlage erklärt, ging die nächste Frage der entgeisterten Moderatorin wieder nach Washington. "Wie kann es sein dass der Aviation Herald mehr weiß als die Presse?", fragte sie den düpierten Hauptstadtkorrespondenten, der eben noch wortreich sein Nichtwissen begründet hatte.

Trümmer-Kommentator ist ein undankbarer Job. Wenn die Trümmer noch rauchen, weiß niemand etwas Belastbares zu sagen, alle Offiziellen mauern in solchen Momenten. Da hat man die Deutungshoheit zunächst für sich, was aber leicht zu voreiligen Schlüssen verleitet, die man später bereut. Vernünftige Menschen halten einfach den Mund in solchen Momenten. Doch ich bin Journalist mit gewisser Fachkenntnis und finde, ich sollte zumindest versuchen, dieses Vakuum ein wenig mit Hintergrundwissen zu füllen. Besser als vielleicht völligen Laien das Feld zu überlassen, denn irgendwer redet immer in die Mikrofone.

Doch auch für mich ist das ein Lernprozess. Erstmals war ich nach dem Concorde-Absturz 2000 auf allen Sendern, weil sich in Deutschland niemand sonst mit dem Überschallflieger auskannte. Nach dem Flugzeug-Zusammenstoß bei Überlingen 2002 äußerte ich ebenfalls auf n-tv die (falsche) Vermutung, vielleicht hätte es bei dem russischen Piloten ein Problem bei der Umrechung von Metern (wie in russischen Cockpits gebräuchlich) in Fuß gegeben. Das habe ich spätestens bereut, als ich Stunden später zu Hause einen Anruf bekam. "Sind Sie därr Luftfahrtjournalist?", bellte mich ein aggressiver Anrufer mit russischem Akzent an. Ich verneinte vorsichtshalber und legte auf, befürchtete schon vor dem Haus stünde ein russisches Rache-Kommando.

Auch am vergangenen Samstag erhielt ich einen Anruf nach Ende meiner Liveschaltungen. Diesmal war es ein recht freundlicher Herr mit österreichischem Akzent. "Herr Spaeth, haben Sie gerade während des n-tv-Gesprächs onaniert?," fragte er im Plauderton, "Sie klangen so abgehackt". Das machte selbst einen hartgesottenen Trümmer-Kommentator sprachlos. Aber das ist wohl Berufsrisiko, es hat mich ja keiner gezwungen ins Fernsehen zu gehen.

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u.a. Süddeutsche Zeitung, FAZ, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). Für Deutschlands führendes Luftfahrtportal airliners.de schreibt er die Spaethfolgen-Kolumne.

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