Wider die schwarz-weißen Grabenkämpfer

Der DJV hat MEEDIA vorgeworfen, "platte Verleger-PR" zu betreiben. Anlass war ein Beitrag über eine geplante, aber noch nicht beschlossene Umstrukturierung beim Nordbayerischen Kurier. Weil wir den Geschäftsführer Michael Rümmele befragt hatten, wie er die möglichen Veränderungen im Unternehmen begründet – und weil wir die (Kommunikations)Politik der Gewerkschaft BJV kritisiert haben. Das Schwarz-Weiß-Denken in der Verlagsbranche führt nicht weiter – außer in eine Sackgasse. Ein Kommentar.

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Der DJV hat MEEDIA vorgeworfen, "platte Verleger-PR" zu betreiben. Anlass war ein Beitrag über eine geplante, aber noch nicht beschlossene Umstrukturierung beim Nordbayerischen Kurier. Weil wir den Geschäftsführer Michael Rümmele  befragt hatten, wie er die möglichen Veränderungen im Unternehmen begründet – und weil wir die (Kommunikations)Politik der Gewerkschaft BJV kritisiert haben. Das Schwarz-Weiß-Denken in der Verlagsbranche führt nicht weiter – außer in eine Sackgasse. Ein Kommentar. 

Einen "Bärendienst" hätte ich dem Ansehen von MEEDIA erwiesen, schrieb DJV-Sprecher Hendrik Zörner über meinen Artikel "Die können mich ruhig teeren und federn". Ich sage: Ganz im Gegenteil, Herr Zörner. Wenn wir die Pressemitteilung des BJV über mögliche Umstrukturierungen beim Verlag des Nordbayerischen Kurier einfach nur übernommen hätten – der BJV, DJV und alle anderen Journalistenverbände wären zufrieden gewesen. Sie sind es nämlich gewohnt, dass ihre nicht gerade wenigen Pressemitteilungen eilfertig von den Branchendiensten übernommen werden. Weil es ständig etwas zu kritisieren gibt. Und Kritik wird geklickt. Wenn umgekehrt die Verlagsvertreter ihre Mitteilungen verbreiten, läuft die Sache andersherum. Mitteilung samt Statements werden abgepinnt, veröffentlicht – fertig. Undsoweiter undsofort.
Mal abgesehen davon, dass in dem Beitrag sowohl Statements von Beteiligten wie eine Kommentierung meinerseits zu lesen waren (ja, so machen wir das ganz bewusst, auch wenn es nicht der reinen Lehre entspricht) – die Reaktion des DJV auf meine Kritik am Verhalten des BJV war bezeichnend. Weil ich nicht davon überzeugt bin, dass die (noch nicht beschlossenen) Pläne des Geschäftsführers Rümmele für den Nordbayerischen Kurier Verlag den Untergang der Zeitungskultur und die Prekarisierung der Mitarbeiter bedeutet, betreibe ich "platte PR" für die Verleger. Ganz klar: Bist du nicht mit uns (oder hältst wenigstens den Mund), dann bist du gegen uns. So einfach kann man es sich machen. Ganz am Rande: Wir kritisieren Verleger auch mal, zuletzt zum Beispiel hier.

Um damit also auch diesen Punkt anzugehen: Nicht alles, was Verlage und ihr Management so anzetteln und planen, ist wirklich innovationsverdächtig. Das ist doch gar keine Frage. Da wurde die Entwicklung des Online-Journalismus lange verpennt, dann geblockt. Und was in diesen Tagen ein großes Medienunternehmen wie die WAZ-Gruppe (aka Funke-Mediengruppe) betreibt, hat mit Journalismus oder der Zukunft desselben nicht unbedingt viel zu tun. Leider. Die Reaktion des DJV-Sprechers Zörner auf meine Einlassungen bestätigt (ebenso: leider) meine Erfahrung, dass sich im Binnenverhältnis Verlage – Gewerkschaften/Betriebsräte in den vergangenen Jahren wenig bis gar nichts verändert hat. Es regiert das schwarz-weiße Denken.

Es wäre an der Zeit, die Grabenkämpfe zu beenden. Zwar wird von interessierter Seite viel geschrieben und geredet über die immer noch "stattlichen" Renditen der Tageszeitungsverlage. Vereinzelt mag das so sein. Doch es ist jetzt allerhöchste Zeit, neue Strukturen zu schaffen, die Verlage zu Medienunternehmen machen. Wenn solche Pläne von vornherein per Pressemitteilungen gegeißelt werden, mit vorgestanztem Phrasenmaterial à la "Für den Verlag zählen dabei nicht publizistische Vielfalt und Qualität, sondern allein Rendite und Profit", dann dient das nicht der Sache, sondern allein der Verteidigung eines Images. In diesem Fall manövriert sich der BJV aber geradewegs in eine Sackgasse.

"Publizistische Vielfalt und Qualität" auf der einen, "Rendite und Profit" auf der anderen Seite. Wer die Verlags- und Medienwirtschaft so sieht, hat natürlich ein Problem mit Veränderung. Dass es heute das Ziel sein muss, on- und offline ein Gleichgewicht dieser Begriffspaare herzustellen, sollte eigentlich bekannt sein. Qualität kostet Geld, schon klar. Und Qualität, siehe Financial Times Deutschland, führt nicht mehr zwingend zu mehr publizistischer Vielfalt. Doch das Qualität auch Rendite bedeuten kann, das ist in der vom BJV verbreiteten Mitteilung nicht vorgesehen.

Was den Nordbayerischen Kurier und Michael Rümmele angeht: Der Geschäftsführer hat Chefredakteur Joachim Braun den Redaktionsetat in den vergangenen drei Jahren nicht gekürzt, sondern diesen erhöht, hat Braun u.a. die Einstellung eines Social Media-Redakteurs genehmigt. Nun muss das nicht bedeuten, dass in Bayreuth alles eitel Sonnenschein ist. Doch es zeigt doch zunächst einmal, dass hier ein Verlag nicht mit dem Rasenmäher kaputtgespart wird, sondern dass eine Zeitung mit einer vergleichsweise kleinen Auflage von 35.000 Exemplaren den Transformationsprozess eingeläutet hat. Die Annahme, dass eine Zeitung nur dann ein ehrliches Zeitungshaus nach altem Schrot und Korn sein kann, wenn Verlagsmanagement und Chefredakteur miteinander verfeindet sind, ist Denken aus der Steinzeit. Was natürlich nicht bedeutet, dass beide Seiten nicht übers Budget miteinander verhandeln müssen, bis es raucht. Das soll so sein, das muss so sein, das wird hoffentlich so bleiben.

Wenn es mir also auf gewisse Art imponiert hat, wie offen Herr Rümmele im Telefonat mit mir war, was die Zukunft der Branche angeht (er hat auf eine Autorisierung der Zitate übrigens verzichtet, was auch keine Selbstverständlichkeit ist), dann hat es mich umgekehrt befremdet, dass der BJV in seiner Mitteilung von einer Kürzung der redaktionellen Kosten um 15 Prozent schreibt, dafür aber anscheinend keinen Beleg hat. Wie es auch nicht ganz nachvollziehbar ist, dass ein persönliches Gesprächsangebot Rümmeles an den BJV zwar nach einer Weile angenommen wurde – die Pressemitteilung dann aber trotzdem erstmal rausgehauen wurde, bevor überhaupt Fakten geschaffen und Positionen ausgetauscht wurden. Das machen zwar hin und wieder Medien so – aber Gewerkschaftsvertreter sollten das aus rein strategischen Gründen besser vermeiden.

Nun bin ich nicht der Verteidiger von Michael Rümmele, will das auch gar nicht sein. Jutta Müller vom BJV, die ich für meinen Beitrag über den Kurier genauso befragt habe wie den Geschäftsführer Michael Rümmele (auch sie verzichtete auf eine Autorisierung), sprach von einer "Spirale nach unten", die durch den Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag in Gang gesetzt werde. Diese Furcht ist nicht ganz unbegründet, gar keine Frage. Doch ob diese Spirale wirklich nur durch das Festhalten am tradierten Tarifwerk vorm Abwärtsdrehen bewahrt werden kann?

Der Journalistenberuf hat sich als Folge der Internet-Revolution gleich mit revolutioniert. Nicht immer zur Freude der etablierten Journalisten. Ganz neue Berufsbilder sind in den vergangenen Jahren entstanden. Aktuell bemühen sich nach vorn orientierte Medienunternehmen, Programmierer und Entwickler einzustellen. Redakteure, die noch alte Tarifverträge haben, wollen aus nachvollziehbaren Gründen keine Abstriche vom bisher Erreichten machen. Das sollen sie auch nicht. Was aber, auch aus Rücksicht gegenüber jungen Kollegen mit völlig verändertem Jobprofil, erreicht werden muss: Verlage müssen jungen Talenten Möglichkeiten eröffnen können, damit sie selber handlungsfähig bleiben. Um nichts anderes geht es heute: Verlage brauchen den Handlungsspielraum, einen Umbau (nicht Abbau) gestalten zu können. Und hier ist auch die Veränderungsbereitschaft der Mitarbeiter in Verlagen und Redaktionen gefragt.

Ja, das klingt natürlich gleich wieder nach fürchterlicher "Verleger-PR". Genau mit solchen Formulierungen wird Renditefixierung kaschiert, wird es nun heißen. Ehrliche Antwort: Teeren und federn Sie mich ruhig. Es ändert nichts an der Tatsache, dass wir uns in der Branche alle auf noch viel heftigere tektonische Verschiebungen gefasst machen müssen. Ruhiger wird’s nicht mehr, bequemer auch nicht. Und das wäre auch meine Bitte an diejenigen, die mir "platte Verleger-PR" unterstellen: Denken Sie doch einfach mal unbequem. Damit fängt Veränderung und Innovation nämlich an.

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