Prism & Co: Wir Daten-Ignoranten

Prism, Tempora, Boundless Informant - die atemberaubenden Enthüllungen zu den scheinbar allumfassenden Überwachungsprogrammen des US-Geheimdienstes NSA sorgen für Diskussionen und Kritik. Im Alltagsleben lassen uns die Daten-Spionierereien der Amerikaner aber erstaunlich kalt. Für das bisschen Privatsphäre ist kaum jemand bereit, sein schickes neues iPhone wegzuwerfen oder lieb gewonnene Kommunikations-Gewohnheiten zu ändern. Wir erleben die Ohn-Macht des Wissens.

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So ein Smartphone, das ist fein. Das Ding hat eine eingebaute Navigationssoftware, die immer weiß, wo ich mich aufhalte. Apps zeigen mir die nächste billige Tankstelle und das nächste gute Thai-Restaurant in der Stadt. Auf einen Blick sehe ich, von wo meine Freunde ihre Urlaubsfotos gerade bei Facebook “geteilt” haben. Das Smartphone ist Taschenrechner, Taschenkalender, Taschencomputer, Taschenfernseher, Taschen-Lebens-Organisator. Oder, wie es in der Werbung von Samsung heißt: Life-Companion – Lebens-Begleiter. Ein Begleiter, an den wir uns sehr gewöhnt haben.

Auch zuhause nutzen wir gerne die Gratis-Dienste von Facebook, Google und Microsoft. E-Mail-Adressen für umsonst, mit massig Speicher und zuverlässig. Online-Office-Tools, Videochat mit Kollegen – kostet alles nix und klappt gut. Die schlaue Maschine weiß sogar immer was ich suche, noch bevor ich zu Ende getippt habe. Auto-Vervollständigung heißt das. Die Ex-Frau eines Ex-Bundespräsidenten hat deswegen gegen Google geklagt, weil die Suchmaschine mit ihren Algorithmen immer unschöne und falsche Rotlicht-Gerüchte über sie autovervollständigt hat.

Und jetzt kommt eben raus, dass nicht nur Google genau weiß, was ich so suche, sondern halt auch die NSA und Gottweiß wer sonst noch. Systematisch haben die Schlapphüte2.0 im Internet und via Telefon so ziemlich alles an Infos abgegriffen und gespeichert, was sie kriegen konnten. Und tun es noch. Das Wesen der Geheimdienste: in privaten Dingen rumschnüffeln, Daten sammeln, katalogisieren, auswerten. Für besonders skrupulöses Verhalten waren diese Herren noch nie bekannt – auch nicht in der Vor-Internet-Ära. Davon kann man sich mit den Romanen u.a. von John le Carré ein ganz gutes Bild machen.

Es gibt heute aber zwei Unterschiede zu dem, was immer schon war: Erstens versetzt die moderne Informationstechnik die Geheimdienste in die Lage mehr oder weniger Alles zu überwachen, zu speichern und auszuwerten. Es gibt keine Technik- oder Kapazitätsbeschränkungen mehr. Das bedeutet eine grenzenlose und gleichsam entgrenzte Überwachung. Und zweitens bekommen wir – ebenfalls wegen dem entgrenzenden Wesen der Informationstechnik – plötzlich sogar mit, dass dies geschieht. Früher wurden relativ wenige Menschen überwacht und noch weniger haben davon etwas mitbekommen. Heute werden wir alle überwacht und dank Prism-Informant Edward Snowden wissen wir das jetzt auch.

Die geheimen Machenschaften der Geheimdienste sind also plötzlich nicht mehr geheim, sie liegen offen da. So wie das früher vielleicht auch geheim gebliebene Schwarzgeld-Konto eines – sagen wir mal – Uli Hoeneß jeder kennt. So langsam bekommen wir eine Ahnung dafür was es bedeutet, im Informationszeitalter zu leben. Transparenz wird immer wieder gerne gefordert, manchmal wird sie einfach hergestellt. Aber was für Schlüsse ziehen wir daraus, was bedeutet das alles für uns?

Es ist leicht, sich über dieses abstrakte Thema Daten-Schnüffelei aufzuregen und sehr schwer, echte Konsequenzen zu ziehen. Das Gewohnheitstier Mensch will sein iPhone oder Galaxy-Handy behalten. Der Alltag ist schon kompliziert genug mit Work-Life-Balance, fehlenden Kita-Plätzen und daheim hockt die kranke Oma. Da will man sich nicht auch noch damit auseinandersetzen müssen, was die Schlapphüte aus Übersee über mich so zusammenspeichern. Das beliebteste Argument, warum man Prism und Co. zwar nicht gut findet, aber auch nichts dagegen unternimmt, lautet sinngemäß: Mein langweiliges Zeug können die ruhig abhören; ich plane ja keinen Terror-Anschlag.

Das Argument brachte – in leicht abgewandelter Form – auch Markus Lanz in seiner gelungenen Sendung zum Thema. Die Geheimdienste wollten doch nur “schlimme Finger” fangen mit ihrer ganzen Abhörerei. Ja, entgegnete da der Internet-Aktivist und frühere Wikileaks-Mitarbeiter Daniel Domscheit-Berg, das möge wohl so sein. Die Frage sei aber, wer denn genau definiere, wer oder was ein “schlimmer Finger” ist. Beziehungsweise: Wer weiß, ob in einigen Jahren irgendetwas heute Gesagtes nicht dazu führt, dass man plötzlich auf der Schlimmer-Finger-Skala der NSA oder wem auch immer in den roten Bereich rutscht? Man weiß es nicht. Die Geheimhaltung aus Zeiten des Kalten Krieges ist perdu. Wir wissen heute so viel mehr als früher und doch immer noch eigentlich gar nichts. Wissen ist nicht immer Macht, manchmal bedeutet Wissen auch Ohnmacht. Daher kommt unsere Ignoranz gegenüber der ganzen Datenfischerei. Sie ist ein Selbstschutz-Mechanismus.

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