„Lindenstraße“ laufen die Zuschauer davon

Es ist still geworden um die "Lindenstraße". Erzeugte die Serie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Skandale, sorgte für Gesprächsstoff und gehörte so zum Sonntag wie der "Tatort", gibt es heute kaum noch Berichte, die für Aufmerksamkeit sorgen. Auch in der Zuschauergunst hat die Serie in den vergangenen Jahren extrem verloren. Seit fast einem Jahr erreichte sie nicht mehr das Marktanteils-Normalniveau des Ersten. Die Serie steht vor einer ungewissen Zukunft.

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Als die Serie im Dezember 1985 startete, war sie ein großes TV-Ereignis. 1987 sahen aus heutiger Sicht unfassbare Massen zu – bis zu 14,93 Mio. Auch in den folgenden Jahren gab es viele Episoden mit mehr als 10 Mio. Sehern, selbst im Jahr 1993 noch. Die Marktanteile lagen Anfang der 1990er-Jahre noch bei mehr als 50%, die "Lindenstraße" war ein riesiges Massenphänomen.

Noch heute sind die Aufreger der damaligen Zeit in den Köpfen verankert: Der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen, die Scheidung der Beimers, Themen wie AIDS, Rechtsextremismus, Drogen oder häusliche Gewalt, die eigentlich nicht in die heile Welt einer Serie passten, wurden bewusst thematisiert. Und der Erfolg gab den Machern um Hans W. Geißendörfer recht. Zwar fielen die Zuschauerzahlen auch in den ersten Jahren schon – von fast 11 Mio. im Jahres-Durchschnitt 1987 unter die 10 Mio. im Jahr 1989, unter die 8 Mio. im Jahr 1992, doch auch das waren ja Zahlen, die heutzutage kaum ein regelmäßiges TV-Programm noch erreicht.

Einen großen Schritt nach unten gab es Ende der 1990er Jahre, als innerhalb von drei Jahren von den 6,78 Mio. Zuschauern nur noch 4,68 Mio. übrig blieben. Geißendörfer ließ sich dann irgendwann zur Aussage hinreißen, die 4 Mio. seien eine Schmerzgrenze, bei der man über die Zukunft der Serie nachdenken müsse. Kurz gefasst: 4 Mio. Zuschauer hat die "Lindenstraße" seit Februar 2011 nicht mehr erreicht. Denn auch seit dem Jahrtausendwechsel geht es Jahr für Jahr, Schritt für Schritt weiter nach unten.

Besonders dramatisch: Bei den Marktanteilen erreichte die "Lindenstraße" seit mehr als einem Jahr nicht mehr den aktuellen 12-Monats-Durchschnitt des Ersten von derzeit 12,4%. Ende 2012 gab es sogar sieben Folgen, die unter der 10%-Marke lagen. Womöglich ist der Hauptgrund für den Niedergang der Quoten dabei gar nicht so sehr die Serie selbst als vielmehr die Veränderung der Gesellschaft. Die großen Aufregerthemen werden seltener, zudem verschwinden sie immer schneller wieder aus der Öffentlichkeit, weil die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Eine Serie, die auch die großen gesellschaftlichen Themen aufgreifen will, hat es da schwer, nicht altmodisch zu wirken.

Nun ist die Quote für einen öffentlich-rechtlichen Sender nicht das entscheidende, schon gar nicht das einzige Kriterium bei der Diskussion über die Zukunft eines Programms. Doch insbesondere bei Unterhaltungsprogrammen muss sich eben auch die ARD daran orientieren, was der Masse gefällt. Und wenn eine Serie wie die "Lindenstraße" diesen Geschmack kaum noch trifft, dann könnte in nicht allzu ferner Zukunft eine Entscheidung fallen, die die verblieben Fans traurig machen dürfte.

Zugute kommen dürfte der "Lindenstraße", dass sie sehr früh die Chancen des Internets genutzt hat. Die Website war schon vor Jahren vorbildlich – mit Videos der Folgen und umfangreichem Begleitmaterial. Bei Facebook hat man immerhin 142.000 Fans und auch eine "Lindenstraßen"-App gibt es inzwischen. Ob die Zuschauer, die man dort erreicht, aber die Verluste im linearen Fernsehen ausgleichen können, ist fraglich – und bis zur Integration solcher Zahlen in die GfK-Quoten auch nicht seriös zu sagen.

Eins ist auf jeden Fall klar: Bis Ende 2014 läuft der aktuelle "Lindenstraßen"-Vertrag mit der ARD noch. Ein bisschen Zeit für die Entscheidung über die Zukunft des Serien-Klassikers ist also noch.

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Alle Kommentare

  1. Hallo ! Seit etwa in den 80erJahren, also schon immer, schaue ich die Lindenstraße. Aber seit einiger Zeit überlege ich mir Sonntags immer, ob ich weiterhin gucken soll. Was Sie da seit langer Zeit bringen ist einfach nur noch
    an den Haaren herbei gezogen, absolut keine Realität mehr. Schade !!!! Aber so ist unser Leben nicht, das sind einfach total überzogene Probleme, wirklich nicht mehr schön zum anschauen. Ein bisschen mehr heile Welt wäre doch viel schöner. Wenn es so weiter geht, werde ich echt nicht mehr gucken auch meine ganzen Bekannten und das sind sehr viele, schimpfen nur noch, das ist wirklich nicht das normale Leben. Ich hoffe viele beschweren sich, damit sich was zum positivenverändert oder Sie können die Serie absetzen.
    Freundliche Grüße von einer treuen Zuschauerin, Margarete Seifert.

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