Spiegel: Wolfgang Büchners Chef-Credo

Am Montag sprach der designierte Spiegel-Chef Wolfgang Büchner in einer Ressortleiterrunde über seine Vorstellungen zur Positionierung des Nachrichtenmagazins. Im Kern will Büchner laut Teilnehmern der Runde das Blatt härter, politischer und nachrichtlicher machen. Schön geschriebene Geschichten seien "nice to have", starke Geschichten dagegen die Essenz. Seine grundsätzlichen Überlegungen zur Zukunft des Journalismus hatte Büchner bereits in einem Vortrag skizziert, der MEEDIA vorliegt.

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Die Rückmeldungen aus der Spiegel-Redaktion kamen prompt: Wohl kaum ein Kollege aus der Redaktion habe etwas dagegen, wenn der neue Chefredakteur Wolfgang Büchner Elternzeit nehme, sagte ein Redakteur gegenüber MEEDIA, der namentlich nicht genannt werden will. Die Berliner Zeitung hatte zuvor eine abfällige Bemerkung eines Redakteurs zitiert. Wohl aber herrsche, so heißt es intern an anderer Stelle, eine "gewisse Ratlosigkeit" in der Redaktion, wie die Zukunft des Blatts aussehen könnte. Es gehe nicht nur um ein modernes Image, sondern auch und vor allem darum, dass sich der Spiegel politisch positionieren müsse.
Dieser Wunsch steht nicht im Widerspruch zu dem, was Büchner in der Ressortleiterrunde, in der Print- und Onlinekollegen beisammen saßen, über seine Vorstellungen gesagt haben soll. Wie beispielsweise, dass Rückenschmerz-Titelgeschichten vielleicht für die Auflage gut seien, auf das Image des Nachrichtenmagazins aber nicht einzahlten. Dass ein Kommentar ihm lieber als ein Essay sei. Am Layout des Spiegel übte Büchner ebenfalls Kritik – offenbar ist es ihm zu wenig unterscheidbar und zu nah dran an Illustrierten-Optiken.
Digitalisierung ist kein Wert an sich
Den künftigen Kollegen, mit denen er am Montag zusammen saß, hatte Büchner zuvor ein Redemanuskript zugeschickt. Unlängst hatte der bisherige Chef der Nachrichtenagentur dpa nämlich einen Vortrag bei der Kommunikationsagentur FischerAppelt gehalten, in der er gewissermaßen sein journalistisches Credo offenlegte. Einer der Kernsätze des Vortrages, der MEEDIA vorliegt, lautet: "Wir müssen uns auf eine neue Art und Weise um die Informationsbedürfnisse unserer Leser kümmern – sie wahrnehmen, verstehen und ihnen entsprechende Angebote machen."
Auch wenn manche Aussage Büchners wohl noch aus der Perspektive des dpa-Chefredakteurs formuliert war, lässt sich ein Selbstverständnis herauslesen. Den Begriff der "Digitalisierung" hält Büchner für untauglich bzw. nicht ausreichend, um die Aufgabe zu umschreiben, vor der Medien heute stehen. Digitalisierung sei kein Wert an sich. An der Digitalisierung könne man sich so wie die Piraten berauschen und darüber die Inhalte zur Nebensache verkommen lassen. Entscheidend seien dagegen Werte, Ziele und Inhalte.
Klassische Medien müssen neue Relevanz entwickeln
Die Haltung mancher Verlagsmanager sei derweil auf eine rein technische Digitalisierung ausgerichtet, der "Umwandlung von paper publishing in e-publishing". Doch dieses Denken, einfach ein ansprechendes digitales Design zu entwickeln, reiche bei weitem nicht aus. Als Beispiel nannte er die "preisgekrönte, aber hinsichtlich ihrer Reichweite und ihrer wirtschaftlichen Entwicklung desaströse E-Paper-Ausgabe der Frankfurter Rundschau". Verlage müssten darum "auf eine andere Art und Weise darüber nachdenken, was sie tun, wie sie es tun und für wen sie es tun".
Warum ein schnelles und konsequentes Umdenken wichtig ist, erklärte Büchner seinen Zuhörern ebenso. Seine Ausführung ist durchaus bemerkenswert, weil sie ein realistisches Bild des Stellenwertes zeichnet, den Medien bei Bürgern haben können, wenn sie nicht schnell und entschieden an ihrer Relevanz und ihrem Nutzen arbeiten. Büchner: "Im Jahr 2013 werden die klassischen Massenmedien immer weniger gebraucht, um Öffentlichkeit herzustellen. Sie werden noch gebraucht, aber es ist ein Szenario denkbar, in dem alle relevanten Personen und Organisationen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Hilfe von Plattformen wie Twitter, Facebook, Google+ etc. direkt miteinander und mit dem Publikum kommunizieren, ohne den Umweg über die klassischen Medien."
"Dialogisierung als zentrale Herausforderung"
Medien müssten darum eine neue Relevanz über ihren journalistischen Auftrag entwickeln, der sich auch mit dem Begriff "Politische Bildung" umschreiben ließe. Ziel sei es, das Publikum "bestmöglich zu informieren". Medien seien keine "Besserwisser", sondern müssten sich verstehen als "Dienstleister, als Scouts im Informationsdschungel, als Organisatoren eines klugen und lehrreichen öffentlichen Gesprächs". Und dann: "Dialogisierung ist die zentrale Herausforderung für heutige Medienmacher."

In eben einen solchen Dialog muss Büchner nun mit seinen neuen Kollegen beim Spiegel treten. Vor allem die stärkere Zusammenarbeit von Print- und Online-Redakteuren wird eine zentrale Herausforderung. Hier herrschen im Haus völlig unterschiedliche Kulturen. Büchners Vortrag ist sicher kein Masterplan für den Umbau des Spiegel. Eine Art Glaubensbekenntnis, auf dessen Basis ein solcher Plan entstehen kann, lässt sich daraus aber sehr wohl ableiten.  

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