Anzeige

JFKs Berlin-Besuch: Der vertwitterte Tag

Wie lässt sich ein historisches Ereignis, das 50 Jahre zurückliegt, journalistisch aufbereiten? Die Berliner Morgenpost hat den Besuch von John F. Kennedy im Jahr 1963 zum Anlass genommen, das einmal durchzuspielen. Das Ergebnis: Mit Vorlauf können Tageszeitungen mit entsprechenden Ressourcen ansehnliche multimediale Themenpakete produzieren. Die gedruckte Zeitung liefert zwar klassisch den meisten Stoff, doch das beste Feature ist die Rekonstruktion des Tages per Twitter.

Anzeige
Anzeige

Zeitungsredaktionen, ob groß oder klein, haben Themenspecials natürlich schon lange drauf. Ob nun die 1000-Jahr-Feier der Stadt, der Besuch des Papstes oder eine Festivität – da wird flugs ein Themenplan zusammengestellt, werden Seiten aufgerissen und nach ein paar Wochen ist das Ding produziert. Schwerer wird’s, wenn ein Special auch im Internet eine Rolle spielen soll. Woran man als Redaktion ja nicht mehr vorbeikommt.   
Die Morgenpost-Crew um Chefredakteur Carsten Erdmann hat mit dem Kennedy-Special gute Arbeit geleistet. Im Blatt werden auf 28 Seiten tatsächlich interessante Stories ausgegraben und Interviews geführt. Inklusive des Eingeständnisses von Noch-US-Botschafter Phil Murphy, die Wikileaks-Enthüllungen seien eines der "schlimmsten Erfahrungen" seines Lebens gewesen. Im Vordergrund stehen Menschen, natürlich. Ideen wie die Visualisierung des Spruchs "Ich bin ein Berliner" durch Werbeagenturen oder eine Facebook-Seite "Berlin 2063" sind nicht ganz neu, aber für eine Tageszeitung sehr nah dran am Anspruch, zu einem Tages-Magazin zu werden.
Im Netz wiederholt die Morgenpost ihr Feature vom Obama-Besuch: Die Rede von Kennedy wird in einem Video gezeigt, darunter ist der Text in Übersetzung zu lesen, wiederum daneben eine Analyse des Gesagten. Das ist nicht nur für Historiker eine sehr anschauliche und technisch nicht zu aufwändige Art, Geschichte lebendig werden zu lassen. Noch spannender wäre es, wenn auch Nutzer die Rede annotieren könnten, doch das würde vermutlich schnell unübersichtlich. Zeitzeugen werden in einem Videobeitrag vorgestellt, eine Karte mit Orten auf der Welt, die auch "Berlin" heißen, ist ebenfalls im Paket. Interessanterweise wurde die Karte in der gedruckten Zeitung schöner aufbereitet als im Web.
Das charmanteste Feature ist die Rekonstruktion des Tages, an dem Kennedy nach Berlin kam, per Twitter. Chronologisch genau erzählt die Redaktion nach, was am 26. Juni 1963 geschah. Manchmal mit Links zu historischen Fotos, manchmal sogar mit Vine-Kurzvideos. Die Texte sind nicht dröge nacherzählend, sondern versuchen, die Atmosphäre des Tages aufzunehmen, so wie hier: "Am Zoo steht ein Tierpfleger mit zwei Schimpansen. Sie ahmen die aufgeregten Menschen nach & winken ebenfalls." Das Hashtah ist #JFK50. Auch an diesem Beispiel zeigt sich, wie Twitter sinnvoll für journalistische Zwecke genutzt werden kann. Solche Ideen finden sich in der deutschen Zeitungslandschaft viel zu selten.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*