Medien-Drohnen: die Spielzeug-Aufklärer

Wenn von Drohnen die Rede ist, muss nicht unbedingt ein Millionen-Debakel mit militärischen Spionagewerkzeugen gemeint sein. Es gibt auch zivile Drohnen, die beispielsweise in Elektronikmärkten zu kaufen sind. In diese unbemannten Flugobjekte setzen einige Medienmacher große Hoffnungen – sie könnten bei Naturkatastrophen, Unfällen oder sonstigen breaking news eingesetzt werden, um Bilder und Videos zu ergattern. Das Problem: Was in der Theorie gut klingt, bleibt ein bisher nicht eingelöstes Versprechen.

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Erst vor wenigen Tagen wurde auf dem Gezi-Park in Istanbul eine zivile Drohne von der Polizei abgeschossen. Die Süddeutsche Zeitung interviewte dazu die Piloten des Flugobjekts. Die Drohne hatte Luftbilder von den Protesten auf dem Platz gesammelt, die dann von den beiden Männern ins Netz gestellt wurden. Die Piloten ziehen es vor, anonym zu bleiben. Insbesondere bei unübersichtlichen Geschehen, wo Reporter die Szenerie nicht überblicken können, oder wo sie davon abgehalten werden sollen, diesen Überblick zu bekommen, liegt das Potenzial von zivilen Drohnen auf der Hand. Bereits vor einem Jahr wurde die Nützlichkeit von Drohnen hoch gehandelt, bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Schon ist die Rede von einer neuen Truppe im Journalismus, den "Dronalists".
Nun setzte der News Summit des Global Editors Network (GEN) das Thema wieder auf die Agenda. Eine Reihe von Medienmachern präsentierte in Paris ihre Experimente mit UAVs (die Abkürzung steht für "unmanned aviation vehicles"). Fazit: Die unbemannten Flugobjekte haben großes Potenzial, doch wirkliche journalistische Ergebnisse hat bisher kein Medium vorzuweisen. Warum? Es gibt legale Hürden, die mindestens so hoch sind wie die Sicherheitsrisiken groß. Entfernt erinnert die Drohnen-Debatte an das Thema Augmented Reality: Drohnen versprechen eine Menge, doch eingelöst werden diese Hoffnungen bisher in keiner Weise. Aus Spielzeugen könnten zwar irgendwann einmal wertvolle Werkzeuge für Journalisten werden. Doch an diesem Punkt sind wir noch nicht ansatzweise angekommen.
Die Vorteile von UAVs sind evident: Sie sind deutlich billiger als ein Einsatz von Flugzeugen oder Hubschraubern. Sie sind sehr leicht und flexibel. "Atemberaubene Bilder" seien mit UAVs möglich, sagte beispielsweise BBC News-Journalist Guy Pelham. Die Fluggeräte können für Journalisten, die in Krisengebieten unterwegs sind, zudem eine Art Vorhut bilden und damit ihre Arbeit ein stückweit sicherer machen. Darum lehnt Pelham die Bezeichnung Drohne auch ab, weil diese zu sehr an militärische Maschinen erinnere.
Dennoch sind die Gründe, die derzeit noch gegen einen Einsatz von UAVs sprechen, gravierend:
Die UAVs sind zwar leicht, aber ein Absturz aus großer Höhe kann gefährlich werden. Die Sicherheitsrisiken sind so groß, dass auf eine unsachgemäße Bedienung beispielsweise in England fünf Jahre Gefängnis stehen können, sagte Nic Pinks, bei der BBC für Forschung und Entwicklung zuständig. Schnell könnten Medien ihren Ruf ruinieren.
Der Ruf kann ebenso dahin sein, wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entstünde, dass Medien mit UAVs Menschen ausspionieren wollen. Der Schutz der Privatsphäre und das Recht am eigenen Bild sind sensible Themen, die ebenfalls schnell ins Spiel kommen, wenn über zivile Drohnen gesprochen wird. Für Medienanwälte ergibt sich damit gleich ein ganz neues Feld, sagte der Medienissenschaftler Robert Picard.
Der kommerzielle Einsatz von UAVs ist aus beiden Gründen nur sehr begrenzt möglich oder sogar unmöglich. In der Theorie ist das Potenzial auch aus Sicht von Journalisten riesig – in der Praxis muss aber erst einmal die jeweilige Luftaufsichtsbehörde eines Landes eine Erlaubnis zu einem Einsatz erteilen. Und dann gibt es ja noch zahlreiche andere Organisationen, die ebenfalls auf einen Einsatz von UAVs scharf wären – etwa die Polizei, Menschenrechtsaktivisten oder Naturschutzorganisationen.
Ein UAV ersetze nicht den Journalisten "auf dem Boden", sagte Mark Corcoran von der australischen ABC, der wie die BBC-Kollegen mit zivilen Drohnen experimentiert hat. Medien setzten in der Regel auch keine Geräte der ersten Generation ein. Deren Entwicklung bis zur Marktreife sollte Startups überlassen werden. UAVs würden einmal "sehr nützlich für Journalisten" werden, sagte Corcoran dann aber auch. Nur wann, das konnte er nicht sagen. Eine Ausbildung von Drohnen-Piloten würde sich darum fürs Erste auch nicht lohnen.

MEEDIA ist Medienpartner des GEN News Summit

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