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„Eine Rede aus Phrasen und Hülsen“

Vom Messias zum Macher, vom Retter zum Realisten: Die Presse zeigt sich ernüchtert über den Auftritt von US-Präsident Barack Obama in Berlin. Zweifelsohne sei er nach wie vor ein begnadeter Kommunikator, doch die Euphorie sei längst nicht mehr so groß wie bei seinem letzten Berlin-Besuch. "Da sprach kein Heilsbringer, sondern ein Politiker, der weiß, was er einem Berliner Publikum schuldig ist.” Die Pressestimmen zum Berlin-Besuch im Überblick.

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Daniel Haufer von der Frankfurter Rundschau: "US-Präsident Obama macht es den Deutschen also längst nicht so leicht, ihn zu lieben, wie es der Kandidat Obama vor fünf Jahren getan hat – obwohl er sich weitgehend treu geblieben ist. Zu hoch waren die Erwartungen, die er mit seinen rhetorisch brillanten Reden geweckt hatte, zu verlockend die Vorstellung, dass nach dem kriegerischen, konservativen und kulturlosen Bush endlich ein liberaler, intellektueller und friedliebender Mann ins Weiße Haus einziehen würde."

Ines Pohl in der taz: "Eine Rede aus Phrasen und Hülsen. Eine Enttäuschung für jene, die gehofft hatten auf … Ja, worauf eigentlich? Offensichtlich gibt es ihn nicht mehr, diesen Satz für die Geschichtsbücher, der den amerikanischen Anspruch in sich trägt, die westliche Welt zu führen."
Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "Wenn er wollte, denkt doch jeder, der ihn erlebt oder seine hinreißende Autobiografie gelesen hat, dann könnte er. Und zwar so! Also will er nicht. Der vielleicht wichtigste Politiker der Welt hat nichts vor. Das ist eine schreckliche Nachricht."

Hubert Wetzel bei jetzt.de: “Obamas Ansprache wird kaum als eine seiner großen Reden in die Geschichte eingehen. Dafür war sie zu matt. Da sprach kein Heilsbringer, sondern ein Politiker, der weiß, was er einem Berliner Publikum schuldig ist.”

Martin Klingst für Zeit Online: "Vor dem Brandenburger Tor redete jetzt wieder dieser alte Obama. Es trat der Mutmacher-Obama auf, der Hoffnungsträger, der Liberale und Visionär. Es sprach vielleicht sogar der wahre Obama, den man in der Zwischenzeit fast vergessen hatte."
Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel: “Wenn das keine Verneigung vor der neueren Geschichte der Gastgeber ist. Der US-Präsident verzichtet an geschichtsmächtigem Ort, auf der Ostseite des Brandenburger Tors, auf ein Übermaß an Pathos. Ein Gran davon findet sich bei Barack Obama immer, so etwas wie Lasst uns handeln im Geist von Berlin oder Die Mauer ist Geschichte, jetzt lasst uns zusammen neue Geschichte schreiben. Aber das war hier eher der nüchternen Botschaft geschuldet, die doch transportiert werden sollte: Der Arbeitsbesuch des Vormanns der westlichen Welt dient einem Auftrag an alle hüben wie drüben.”
Michael König für Süddeutsche.de: "Obama sagt diese Dinge, die den Enthüllungen des NSA-Whistleblowers Eric Snowden zum Teil krass widersprechen, mit der ihm eigenen Souveränität. Es wirkt, als sei er hier der Hausherr. Als eine deutsche Journalistin später mehrere Fragen an beide stellt, will Obama nicht gleich verstanden haben. Merkel kiekst von der Seite: ‚Zu Guantanamo soll ich was sagen, zu Drohnen du.‘ Die Journalisten lachen, Merkel zuckt schüchtern mit den Schultern."
Martin Knobbe für stern.de: “Die Lockerheit war Obamas beste Antwort auf die angespannte Atmosphäre in seinem Verhältnis zu den Deutschen. Was hätten da schon große Worte geholfen? Der Satz für das Geschichtsbuch? Er hätte ohnehin niemals die Wucht der Kennedy-Worte gehabt, auch nicht die der Sätze eines Ronald Reagan, es war nicht die Zeit dafür, und der historische Hintergrund war auch nicht gegeben.”
Roland Nelles für Spiegel Online: “Vor fünf Jahren jubelten Hundertausende Deutsche Obama an der Siegessäule zu. Jetzt wird er freundlich begrüßt, auch gefeiert. Aber die große Euphorie ist vorbei. Es ist Zeit, Obama als das zu sehen, was er ist: ein Politiker, der natürlich kalkuliert. Aber der sich zugleich um eine bessere Welt bemüht. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.”
Julian Reichelt für Bild.de: “Obama, der Weltverbesserer. Dafür lieben ihn die Europäer. Als er die Rechte der Schwulen anmahnt, klatscht Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit, den Obama ‚Wowirit‘ nennt. Alle Menschen, die frei sein wollen, sagt Obama, ’sind Bürger Berlins.‘ Und er zitiert Kennedys legendären Satz – auf Deutsch: ‚Ich bin ein Berliner.’"
Martina Fietz für Focus Online: “Obamas Rede ist kürzer, als man zunächst erwartet hatte. Er hinterlässt keine euphorisierten Massen wie vor fünf Jahren, als an seine Parole ‚yes, we can‘ geradezu Heilserwartungen geknüpft wurden. Es ist Ernüchterung eingetreten – oder eben Normalität.”
Günter Bannas, Peter Carstens, Mechtild Küpper, Johannes Leithäuser und Majid Sattar für faz.net: “Eher geschäftsmäßig ging es sonst zu. Doch machte die Szene im Kanzleramt noch etwas anderes deutlich. Obama war es, der das Heft des Handelns und Sprechens in der Hand hatte. Er antwortete, wenn Frau Merkel gefragt war. Er gab die Linien vor. Wenn Obama sagte, was er seiner Gastgeberin gesagt habe, war Klarheit geschaffen.”

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