Honorare: Freischreiber kritisieren Zeit-Chef

Die Debatte um die Zeit-Honorare geht in die nächste Runde: Jetzt melden sich die Freischreiber zu Wort und springen der Journalistin Silke Burmester zur Seite. Die hatte mit einem Interview, das sie mit dem Geschäftsführer der Wochenzeitung Rainer Esser geführt hatte, den Stein ins Rollen gebracht. Der Verband fordert, der Verlag möge die Honorare "öffentlich und transparent" machen. Esser wiederum sagt, Burmester habe Sachverhalte "verzerrt" dargestellt.

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Es ist ein Konflikt, wahrscheinlich so alt wie der Beruf des freien Journalisten. Die Kernfragen der Diskussion lauten: Was ist eine angemessene Bezahlung für journalistische Inhalte? Und, zugespitzt auf den Auftraggeber Die Zeit: Ist es vertretbar, dass ein Verlag, der nach eigenen Angaben steigende Gewinne auch in Krisenzeiten zu verzeichnen hat, seine Honorare für Freie nicht entsprechend anpasst, um auch die nicht fest angestellten Mitarbeiter am Erfolg teilhaben zu lassen?
 
Entsprechend lautet ein Kernsatz des Briefes an den Zeit-Geschäftsführer, den der Verband am Dienstag auf seiner Website veröffentlichte: "Das Verhältnis zwischen dem, was Sie zu Recht an Kompetenz, Expertise, Rechercheaufwand, Textqualität von den freien Autoren erwarten, und dem, was Sie bereit sind dafür zu bezahlen, klafft eine geradezu beschämende Lücke."

Gegenüber MEEDIA erklärte eine Verlagssprecherin, dass man sich nicht zu dem Brief äußern möchte. Ausgangspunkt der Debatte war ein Interview in der Wochenendausgabe der taz. Medienjournalistin Silke Burmester, die u.a. für die Zeit schreibt und Mitglied im Verband Freischreiber ist, hatte sich mit dem Verlagsmanager unterhalten und wollte dabei vor allem eines wissen: Warum erhöht der Verlag trotz steigender Gewinne nicht auch die Honorare für seine freien Autoren? Essers Antwort: In den vergangenen Jahren seien sowohl die Redaktion ausgebaut als auch die Ausgaben für Spesen, Gehälter und Pauschalen erhöht worden.

Im weiteren Verlauf des Interviews verteidigte Esser die Honorarpolitik des Verlags – und Burmester hielt weiter dagegen. Schließlich sagte Esser laut der veröffentlichten Fassung: "Die Anzeigenerlöse sind sehr volatil. Einfach zu sagen, hier sind ein paar Millionen mehr, so stellt sich Klein Erna die Verantwortung eines Zeitungsgeschäftsführers vor." Antwort von Burmester: "Dann dankt Klein Erna dem Onkel für das Gespräch." Die Antwort fügte Burmester offenbar erst nach Zusendung der von Esser autorisierten Fassung in das Interview ein. Das Interview selber sei aber, schreibt Burmester in einem Kommentar unter ihrem eigenen Interview, in der Autorisierung zu "80 Prozent" überarbeitet worden.

Ebenfalls in der Online-Kommentarspalte zum Interview äußerte sich Rainer Esser im Nachgang und legte Honorare offen, die Burmester für Beiträge im Zeit Magazin erhalten habe: "Silke Burmester weiß bestens, dass die ZEIT in der Regel deutlich besser zahlt als sie in ihrem Interview behauptet hat. Sie selbst hat für ihre Artikel im ZEITmagazin Honorare zwischen 1.300 Euro und 2.000 Euro erhalten für 9.800 bis 19.800 Zeichen.

 Sie hat wider besseren Wissens, um den Spin ihrer Geschichte zu erhalten, die Dinge verzerrt dargestellt." Darauf antwortete wieder Burmester mit Offenlegung von Honoraren der Zeit – denn das Magazin zahlt offenbar besser als die großformatige Mutter.

Die Freischreiber fordern nun von Esser, er solle auf die Sachebene zurückkehren und seine Behauptung beweisen, Burmester habe unsauber gearbeitet. Gleichzeitig solle er den Originaltext des Interviews freigeben.

Schon jetzt lässt sich absehen, dass auch mit dem Brief und der Replik von Esser das letzte Wort in dieser Sache noch nicht geschrieben und gesprochen wurde. Es geht in der Debatte um Freienhonorare keineswegs nur um die Zeit. Doch genau an einem exponierten Titel, der für hohe journalistische Standards und Qualitätsjournalismus steht, wird nun eine fast exemplarische Debatte zwischen Journalisten und Verlagsmanagern geführt.

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