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Armin Wolf, Liebling aller Journalisten

Medienkonferenzen und Journalistentagungen seien leider zu "Doomsday-Treffen" geworden, sagt Armin Wolf, der gemeinhin als "der bekannteste Journalist Österreichs" gilt. Jetzt avanciert ORF-Mann Wolf zum Lieblings-Optimisten deutscher Journalisten und Internet-Versteher zugleich. Zuletzt sprach der Journalist bei der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche. Endlich mal einer von den "Alten", jubeln die jungen Medienmacher, der das Netz verstanden habe. Der Erfolg von Wolf offenbart einen Mangel an Vorbildern.

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Armin Wolf ist 47 Jahre alt und damit für viele junge Internetjournalisten ein Teil der arrivierten Medienszene. Arrviert, weil ausgestattet mit einem sicheren Job und einem Kollegen-Netzwerk, das auch etwas bequem machen kann. Bequem in der Hinsicht, dass die Möglichkeiten des digitalen Journalismus, die Revolution der Kommunikation durch Social Networks und das Entdecken neuer Erzählformen allenfalls zur Kenntnis genommen werden. Wenn überhaupt.
Einen sicheren Job und ein Netzwerk hat Wolf, er ist Moderator der Nachrichtensendung ZiB2 im österreichischen Fernsehen ORF – also so etwas wie Tom Buhrow, Caren Miosga und Claus Kleber zusammen. Wie es sich für einen Anchorman gehört, hat Wolf journalistische Glaubwürdigkeit, denn er ist gelernter Reporter und führt im ORF regelmäßig gute Interviews.
Nun sind deutsche Medienmacher und Konferenzorganisierer auf Wolf aufmerksam geworden. "Wozu brauchen wir noch Journalisten?" heißt ein Buch, das Wolf Anfang des Jahres veröffentlichte. Das Buch entstand aus einem Vortrag, den der Journalist im vergangenen Jahr als "Theodor-Herzl-Dozent" an der Universität Wien hielt. Die Dozentur trägt den schönen Untertitel "für Poetik des Journalismus". Was insofern klasse klingt, weil Poetik und Journalismus im Alltag schneller Nachrichten nicht viel gemein haben. 
Vortrag und Buch festigten Wolfs Ruf als Journalistenvorbild im Alpenland. Da diese Vorbilder in der ungleich größeren Medienrepublik Deutschland aber auch nicht auf der Straße liegen, spricht Wolf nun auf Podien hierzulande. Zuletzt beim Medienforum NRW und am vergangenen Wochenende beim Netzwerk Recherche. Es sind gleich drei Eigenschaften, die den Mann zu einem Selbstgänger machen. Erstens: Wolf ist Reporter und Journalist aus Überzeugung und das merkt man. Zweitens: Wolf nutzt digitale Medien und sagt, dass diese den Journalismus besser machen. Allein auf Twitter hat er mehr als 85.000 Follower. Drittens: Wolf vertritt durchaus "altmodische" Ansichten, beispielsweise kritisiert er das Verschenken von Journalismus im Netz. Damit holt er sich auch aus Verlegerecke wohlwollendes Nicken.
Es braucht offenbar Journalisten wie Wolf, den noch immer beklagenswert weit klaffenden Graben zwischen "alten " und "neuen" Medien und ihren Machern zu überbrücken. Dieser Graben mag in Deutschland breiter als in anderen Ländern sein, wird doch beispielsweise gerne behauptet, vor allem deutsche Journalisten seien "Twitter-Muffel". Nun gelingt einem wie Wolf das Kunststück, altgediente Medienmacher wie junge Netzreporter und -tüftler für sich zu gewinnen. Die erste Gruppe gewinnt Wolf mit seiner Arbeit, die zweite Gruppe mit der Art und Weise, wie er digitale Medien nutzt beziehungsweise über sie redet.
Eine massive Retweet-Welle erzeugte Wolf beispielsweise mit dem Satz: "Ein Journalist ohne Twitter-Account ist heute so was Ähnliches wie ein Journalist ohne Telefon." Es sei ihm unverständlich, sagte Wolf zu den Teilnehmern der Recherche-Konferenz, "wie ein Journalist auf eine solche Info-Quelle freiwillig verzichten kann." Wolf diagnostiziert auch, "viele etablierte Journalisten" fühlten sich "offenbar bedroht von dem, was da im Netz entsteht, von Bloggern, Wikileaks, von Social Media". Er artikuliert hier etwas, was vor allem die jungen Journalisten selber sagen. Die hören dann Wolf zu, und müssen entsprechend heftig mit dem Kopf nicken: Genau, was ich auch immer sage.

Ein anderer Wolf-Satz mit Kopfnick-Garantie: "Heute ist die Pressefreiheit die Freiheit von 2,7 Milliarden Menschen mit Internetanschluss, ihre Meinung ins Netz zu stellen." Seinen Vortrag beim Netzwerk Recherche postete Wolf am vergangenen Samstag auf seiner Facebook-Seite und erntete dafür rasch mehr als 800 Likes.

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Wolf spricht: "Fürchtet Euch nicht!" Warum nicht, angesichts anhaltender Sparwellen? Weil es "noch nie so viel guten Journalismus gab wie heute". Weil es noch nie "so leicht war wie heute, jeden Tag ein besserer Journalist zu werden". Weil es "noch nie so schwierig und so wichtig" war, die Welt und ihre Informationen zu sortieren – wofür es gelernte und professionelle Journalisten brauche. In diesen Momenten klingt Wolf ein wenig wie Springer-Chef Mathias Döpfner, der regelmäßig "goldene Zeiten" für den Journalismus kommen sieht. Wie Döpfner kann es auch Wolf nicht verstehen, warum "teuer produzierter Journalismus einfach gratis online gestellt" wird. Vor ein paar Jahren wäre diese Haltung noch als netzfeindlich beschimpft worden. Heute gibt’s Applaus, nicht nur von Springer.
Weil Wolf aus dem ausländischen Medienbetrieb kommt, kann er aber auch Verlegerkritik äußern, ohne gleich in die Gewerkschaftsecke gestellt zu werden: Verlage erwirtschafteten hohe Renditen und sparten gleichzeitig, das sei "unanständig". Dass die Zukunft der Branche von der Bild-Zeitung und ihrem Bezahlmodell abhängen solle, sei "irgendwie tragisch". Und dass es Medienunternehmen versäumt hätten, praktikable Bezahlmodelle im Netz zu entwickeln, das sei unverständlich.
Der Erfolg Wolfs lässt ahnen, wie akut der Mangel zu sein scheint, den eine wachsende Zahl von Journalisten verspürt. Einen Mangel an Orientierung, an Selbstbewusstsein, auch einen Mangel an Bedeutung. Es braucht einen, der Credibility mitbringt, der die Sprache der Alten und der Jungen gleichermaßen spricht. Einen, der den Wandel akzeptiert und ihn mitzugestalten versucht. Das klingt so selbstverständlich, scheint aber so schwer zu sein.

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