So verprellt die WAZ ihre Abonnenten

Publishing Es gab eine Zeit, in der Managern in der Zeitungsbranche klar war: Wenn der Vertrieb nicht funktioniert, wenn das Blatt nicht spätestens morgens um 7 Uhr im Briefkasten der Abonnenten liegt, dann gibt's Ärger. Tempi passati. Die WAZ lässt einem Teil ihrer Abonnenten nun ausrichten, ihre Zeitung könne erst einen Tag später zugestellt werden. "Unvermeidliche Logistikänderungen", so die Begründung. So leichtfertig verprellt ein Verlag zahlende Abonnenten.

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"Bedingt durch unvermeidliche Logistikänderungen können wir Ihnen Ihre Zeitung ab dem 1. Juni 2013 leider erst am nächsten Werktag nach dem Erscheinungstag zustellen", heißt es in einem Schreiben an die Abonnenten, das MEEDIA vorliegt. Man bitte "herzlich" um Verständnis. Und verweist auf das "kostenlose" E-Paper der WAZ. Gezeichnet: der Vertrieb der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.
Das Schreiben kommt einer Kapitulationserklärung eines Verlags gleich. In einer Zeit, in der Verlage für jeden zahlenden Print-Abonnenten dankbar sein müssen, entscheidet sich die Funke Mediengruppe dafür, einen Teil der Bezieher in den Hintern zu treten. Und schickt den Betroffenen die Zeitung vom Vortag zu. In die man genauso gut Fisch einwickeln könnte. Man sieht förmlich vor dem inneren Auge, wie die Empfänger des Briefes sich umgehend an ihre Computer gesetzt haben, um ihre Kündigungsschreiben zu verfassen.
Nichts gegen eine Umstellung auf ein digitales Abo. Wenn sich ein Abonnent freiwillig entscheidet, seine Zeitung über ein Tablet zu lesen – um so besser. Er freut sich über die neue Art des digitalen Lesens, und der Verlag spart Druck und Vertriebskosten. In diesem Fall kommt die WAZ aber mit dieser Idee um die Ecke. Offenbar ohne eine Abo-Preisreduktion anzubieten. Denn das "kostenlose" E-Paper ist ja nur für Vollabozahler auch wirklich umsonst.
Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, scheinen von den "unvermeidlichen" Änderungen auch nicht nur solche Abonnenten betroffen zu sein, die außerhalb des Verbreitungsgebiets der WAZ leben. Auch in diesem Fall wäre die Entscheidung falsch, selbst wenn mit solchen Abos weniger bis kaum Geld zu machen ist, weil der Vertrieb viel Geld kostet. MEEDIA liegt jedoch eine Mitteilung an einen Leser vor, der mitten in Essen lebt. Ein einzelner Fehler oder System, um Geld zu sparen – schwer zu sagen.
Die Kommunikationsabteilung der Essener hat sich derweil offenbar nicht sonderlich auf Nachfragen zu diesem Thema vorbereitet. Dass ein Teil der Abo-Auflage bei Beziehern außerhalb des Verbreitungsgebietes teilweise mit Verspätung ankomme, sei keine Besonderheit der WAZ, so die Auskunft am Dienstag nachmittag. Wie viele Abonnenten betroffen seien, könne er nicht sagen, so ein Sprecher. Warum die Umstellung der Zustellung überhaupt nötig ist, ob diese vielleicht mit einem Wechsel von Dienstleistern zu tun habe– auch dazu liege keine Information vor. Ob weitere Bezieher von Abos, die innerhalb Essens leben, betroffen sind – unklar. 

Nachtrag, 6. Juni – Der Süddeutschen Zeitung vom 6. Juni ist zu entnehmen, dass laut Funke Mediengruppe 270 von ca. 12.000 Abonnenten, die ihre WAZ-Ausgaben per Post bekommen, von der Umstellung betroffen seien. Die WAZ hat diese Zahl trotz diverser Nachfragen unserer Seite nicht an uns kommuniziert. 

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