Herr Tuma, der Spiegel und die Quotenfrage

Der Spiegel und die Frauen - das Thema entwickelt sich zum Dauerläufer. Im Spiegel vom 27. Mai (Frauen-affines Titelthema: “Bordell Deutschland”) veröffentlichte der Wirtschafts-Ressortleiter Thomas Tuma unter der Überschrift “Die ScheinriesInnen” ein Essay, in dem er mit dem Verein ProQuote und dessen Protagonistinnen abrechnet. Im aktuellen Spiegel schreibt der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar eine Replik. Die Debatte ist schwierig aber nötig.

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Im MEEDIA-Artikel zur Yogeshwar-Replik wurde der Tuma-Text als Unfug bezeichnet. Beschämend und unklug vom Spiegel war es, den Essay überhaupt zu drucken. Das rief einige Leser auf den Plan, die Zensurforderungen witterten. Zitat aus den Kommentaren: “Denn ein Kritisieren der Frauenquote gehört zu jenen Tabuthemen, die die Brandmauer der political correctness nicht hätte durchdringen dürfen. Diese ‘Brandmauer’, errichtet von einflussreichen Gutmenschen, sorgt in der Regel dafür, dass Beiträge entweder ‘auf Linie’ sind oder ein Erscheinen verhindert wird.”

Oder auch: “Herr Tuma hat dort nicht zum Völkermord aufgerufen, sondern einen gut argumentierenden Kommentar gegen einen Berufsverband geschrieben.” Da hängt bei einigen offenbar noch reichlich Schaum vorm Mund. Da tönt das “Man wird ja wohl noch sagen dürfen” durch – ein beunruhigender Klang. Grund genug, sich nochmal intensiver mit dem angeblich “gut argumentierenden Kommentar” von Thomas Tuma aus dem Prostitutions-Spiegel auseinanderzusetzen.

Der Beginn seines Essays gibt den Sound vor. Tuma unterteilt in “guten” und “bösen” Lobbyismus. “Böser” Lobbyismus sei z.B. das, was “internationale Pharmakonzerne (vulgo: ‘Pillen-Mafia’)” betreiben. “Gut” sei dagegen, wenn beispielsweise Wohlfahrtsverbände “mal wieder einen zünftigen Pflegenotstand entdecken”. Der ironisch, lässige Tonfall (“vulgo”, “mal wieder”) macht klar, dass hier einer durchblickt. “Die Medien” seien es schließlich, die diese Einteilung in “gut” und “böse” mit “Haltungsnoten” vornehmen würden. Denken wir diese Haltung konsequent zu Ende würde dass bedeuten: Der Ressortleiter Wirtschaft des Spiegel hält Pharmaskandale (vulgo: “Pillen-Mafia”), Verschleierungstaktiken von Lebensmittelmultis (Ampelkennzeichnung) sowie gesellschaftliche Groß-Probleme wie den Pflegenotstand (“mal wieder einen zünftigen entdecken”) offenbar für medial inszenierten Klimbim.

Wenn einem der Berufs-Zynismus in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann muss man folgerichtig auch einen Verein wie ProQuote für doof halten. Tuma unterstellt den ProQuote-Frauen “Eigeninteresse, das sie geschickt als gesellschaftliche Relevanz inszenieren.” Schlimm: “Sie haben eine Website, auf der sie sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.” Wenn sich ProQuote öffentlich in die Vereinssatzung schreibt, die Berichterstattung über die bislang ungenügende Gleichstellung fördern zu wollen, dann ist das für Tuma “Agitation und Meinungsmonopolisierung”. Dass sich der Verein dafür auch bei der Politik einsetzen will, würde einem “Kampfauftrag” ähneln. Wenn ProQuote-Mitglieder bei Chefredakteuren anrufen, um deren Haltung zur Frauenförderung zu erfragen, dann riecht Tuma “eine Art Gesinnungspolizei”. Es herrsche ein “allumfassender Gender-Korpsgeist”. Beachten Sie die Wortwahl: Gesinnungspolizei, Korpsgeist, Kampfauftrag, Agitation. Hat Herr Tuma Angst vor den Quoten-Frauen? Will er Angst vor ihnen schüren? Mit dem tatsächlichen Vorgehen des Vereins lässt sich diese martialische Wortwahl nicht erklären.

Einerseits also eine Shock-and-Awe-Rhetorik, andererseits versucht er den Verein klein zu reden. Es seien ja nur 150 zahlende Mitglieder. “Viele ländliche Schützenvereine verfügen über eine größere Basis.” Vom ADAC und dem FC Bayern ganz zu schweigen. Was soll das bedeuten? Da wo viele sind, ist das Recht? ProQuote sei “ein kleiner Club, mit allerdings extrem lauter Stimme” Was hat die Mitgliederzahl überhaupt eine Aussagekraft für die Anliegen des Vereins? Zu Erinnerung: Es geht bei ProQuote darum, dass in deutschen Medien Frauen in Führungspositionen gnadenlos unterrepräsentiert sind.

Woanders sei das ja auch so, verargumentiert sich Tuma weiter. Das Woandershinzeigen macht die Lage bei den Medien freilich nicht besser. Und dann greift der Spiegel-Mann zum beliebten rhetorischen Trick, dass er scheinbar durchaus Verständnis für die Sache an sich hat.  Es gehe ihm gar nicht um “den unbestreitbaren Mangel an Frauen in Führungspositionen” oder um den Sinn einer Quote. “Es geht nicht um das Ziel, sondern um den Weg”, schreibt er und fragt: “Wann verkommt Journalismus zur Propaganda?” Ist es “Propaganda oder gar “Agitation”, wenn sich Journalistinnen in ihrer Freizeit für die Gleichberechtigung von Frauen engagieren und dies auch alles brav transparent öffentlich dokumentieren? Was für eine Frage, natürlich nicht.

Einschub: Was Thomas Tuma unter Transparenz versteht, hat Wolfgang Michal bei Carta.info treffend aufgeschrieben – dort geht es darum, wie Tuma seinerzeit bei seinen großen Gottschalk-Geschichten im Spiegel “vergessen” hat zu erwähnen, dass er, der Journalist, gleichzeitig der Berater des Showmasters war. Aber das nur am Rande.

Es geht Tuma also offiziell nicht um die Sache, sondern um den Stil. Einmal mehr um Haltungsfragen. “Wo immer nun ein Chefposten besetzt wird und eine Frau nicht wenigstens im Rennen ist, maßt sich der Verein ein Mitspracherecht an”, klagt er. Es heiße dann ProQuote “rüffelt” diesen Verlag oder “rügt” jene Senderspitze. Bei der Such-Abfrage “Proquote rüffelt” spuckt Google nur einen einzigen Blog-Beitrag aus, der sich mit Tumas Essay befasst. Und selbst wenn ProQuote öffentlich “rügt” – ja und? Sollen die doch rüffeln und rügen. Machen andere ja auch ständig. We call it “Meinungsbildung”.

Dass es Tuma nicht um “die Sache” geht, kann man freilich allein daran erkennen, dass in seinem Text jeder Faktenbezug zur Sache fehlt. Die ernüchternden Zahlen, wie wenig Frauen in der Medienbranchen in Führungspositionen zu finden sind, reicht diese Woche Ranga Yogeshwar nach (u.a.: 360 Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland, acht davon werden von Frauen geführt).

Tuma dagegen schreibt, die Quoten-Debatte sei “eine vergleichsweise luxuriöse Auseinandersetzung in der Komfortzone einer gesellschaftlichen Elite.” Wenn man zum Beispiel gegen “Unrechtsregime” ankämpfe, dann, ja dann wären solche “Propaganda”-Methoden wie die von ProQuote vielleicht zu rechtfertigen, aber doch nicht bei so lächerlichen Luxus-Problemchen – ruft der Mann in Führungsposition den Frauen zu. Was für ein “Argument”. Die “Medienfrauen” sollen sich nicht so haben. Immerhin wird keine verbrannt, vergewaltigt oder in den Knast geschmissen. Das bisschen Nicht-Befördertwerden ist doch nicht so schlimm. Sorry, aber mehr zelebriertes Machotum geht kaum.

Spätestens nach der Lektüre dieses Essays wundert es jedenfalls nicht, warum gerade beim Spiegel viele Frauen aufbegehren. Ja, der Essay “Die ScheinriesInnen” ist aus all den genannten Gründen beschämend und unklug. Aber gerade darum war es wohl doch ganz gut, dass er gedruckt wurde. Dank des Essays von Thomas Tuma wissen wir nun, dass ein Verein wie ProQuote bitter nötig ist.

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