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„Ich bin ein Kontroll-Freak“

Der ehemalige Bild-Vize Jörg Quoos ist nach Wolfram Weimer nun schon der zweite Hoffnungsträger, der bei Burda das von Helmut Markwort gegründete Nachrichtenmagazin Focus wieder flottmachen soll. In den ersten Monaten seiner Amtszeit erlebte er dabei Scoop-Höhenflüge und Auflagen-Tiefen. Im großen, zweiteiligen MEEDIA-Gespräch spricht er über die Enthüllung der Steuer-Affäre Uli Hoeneß, über seine Einstellung zu Paid Content und erklärt, warum er (noch) nicht twittert.

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Die Enthüllung der Steuer-Affäre Uli Hoeneß war ein echter Scoop für den Focus. Im Nachhinein betrachtet: Was hat Ihnen die Story gebracht?

Diese Geschichte hat maximale Aufmerksamkeit für den Focus gebracht. Überall, auf jeder Eins in Deutschland war Hoeneß Thema. Wir haben gezeigt, dass der Focus die investigative Kraft hat, ein so wichtiges Thema zu setzen.

Nach der Enthüllung konnte man den Eindruck gewinnen, dass andere Medien in Sachen Hoeneß die Deutungs-Hoheit über die Geschichte übernommen haben. Fühlten Sie sich in der weiteren Berichterstattung abgehängt?

Das sehe ich anders. Wir haben die Geschichte enthüllt. Was danach kam, war eine Münchner Zeitung, die von mehreren hundert Millionen Euro in der Schweiz geschrieben hat – was bislang nicht bewiesen ist. Dann kam die Süddeutsche Zeitung mit der Verbindung zum früheren Adidas-Chef Dreyfus und dem Haftbefehl, von dem wir auch wussten, für den wir aber noch keine Bestätigung hatten. Natürlich sind andere Medien dann in die Recherche mit eingestiegen und haben versucht aufzuschließen.

Die Hoeneß-Story hat ihnen auch einige Talkshow-Auftritte eingebracht. Was bringt es für den Focus, wenn Sie bei „Günther Jauch“ oder „Markus Lanz“ sitzen?

Ich bin kein Typ, der jeden Abend in einer Talkshow sitzen muss. Ich habe das gemacht, weil das Thema wichtig war und ich die Möglichkeit hatte, damit Aufmerksamkeit auf den Focus zu lenken und Werbung für seine Inhalte zu machen. Es ist wichtig, dass man den Focus an dieser Stelle mit einem Gesicht verbunden hat. Dass es da jemanden gab, der das Thema erklärt hat und deutlich machen konnte, dass es nicht darum geht, die Fußball-Legende Uli Hoeneß polemisch niederzumachen.

Muss man als Chefredakteur ins Fernsehen gehen können und wollen, um seine Medienmarke zu promoten?

Das muss nicht unbedingt der Chefredakteur persönlich sein. Auch Kollegen aus der Redaktion können und sollen als Aushängeschilder fungieren. Aber in der Medienwelt von heute sollten Chefredakteure schon bereit sein, den eigenen Kopf zur Verfügung zu stellen. Nicht nur im Fernsehen, auch in Newslettern, in Videos, in Grußbotschaften, bei Twitter, in den Sozialen Netzwerken.

Danke für die Vorlage – twittern Sie?

Nein, noch nicht. Ich will künftig auch soziale Netzwerke bespielen. Im Augenblick ist es – ganz ehrlich – eine Frage der Prioritäten. Ich bin nach über 20 Jahren Tageszeitung beim Magazin noch nicht in einem Routine-Modus. Und wenn man bei Twitter aktiv anfängt, sollte das auch Hand und Fuß haben. Ich habe keine Lust, Irgendjemanden zu beauftragen, in meinem Namen Soziale Netzwerke zu pflegen und in vier Wochen wundere ich mich, was der in meinem Namen da geschrieben hat.

Muss man bei Aktivitäten in Sozialen Netzwerken nicht auch ein gewisses Maß an Unperfektheit zulassen?

Das ist leider mein Problem. Ich habe den Ruf des Kontroll-Freaks. Sie haben recht, wahrscheinlich muss man das zulassen können. Es fällt mir aber schwer.

Lesen Sie, was bei Twitter oder Facebook steht?

Ja klar, auch wenn man das nicht alles ernst nehmen sollte.

Ihr Ex-Chef Kai Diekmann ist einer der am eifrigsten twitternden Chefredakteure …

Der ist natürlich durch seinen langen Aufenthalt in Kalifornien stark aufgeladen für solche Dinge. Er macht das eifrig und ich bin mir sicher, dass er weitermacht, wenn er wieder in Deutschland ist.

Zur medialen Gretchenfrage: Wie halten Sie‘s denn mit dem Digitalen?

Ich lese leidenschaftlich gerne Print, bin aber genauso im Digitalen unterwegs und sauge den ganzen Tag über Nachrichten auf. Die digitale Welt hat bei den schnellen Nachrichten klare Vorteile. Aber ich glaube daran, dass wir bei Burda die digitale Welt mit der Print-Welt wunderbar in Einklang bringen können. Print hat eine Daseins-Berechtigung. Das Haus hier hat große Lust auf Print, ich habe große Lust auf Print. In die Gesänge, dass ausschließlich die digitale Welt die Welt der Zukunft ist, werde ich nicht einstimmen.

Abgesehen von allen gesellschaftsrechtlichen Hürden – würden sie sich eine gemeinsame Print- und Online-Redaktion für die Marke Focus wünschen?

Der Steinbrück würde jetzt sagen: Hätte, hätte, Fahrradkette …

Schon klar. Aber wenn man die Medienmarke Focus neu aufbauen würde, käme wohl niemand auf die Idee, die Redaktion in Print und Online aufzuteilen.

Ich rede jetzt mit Ihnen über die Focus-Printredaktion. Das ist mein Job, für den hat mich der Verlag geholt. Und da habe ich genug zu tun. Parallel baue ich tolle Kontakte in die Redaktion meines Kollegen Daniel Steil von Focus Online auf. Wir tauschen uns aus. Das ist ein wichtiger Schritt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

War auch mehr eine theoretische Frage. Der Spiegel bekommt unter ordentlich Gerumpel immerhin bald eine gemeinsame Chefredaktion für Print und Online …

Da muss man aber auch erst sehen, ob das funktioniert. Es gibt für alles immer gute Argumente dafür und dagegen. Gelegentlich ist Konkurrenz im eigenen Haus gar nicht so schlecht. Natürlich werde ich meine besten Exklusiv-Geschichten nicht lächelnd zu Online reichen. Die Digitalen müssen schauen, wie sie Geld machen und wir müssen schauen, wie wir mit dem Magazin an Leser kommen.

Kann man Print und Online noch getrennt denken? Wenn ich viele Print-Magazine anschaue, dann kommt mir sehr vieles schon so bekannt vor. Auch wenn in Print die Geschichten mehr Tiefe haben – ich bin als Leser, als Konsument von Online meistens schon satt.

Und warum wollen dann so viele junge Journalisten eher zu Print als zu Online? Und woher kommen denn die meisten großen Enthüllungsgeschichten? Sie kommen noch immer aus den Print-Redaktionen.

Weil die Online-Redaktionen gar nicht die Ressourcen für solche Geschichten erhalten.

Sehen Sie!

Würden Sie bei so einer großen Geschichte auch mit Focus Online zusammenarbeiten, um die Story zwischen den Erscheinungsterminen des gedruckten Focus voranzutreiben?

Wenn ich feststelle, dass ich auf einer tollen Exklusiv-Geschichte sitze, die mir zwischen den Fingern zerrinnt, weil mein nächstes Druck-Datum zu weit weg liegt – natürlich gebe ich die dann an Online. Da ist es mir wurscht, dass Focus Online zur Tomorrow Focus AG gehört und Focus zur Burda News Group, das bleibt dann in der Marke.

Paid Content – ja oder nein?

Im Print absolut Paid Content! Wir verschenken keinen Focus …

Außer in Flugzeugen.

Die werden nicht verschenkt.

An die Leser schon.

Uns werden die Exemplare aber von den Fluggesellschaften bezahlt. Das ist ganz wichtig. Ansonsten verfolge ich mit Interesse den Streit um das Thema Paid Content. Focus Online hat sich gegen eine Bezahlschranke entschieden. Im Augenblick erkenne ich, dass dieser Kurs gar nicht so schlecht ist. Focus.de ist sehr erfolgreich.

Wie verfolgen Sie die Debatte um die deutsche Huffington Post, die in Kooperation mit der Tomorrow Focus AG und Focus Online kommt?

Die Redaktionen von Focus Online und der HuffPo werden meines Wissens getrennt sein. Ich bin auch erstaunt, wenn ich sehe, wie reflexhaft einige dieses Projekt jetzt runterschreiben. Nach dem Motto: Das sind alles Ausbeuter.

Die Meinung hat der Focus früher auch vertreten.

Ich kann da nur für mich selbst sprechen. Ich finde das Projekt Huffington-Post spannend. Es zeugt auch von großem Mut, das jetzt in Deutschland auszuprobieren. Der Journalismus befindet sich in einer schwierigen Umbruchphase. Da macht es durchaus Sinn, verschiedene Wege auszuprobieren. Wer am Ende Recht hatte, werden wir in ein paar Jahren sehen.

Können Sie in einem Satz zusammenfassen, was der Focus ist?

Der Focus hat Lust auf Leistung. Der Focus bietet Qualität.

Das sind schon zwei Sätze – ich meine eher etwas wie: Der Spiegel ist das deutsche Nachrichtenmagazin. Die Bunte ist die deutsche People-Zeitschrift. Die Süddeutsche ist die große, linksliberale deutsche Tageszeitung. Bild ist die deutsche Boulevardzeitung … Was ist der Focus?

Der Focus ist ein Nachrichtenmagazin, in dem alles Entscheidende steht.

Das ist der Werbe-Claim oder?

So ähnlich ist unser Claim, ja. Er lautet: „Das Entscheidende im Focus“.

Was ist denn „das Entscheidende“?

Das Nachhaltige und auch das Wichtige. Die Uli-Hoeneß-Geschichte zum Beispiel war wichtig. Oder das Special zur Niedersachsen-Wahl …

Haben Sie damit nicht das Tageszeitungsprinzip über den Focus gestülpt?

Ein bisschen schon. Aber der Focus ist ein Nachrichtenmagazin für Leute, die gut informiert sein wollen. Warum soll ich an der Stelle nicht ein bisschen Tageszeitung spielen? Und das Niedersachsen-Special was schnell und hatte trotzdem Magazin-Qualität.

Lesen Sie im zweiten Teil des großen MEEDIA-Gesprächs mit Jörg Quoos, wie man in Print-Medien heute noch Themen setzen kann, die beim Publikum funktionieren.

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